Vampire heute: Melancholisch und single

Ein wahrer Schaffensrausch hat Joann Sfar zum bedeutendsten Comicschöpfer Frankreichs gemacht. In „Vampir“ zeichnet er den Titelhelden als menschenfreundlichen Neurotiker auf der Suche nach Liebe.

(C) Avant Verlag

Der Franzose Joann Sfar ist ein Phänomen. Mit überwältigendem Schaffensdrang hat er sich zu einem der bedeutendsten Comicautoren entwickelt: Über 100 Bände als Schreiber oder Zeichner – meist beides – in zwei Dekaden. In den vergangenen Jahren hat sich der 42-jährige Sfar auch als Filmemacher etabliert, mit einem großen Spielfilm über Sänger Serge Gainsbourg und dem Animationsfilm-Ko-Regie bei „Die Katze des Rabbiners“ nach seiner erfolgreichen Comicserie.

Phänomenal an Sfar ist weniger die Produktivität – Vielarbeiter gibt es viele – als sein erstaunlicher Erfolg mit vermeintlich randständigen, aber faszinierend fantastisch ausgeschmückten Sujets: von Russland in den Revolutionsjahren bis zu Stummfilmen und Schauermärchen. Aber insbesondere huldigt er der von den Nationalsozialisten zerstörten traditionellen Welt von Europas Judentum.

So sind in „Die Katze des Rabbiners“ die theologischen Debatten der beiden Titelfiguren zentral und der zuletzt auf Deutsch übersetzte Sfar-Band „Chagall in Russland“ ist nicht Biografie, sondern pure Fantasie: Im russischen Schtetl trifft der Maler u.a. auf seinen grünen Jesus, Kosaken, den Golem und sogar ein Jidl mit der Fidl. Auch im Film „Gainsbourg“ stellte Sfar den jüdischen Hintergrund des Sängers entscheidend in der Vordergrund – wenn er sich nicht gerade dessen Affären widmete: L'amour, gern auch fou, ist ebenfalls ein Sfar-Stammthema. Nicht nur darin ist er dann doch sehr französisch.

Das belegt auch ein endlich auf Deutsch erscheinender Sfar-Klassiker: „Vampir“ versammelt die Übersetzungen der ersten vier Alben seiner „Grand Vampire“-Comics. Nicht nur als Blutsauger – er achtet beim Biss stets darauf, keine Menschen zu töten – ist Vampir Ferdinand ein unkonventioneller Held à la Sfar. Sein Vampirismus bedingt entsprechende Eigenheiten (bleiches Gesicht, Sarg als Schlafstatt), aber sonst führt er ein erstaunlich wiedererkennbares, urbanes Single-Dasein. Ferdinand tendiert zwar prinzipiell zu leicht depressiver Antriebslosigkeit, aber seine Sammelwut für alte Vinylplatten mit noch älteren Chansons und unvermeidlich unglückliche Frauengeschichten locken ihn dann doch immer wieder aus der Einsamkeit seines Schlosses ins Nachtleben.

 

Ein kurioser Erbe von Christopher Lee

Ferdinands heiter-melancholische Abenteuer führen dabei in typische Sfar-Fabelwelten. Ob es um die Zusammenführung zweier einander liebender Schachautomaten geht oder um Beziehungsprobleme mit den attraktiven, aber anstrengenden Schwestern namens Aspirine und Ritalina: Trotz aller Neurosen ist der Vampir eigentlich die normalste Figur in einem fantastischen Universum, das Baummänner, Hexentanten und natürlich auch wieder der Golem bevölkern.

Bemerkenswert an „Vampir“ ist der farbsatte Zeichenstil – in anderen Werken führt Sfar seinen schnellen Strich oft bewusst zittrig, fast skizzenhaft. Hier beschwört er auch seine Begeisterung fürs Kino: Ferdinand ist ein Erbe von Murnaus „Nosferatu“ und Christopher Lee als Dracula in den ähnlich dunkel-farbintensiven Hammer-Horrorfilmen. Aber bei aller ausgestellten Liebe zur Vergangenheit: Sfar liefert einen originellen Beitrag zur Modernisierung des Vampirmythos .

„Vampir“ von Joann Sfar ist soeben beim Avant-Verlag auf Deutsch erschienen: 216 Seiten, 29,95 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2014)

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