Plakate: Botschaft sucht Bauch

Das MAK zeigt die „100 besten Plakate“. Und der Joseph-Binder-Award prämierte noch mehr Gestaltungsideen.

(c) Beigestellt

Plakate sind beharrlich. Sie reagieren auf keine Fernbedienung. Dafür reagieren die Menschen auf sie. Weil Plakate so konsequent in den Raum kommunizieren, in den öffentlichen zumeist. Auf Plakaten bekommen Bild- und Gestaltungsideen noch mehr Wirkfläche als anderswo. Und diese muss nicht einmal dort enden, wo das Format seine Ränder hat. „Ich finde es gut, wenn Plakate ihre Umgebung in die Gestaltung mitaufnehmen“, sagt etwa die Kommunikationsdesignerin Verena Panholzer. Dann fließt das Medium endgültig in Formen aus, die der Werbesprech „Ambient Media“ nennt.

Großformatig: Plakatkunst


„Das Stadtbild“, meint Panholzer, „besteht auch aus Plakaten.“ Und die Kommunikationsdesigner malen mit ihren Ideen daran fleißig mit. Die überraschendsten und auffälligsten davon prämiert der Verein 100 beste Plakate, sammelt sie in einem Buch und hängt sie schließlich eine Zeit lang ins Museum: derzeit ins Wiener MAK. Und auch im Designforum im Museumsquartier zeigen Beispiele – die Gewinner des Joseph-Binder-Awards –, dass die Plakatgestaltung längst nicht so starr ist wie die Plakate selbst.

MAK-Kurator Peter Klinger streift nicht nur gern durch die Kunstblättersammlung, sondern auch durch den öffentlichen Kommunikationsraum der Städte, in denen die Plakate ungefragt bei ihm abliefern, was am Abend so los ist, was sonst noch passiert, aber auch, wie die Stimmung ist und was den Menschen unter den Nägeln brennt. Zum Deponieren der Botschaft bleibt dem Plakat traditionell nicht viel Zeit: „Es ist ein Sekundenprodukt“, sagt Klinger, „entweder es fährt in den Bauch ein – oder es lässt mich kalt.“

Klassische Werbeplakate hätten sich kaum unter die 1700 Einreichungen für die „100 besten Plakate“ verirrt, erzählt die Vorsitzende der Jury, Verena Panholzer. Schade eigentlich, meint sie. Zwei kommerzielle Sujets zeigen trotzdem, wie man die entscheidende Sekunde optimal nützt: mit einer extrem komprimierten Idee. So ist die Hamburger Agentur Rocket & Wing in den Kreis der ausgewählten 100 geschlüpft. „Viel, viel Koffein“ heißt der Claim von Fritz Kola. Und mehr als jeweils zwei Kronenkorken und wahrscheinlich ein wenig Fritz Kola brauchten die Gestalter nicht, um das Wirkversprechen bildlich klarzumachen.

Die Sprache des Plakats. Das vertikale, unausweichliche Medium hat ohnehin schon viel gelernt: Es rollt sich, leuchtet, duftet manchmal, reagiert sogar beizeiten auf Berührung. Doch die Muttersprache des Plakats ist noch immer dieselbe: jene der Buchstaben. Und jene der Bilder. Obwohl von diesen, zumal von den fotografischen – das haben Klinger und Panholzer bemerkt – in diesem Wettbewerbsjahrgang viel weniger zu sehen waren.

Schließlich zeigen Plakate nicht nur manchmal Mode, sie gehorchen ihr auch. Da schwappen Wellen über: gern auch gestalterisch weit zurück in jene Zeiten, als Illustration das einzige Mittel der Plakatkunst war. Auch den Buchstaben trauen die Gestalter heute wieder viel Kommunikationskraft zu. Vor allem, wenn die Typografie möglichst groß ist oder selbst zu Bildern wird, sogar Fell trägt, wenn sie für ein Monsterfestival wirbt. Aber vor allem dürfen die Buchstaben auch einmal quer oder auf einem Haufen liegen, auf dem Kopf stehen, gespiegelt sein und überhaupt ganz und gar aus dem konventionellen Rahmen fallen. Hauptsache, mit dem Gewohnten brechen – meinen Klinger und Panholzer. Gut, wenn sie beim Jurieren Dinge murmeln wie „So noch nie gesehen“.

Textilien als Überbringer. Die Botschaft muss auch nicht immer Papier schultern: Die Gestalterin Pia Moana Scharler machte Textilien zum Überbringer: für das „Kino in der Mensa“ der Universität für angewandte Kunst. So konnte man einen Subtext der Gestaltung gleich mit nach Hause tragen: Aus den Plakaten wurden Seesäcke. Und deren Verkauf finanzierte das Popcorn für die nächste Vorstellung.

Wichtig sei, meint Klinger, dass „die Gestaltung durch das Thema motiviert ist“. Auch wenn es etwa um erektile Dysfunktion geht. Und auf einem Plakat im Wartezimmer ein „kleiner Mann“ auf ein neues Medikament aufmerksam macht. In der Gestaltung der Designagentur Eigler & Schöler hat das Thema fast unendlich viel Raum – so klein und verloren steht der Mann in der Plakatmitte.

Joseph-Binder-Award. „Wir sagen immer ‚Konzept, Konzept, Konzept‘“, erläutert Susanne Breitfeld vom Berufsverband der deutschen Kommunikationsdesigner. Sie war Mitglied der Jury des einzigen österreichischen internationalen Designpreises – und bringt damit eines der Qualitätskriterien quasi auf drei Punkte.

Von der Verleihung des Joseph-Binder-Awards, den Designaustria auslobt, gehen alle zwei Jahre ein paar Kommunikationsdesigner mit in Plastik gefassten Papierknäueln nach Hause: der Trophäe. Auch Plakate wurden Ende Oktober wieder ausgezeichnet.
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Darunter eines, das Jurorin Franziska Walther am liebsten mit nach Hause nehmen würde: einen dreifärbigen Siebdruck auf Grau. Und die Idee, wie sie meint, so wunderbar auf ein grell-oranges Verkehrshütchen komprimiert, ein Alltagssymbol für „Geht auch wieder vorbei“. Schließlich spricht das Plakat ebenfalls von „temporärer Kunst“. Götz Gramlich aus Heidelberg hatte die Idee dazu und wurde mit einem Award in Gold dafür belohnt.

Auch die Vorarlberger Agentur Sägenvier demonstrierte, dass Typografie und Gestaltung durchaus auch den Rand des Plakats ignorieren dürfen: Für die Ausstellung „Jenseits der Alpen“ bewegte sich die Agentur jenseits des Konventionellen. Und bekam einen Bronze-Award dafür.

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