Das Spiel mit der Naivität

Die Galerie bei der Albertina erinnert an den früh verstorbenen Maler Alfred Klinkan, dessen Arbeit von seiner Lust an der Farbe und am Experiment zeugt.

ALFRED KLINKAN: ''WEG IN JISLAND'', 1982, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm
ALFRED KLINKAN: ''WEG IN JISLAND'', 1982, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm
ALFRED KLINKAN: ''WEG IN JISLAND'' (ausschnitt), 1982, Öl auf Leinwand, 200 x 200 cm – (c) Graphisches Atelier Neumann, Wien

Einen „hintergründigen Alchimisten der Farbe“ nannte Wilfried Skreiner ihn einmal. Geboren 1950 in der Steiermark, gehört Alfred Klinkan zu einer Generation von Malern, die mit Formen und Farben aus dem Vollen schöpften. 1994 starb er mit nur 44 Jahren in Wien. Aus Anlass seines 20-jährigen Todestages und wohl auch, um gegen das Vergessen anzukämpfen, zeigt die Galerie bei der Albertina jetzt in der großen Verkaufsausstellung 43 Werke von 1972 bis 1988.

Klinkan wird oft den Neuen Wilden zugeordnet, gehört aber streng genommen in keine einzige Schublade: Er studierte 1970–74 an der Akademie in Wien bei Josef Mikl und Wolfgang Hollegha, zwei österreichischen Meistern einer gestischen, farbenfrohen Abstraktion. Ende der 1970er war diese Art der Abstraktion allerdings schon überholt worden von neuen Tendenzen: Aus den USA kamen die auf das Äußerste reduzierten Formen des Minimalismus und die auf gedanklichen Konstruktionen basierende Konzeptkunst. Wer diesem Einfluss nicht folgte, suchte eine politisch aufgeladene, eher malereifeindliche Kunst, die wie im Fluxus zu Happenings aufrief oder im Einflussbereich von Joseph Beuys eine Weltverbesserung in freier Kombination mit privater Mythologie inszenierte. Die Ateliers seien in dieser Zeit geschlossen gewesen, die Kunst hätte auf der Straße stattgefunden, hieß es immer lapidar über die 1970er-Jahre. Sicherlich stimmt das nicht in dieser Radikalität, trifft aber den Nerv jener Zeit. Erst ab Anfang der 1980er-Jahre konnte die Malerei wieder ins Scheinwerferlicht treten, gebündelt unter dem Label Neue Wilde: eine wilde, farbenfrohe, unbekümmerte, oft dilettantische, figürliche Malerei.

Von all den sich im Zehn-Jahres-Rhythmus abwechselnden Entwicklungen blieb Klinkan weitgehend unbeeindruckt. 1972 malte er fröhlich Christbäume und merkwürdig gekringelte Bilder, die an Strickmaschen erinnern. Damit überzog er die ganze Bildfläche, nannte es einmal „Schleier“, dann „Help“, versteckte einen Krampus darin und kreierte die Wortneuschöpfung „Leuterne“. Diese Werke kosten in der Galerie Zetter jetzt ab 11.500 Euro.


Alltagsnahe Motive. Manchmal schrieb er in seine Bilder einen Schulaufsatz inklusiv Fehler: „Mein Vater sauft mich an. Dann schbeiben wir auf den Tisch.“ Die Note: „sehr, sehr gut“. Manches ist im Humor fast von Kippenberger-Qualität, wenn er mit Kringeln bedeckte Socken an einer Wäscheleine hängend malt und darunter schreibt: „Stilleben, außer es kommt der Wind!“ (28.000 Euro). Die Motive sind alltagsnah, die Malweise spielt mit Naivität. Ende der 1970er-Jahre ändert sich sein Stil, er entwickelt eine malerische Sprache in der Schnittmenge von Holleghas Abstraktion und der grob umrissenen Figurenwelt der Neuen Wilden. Fabelwesen und Tiere bevölkern seine von Farbexplosionen gekennzeichneten Bildwelten. Bald wechselte er dann von den „barocken Sammelsurien“ seiner „Wunderwelt-Bilder“ zu „nahezu psychedelisch anmutenden Farben, deren Glühen und immaterielle Leuchtkraft“ (Andrea Schuster im Katalog) Skreier 1985 zu eben jener eingangs zitierten Aussage bewegten. Seine „mustertapetenartigen Vexierbilder“ (Andrea Schuster) unterscheiden sich deutlich von dem zeitgleich entstehenden figurativen Expressionismus Siegfried Anzingers oder den Galaxien voller amöbenhafter Wesen von Gunther Damisch, die zu jener Zeit zu den Neuen Wilden gehörten und deren Werke heuer in Wien in großen Personalen zu sehen waren.

Anders als die Neuen Wilden in Deutschland, Österreich und Italien interessierte Klinkan offensichtlich nicht die Überwindung des Kontrasts abstrakt-figurativ – das hatte er in seinen Kringel-Bildern schon erledigt. Auch erzählt er trotz der vielen Wesen keine greifbaren Geschichten. Seine Werke sind getragen vor allem von der Farbe. „Einfach gute Malerei“ hieß 1983 eine Ausstellung im damaligen 20er-Haus, an der er teilnahm – der Titel trifft es gut. 1985 zieht er nach Freising, heiratet. Zwei Söhne werden geboren. In dieser Zeit werden seine Bilder ruhiger, großflächiger, das Format wird kleiner, der Hintergrund ist nicht mehr psychedelisch-bunt, sondern monochrom. 1994 stirbt er an Herzversagen.

„Klinkans Position in der Malerei ist wie eine Insel“, schreibt Florian Steininger im Katalog. „Er lässt sich schwer schubladisieren, wenngleich er oft als Scharnierfigur zwischen Wirklichkeiten und Neuen Wilden instrumentalisiert wird.“ Wie aber sehen wir heute dieses Werk? Hat die Frage nach einer „Schublade“ noch Relevanz, ist Klinkans farbenreiche Malerei noch oder vielleicht wieder aktuell? Zur Eröffnung in der Galerie Zetter hielt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder die Rede. Von „Aktualität“ wollte er nicht sprechen, eine „Relevanz“ jedoch sieht er deutlich. Manches Werk von Künstlern der nahen Vergangenheit wirke auf ihn nostalgisch, bei Klinkan allerdings konstatiert Schröder „Farbkraft und Spontanität der Zeichnung“. Er vergleicht ihn mit Henry Matisse und Georg Baselitz. Die Albertina verfüge über einen großen Bestand von Aquarellen Klinkans, die „dringend gezeigt gehören“.

Der Belgier Adriaan Raemdonck, der Klinkan erstmals 1977 in seiner Galerie De Zwarte Panter in Antwerpen zeigte, nannte Klinkan im Gespräch mit der „Presse“ sogar einen „Künstler der Zukunft“: Heute gehe die Malerei wieder zu ihren Wurzeln, zu Ensor, Brueghel, suche einen Ausdruck auf einer sehr persönlichen Sprache, wofür Klinkan wie kaum ein anderer stehe. Diese Malerei sei eine Art von „Happiness, die wir heute unbedingt benötigen“.

Alfred Klinkan, Galerie an der Albertina - Zetter, bis 29. November 2014.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.10.2014)

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