Neues Museum: Den Bilderrahmen sprengen, bitte!

In Wels-Thalheim hat der Industrielle Heinz J.Angerlehner gestern sein Privatmuseum eröffnet. Für eine Sammlung österreichischer Malerei mit Potenzial.

Neues Museum Bilderrahmen sprengen
Neues Museum Bilderrahmen sprengen
Angerlehner – (c) APA/MATTHIAS LAUBER (MATTHIAS LAUBER)

Fast genau ein Jahr ist es her, da begann der Umbau der Industriehalle im Welser Vorort Thalheim. Da erzählte Privatsammler Heinz J.Angerlehner der „Presse“ von seinen Plänen, hier, in seiner Heimat, ein „richtiges Museum“ hinstellen zu wollen. Da gab er an, etwa 1500 Werke österreichischer Künstler des Zeitraums seit 1950 zu besitzen.

Über 2500 Werke sind es heute, wurde gestern bei der ersten Pressekonferenz im Foyer des blitzblanken Museums Angerlehner verkündet. Und es schaut genauso aus, wie sich ein Industrieller ein „richtiges Museum“ eben vorstellt: repräsentativ, modern, praktikabel. Außen elegante Black Box, innen White Cube, also neutrale Ausstellungshallen. Wobei man sagen muss, dass die große Halle im Untergeschoß doch mit ihren Ausmaßen überrascht. Kommt einem schon die Oberlichthalle im Lentos Linz übermächtig vor mit ihren 800 Quadratmetern, darf man hier auf 1200 qm beobachten, wie schwierig es ist, derartige Ausmaße zu bespielen. Vor allem, wenn nur Tafelbilder gehängt werden sollen.

Dafür hat man zum Auftakt den Kurator des BA-Kunstforums, Florian Steininger, engagiert, der sich für eine recht brave Hängung entschieden hat. Einmal rundherum, halbwegs kunsthistorisch, von Informel bis zu den neuen Realisten. Viele Namen kennt man, viele weniger, manche gar nicht, hin und wieder auch zu Unrecht. In den Ecken stehen einzelne Skulpturen. Die Fläche dazwischen aber bleibt bis auf rote Sitzbankungetüme ungenützt. Wir blicken in die rosige Zukunft – und sehen hier tolle Installationen wuchern. Von jungen Wilden vielleicht.

 

Hier schlummert kritisches Potenzial

Bisher sind vor allem die ehemaligen Wilden würdig vertreten – Anzinger, Schmalix, Brandl, Scheibl, Bohatsch etc. Und eine auffällige Gruppe gegenständlicher Maler, von Martin Schnur, Franziska Maderthaner, Andreas Leikauf, Bettina Patermo bis Markus Proschek. Ihr inhaltliches Potenzial – Proscheks Auseinandersetzung mit dem NS-Kult des Idealen oder Patermos Beobachtungen der Spannungen von Nacktheit und Verhüllung in der islamischen Kultur – geht in diesem ersten Überblick allerdings schändlich unter. Hier schlummert gesellschaftskritisches Potenzial für spätere Präsentationen.

Vielleicht ja im Obergeschoß, wo öfters wechselnde Ausstellungen in vier Galerieräumen stattfinden sollen. Zum Einstand hat man hier einen Jungen und einen Alten gegenübergestellt, beide aus Oberösterreich, auch ein Statement: die konzeptuellen Arbeiten von Patrick Schmierer und das Lebenswerk von Josef Bauer, das für all jene, die aus biografischen Zwängen 1968 noch nicht die Griechenbeisl-Galerie besuchen konnten, eine Entdeckung ist (damals stellte er in Wien aus). Die langen, schwarzen Buchstaben-Stäbe des ehemaligen Stabhochsprung-Landesmeisters etwa, ein starkes Zeichen dieser Zeit der Proteste.Und in Performancefotos von damals spürt man die One Minute Sculptures eines Erwin Wurm vorweggefühlt.

Derlei Erinnerungsarbeit wäre ein prächtiger Schwerpunkt für dieses Haus. Ein Garant dafür verspricht der Direktor zu werden, der tatsächlich, wie Angerlehner sagt, ein Glücksgriff ist. Ist Peter Assmann neben Peter Baum doch Oberösterreichs erfahrenster Museumsmann. Nachdem er wegen politischer Interventionen seinen Posten als Leiter der OÖ-Landesmuseen heuer überraschend verließ, checkte er ebenso überraschend bei Angerlehner ein. Zwei, drei Nummern kleiner. Aber nicht weniger anspruchsvoll. Positionieren Sie doch einmal ein zeitgenössisches Privatmuseum ohne Subventionen in Wels! Mit einer markanten Sammlerpersönlichkeit wie Angerlehner im Nacken.

Viel wird natürlich auf Vermittlung gesetzt, auf Mobilisierung der Leute vor Ort. Ein Freundesverein samt Präsidenten ist schon eifrig am Werben. Drei Künstler, Schnur, Gunter Damisch, Sevda Chkoutova haben Grafikeditionen beigesteuert, „Einstiegsdrogen“ zum Sammeln. Und wirklich bekommt man Lust dazu, sieht man den ungeheuren Platz, den Angerlehner sich gegönnt hat – sieht man durch die 50 Meter lange Glasscheibe vom schlauchartigen Veranstaltungssaal ins Schaudepot hinüber. Über 160 „Register“ kann Angerlehner hier ziehen. Und all diese Schiebewände scheinen bereits voll. Mit einem Querschnitt durch das, was in Galerien in Wien und Oberösterreich an Malerei zu haben ist. Angerlehner scheint vieles davon zu gefallen. Video, Performance, Fotografie, Installation taten das bisher anscheinend fast nicht. Er wird sie aber brauchen, damit sein Haus den Rahmen sprengt. Weg vom privaten Vergnügen. Hin zu etwas, das die Welt noch nicht gesehen, gedacht, verstanden hat. Wäre das nicht ein Anspruch? Auch in Wels-Thalheim?

www.museum-angerlehner.at; Donnerstag bis Sonntag 10–18 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2013)

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