Agentin aus Glaube an den Kommunismus

Aus Liebe zu sozialer Gerechtigkeit wurde Edith Tudor-Hart Fotografin und Agentin für die Sowjetunion. Das Wien-Museum widmet ihr eine Schau. „Die Presse“ sprach mit ihrem Bruder Wolf Suschitzky.

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Agentin Glaube Kommunismus – (C) Scottish National Portrait Gallery

Mit eindringlichen und empfindsamen Aufnahmen hat die Fotografin Edith Tudor-Hart das soziale Elend ihrer Tage festgehalten. Das Wien-Museum gedenkt ab 26.9. mit einer Werkschau der 1908 in Favoriten geborenen Künstlerin. Tudor-Hart wollte aber nicht nur mit ihrer Fotografie aufrütteln. Sie glaubte an den Kommunismus und wurde dafür zu einer Mitarbeiterin des sowjetischen Geheimdienstes.

„Wir waren alle begeistert von der russischen Revolution“, erinnert sich ihr Bruder, der heute 101-jährige Kameramann und Fotograf Wolf Suschitzky. Als die Entente-Mächte gegen die Revolution intervenierten, waren viele Sympathisanten der Kommunisten bestürzt. „Viele wollten den Russen helfen“, sagt Suschitzky. Er glaubt, dass „Edith schon damals in Wien begonnen hat, für die Russen zu arbeiten“. Bewiesen ist seit 1998 durch Aktenfunde in Moskauer Archiven, dass Tudor-Hart nach der Auswanderung aus Österreich 1933 nach Großbritannien Mitarbeiterin des sowjetischen Geheimdienstes war. Dabei war sie für die Anwerbung des britischen Spions Kim Philby verantwortlich. Er war der bekannteste Vertreter der „Cambridge Five“, die im Herzen des britischen Establishments für Moskau spionierten.

 

„Die Partei hatte so eine Macht“

Edith absolvierte 1925 eine Ausbildung bei Maria Montessori in London, 1929 studierte sie Fotografie am Bauhaus in Dessau. Ihr Bruder, Wolf Suschitzky, der Österreich nach dem Februar-Putsch 1934 verließ und schließlich nach London ging, sieht ein gemeinsames Motiv: „Sie wollte etwas tun, um die Gesellschaft zu verändern.“ Die Macht des neuen Mediums war augenscheinlich, auch für die kommunistische Partei.

Edith zog nach der Hochzeit mit dem britischen Arzt Alexander Tudor-Hart 1933 nach London. Während er eine Praxis im Arbeiterbezirk Brixton aufmachte („Das Elend war schrecklich, er behandelte viele Leute gratis“, erinnert sich Suschitzky), fotografierte Edith das Elend im Londoner East End. Und sie arbeitete den Sowjets zu: 1934 stellte sie den Kontakt zwischen Philby und den sowjetischen Vertretern her. Der Verrat der „Cambridge Five“ gilt in Großbritannien bis heute als beispiellos. Führender Vertreter war Philby, der sich 1963 nach Moskau absetzen konnte, wo er 1988 als Träger des Leninordens (und schwerer Alkoholiker) im Alter von 76 Jahren starb. Dass er aus dem noblen Foreign Office völlig ungeniert an die Lubjanka berichtete, haben die Briten bis heute nicht verwunden.

Fotografie als politische Waffe: Edith Tudor-Hart im Wien Museum

Aus Cambridge gab während des Zweiten Weltkriegs auch der österreichische Chemiker Engelbert Broda, Kommunist und Bruder des späteren Justizministers Christian Broda, Geheimnisse über das US-Atomprogramm an Moskau weiter. Suschitzky: „Es gab damals einige Leute in Großbritannien, die dachten, die westlichen Alliierten seien allzu verschwiegen gegenüber den Russen, die immerhin unsere Verbündeten gegen Hitler waren. Es gab welche, die ihr Wissen an die Sowjets weitergeben wollten. Edith hat das, glaube ich, vermittelt.“

Mit Broda arbeitete der britische Physiker Allan Nunn May, den ebenfalls Edith Tudor-Hart an den UdSSR-Geheimdienst vermittelte. Daneben habe sie weitere Kurierdienste geleistet, schreibt der ehemalige KGB-Mann Oleg Zarew. Tudor-Hart arbeitete nicht für Geld oder irgendeine Gegenleistung für die Sowjetunion. „Das Einzige, was man gefunden hat, war eine Taxirechnung über fünf Pfund“, sagt ihr Bruder. Über ihre geheime Tätigkeit sprach sie nie: „Sie war KP-Parteimitglied, aber sie hat das nie betont. Sie hatte gelernt, wie man sich benimmt, wenn man für die Russen arbeitet“, sagt Suschitzky.

Die Enthüllungen über die Verbrechen des Kommunismus, die Niederschlagung des Volksaufstands in Ungarn 1956 und die Intervention in der Tschechoslowakei 1968 müssen ein Schock gewesen sein für jeden Menschen, der sich der Sache verschrieben hatte. Suschitzky beantwortet die Frage nur indirekt: „Es war für viele sehr schwer hinzunehmen, dass die Kommunisten so viele Menschen geschlachtet hatten. Die Partei hatte so eine Macht über ihre Mitglieder, das kann man sich heute nicht mehr vorstellen.“

Edith Tudor-Hart hat dafür einen hohen Preis bezahlt. Der britische Geheimdienst beschattete sie viele Jahre, ihre Wohnung wurde durchsucht, sie hatte enorme Schwierigkeiten, ihre Arbeiten zu verkaufen und war stets überzeugt, dass sie auf einer schwarzen Liste stand. Nach dem Überlaufen Philbys 1963 zerstörte sie ihren Werkindex, wohl auch einen Teil ihrer Negative. Wenig später gab sie die Fotografie völlig auf. „Ich kann nicht mehr“, sagte sie ihrem Bruder.

Finanzielle Nöte plagten sie zeitlebens. Ihre Ehe scheiterte und wurde 1938 geschieden. Der schwerste Schlag aber war die Erkrankung ihres 1936 geborenen Sohnes Tommy, der mit fünf Jahren an schwerem Autismus erkrankte. Edith Tudor-Hart starb 1973. Ihr Sohn überlebte sie um mehr als 15 Jahre. Wolf Suschitzky: „Meine Schwester hat ein sehr schweres Leben gehabt. Ich habe sie nie beneidet.“

Ihr Bruder: Wolf Suschitzky

Geboren 1912 in Wien, emigrierte 1934 nach London. Er war Kameramann bei fast 200 Filmen, darunter Klassiker wie „Entertaining Mr. Sloane“ und „Theatre of Blood“. Daneben ist er Fotograf. Über die Entwicklung dieser Kunstform sagte er der „Presse“: „Was mir Sorge macht, ist das Verschwinden des Familienalbums. Unzählige Fotos werden heute gemacht und achtlos abgelegt. Aber keiner führt mehr Alben für die Nachkommen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.09.2013)

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