Rathkolb: "Der Heldenplatz ist eine einzigartige Chance"

Der Zeithistoriker Oliver Rathkolb, der den Expertenbeirat für das Haus der Geschichte leitet, spricht über seine Strategie gegen Parteigeschichtsschreibung und den Hitler-Balkon, den man nicht "einfach stehen lassen" könne.

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(c) APA/GEORG HOCHMUTH

Im ersten Moment war ich nachdenklich“, erinnert sich Oliver Rathkolb an seine Reaktion auf die Nachricht, dass das Haus der Geschichte in der Neuen Burg errichtet werden soll: „Es ist ein sehr wirkungsmächtiger, imperialer Ort.“

Der Zeithistoriker wurde im Jänner mit der Leitung des wissenschaftlichen Beirats für das Haus der Geschichte betraut, das nach jahrelangem Zögern und Aufschieben nun realisiert werden soll. Schon 1998 gab es Überlegungen, im Palais Epstein an der Ringstraße ein Haus der Toleranz zu errichten, seit 2000 steht das Projekt Haus der Geschichte in den Regierungsprogrammen. 2006 lieferte eine Historikerkommission eine Roadmap für ein Republikmuseum ab, 2008 gab die Regierung bei der Arge Haas Beratung für Museen und Kultureinrichtungen und Lordeurop Cultural Resources ein Konzept in Auftrag, das, kaum lag es vor, in der Schublade verschwand und bis heute nicht veröffentlicht wurde. Nun ist das Haus der Geschichte wieder auf dem Tapet: Kulturminister Ostermayer will das Weltmuseum, das frühere Völkerkundemuseum, verkleinern und im ersten Stock der Neuen Burg auch gleich ein Geschichtsmuseum realisieren.

 

„Leben gut von den imperialen Resten“

Für Kritik sorgte nicht nur der Umstand, dass das Projekt quasi auf Kosten des Weltmuseums realisiert werden soll, auch der Standort erscheint vielen vorbelastet: Ausgerechnet der Heldenplatz, errichtet als Teil eines Kaiserforums in der Monarchie und historisch gefärbt durch Hitler, der hier den Anschluss Österreichs ans Deutsche Reich verkündete, soll ein Haus beherbergen, das die Geschichte der Republik erzählt. Problematisch findet das Rathkolb aber nicht: „Mir ist bewusst geworden, dass das eine einzigartige Chance ist“, sagt er zur „Presse“. „Der Heldenplatz ist der zentrale Erinnerungsort Österreichs. Es ist jetzt die Aufgabe von Historikern, Designern, Architekten, damit umzugehen. Wir leben ja von den imperialen Überresten – Stichwort Tourismus – ganz gut. Jetzt heißt es, diese Geschichte in die Gegenwart zu holen.“

Wie genau die Geschichte den Weg in die Gegenwart finden soll, daran arbeitet er jetzt mit seinem 24-köpfigen Expertengremium. Dass dabei ein bereits vorliegendes Konzept ignoriert würde und stattdessen neue Leute von vorn beginnen würden, wie Gudula Walterskirchen am Montag in einem Gastkommentar in der „Presse“ schrieb, weist er zurück: Drei der Historiker, die 2006 eine Roadmap vorgelegt haben, seien auch im jetzigen Beirat vertreten, zudem sei die Roadmap damals von internationalen Experten scharf kritisiert worden. Auch die unveröffentlichte Studie von Haas und Lordeurop soll in die Planung eingebunden werden.

Einige Eckdaten stehen bereits fest: Vom Eingang der Nationalbibliothek aus soll man ins Weltmuseum wie auch ins Haus der Geschichte gelangen – die beiden Häuser werden aber organisatorisch abgetrennte Einheiten sein, auch wenn es inhaltliche Anknüpfungspunkte geben könnte. Auf 3000 Quadratmetern Ausstellungsfläche soll die österreichische Geschichte von 1848 bis heute aus internationaler Perspektive aufbereitet werden. „Wir wollen wegkommen vom klassischen Modell einer Nationalgeschichte. In den Schulbüchern tun wir gern so, als wären wir das Zentrum der Welt. Das wollen wir breiter sehen.“ Im Beirat sitzen daher auch zehn internationale Wissenschaftler, etwa aus Harvard und von der Sorbonne. Der Blick aus dem Ausland helfe, so Rathkolb, „gewisse Fragestellungen fokussierter und mit weniger Aufregung zu sehen“.

Ob 3000 Quadratmeter dafür reichen werden? Das Deutsche Historische Museum in Berlin hat etwa 8000 Quadratmeter allein für die Dauerausstellung. „In der Machbarkeitsstudie von Claudia Haas und Lordeurop sind in der Maximalvariante 3300 Quadratmeter vorgesehen. Das reicht locker aus, mehr schafft ein durchschnittlicher Besucher auch gar nicht“, so Rathkolb. „Es geht darum, nicht einfach reinzumüllen, was man findet, sondern spannende Zugänge zu finden und beispielhaft zu präsentieren.“ Daneben soll das Haus auch ein Diskussionsort werden, Räume dafür gebe es – auch im Rahmen der Nationalbibliothek – zur Genüge.

Zielgruppe seien in erster Linie Schüler und „junge Leute bis 22, 24 Jahren“. Außerdem will Rathkolb ein internationales Publikum ansprechen, etwa mittels Tablets und Führungen in verschiedenen Sprachen. Auch ein Geschichtslabor sei vorgesehen, um „aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft“ herauszukommen. „Es gibt klare Überlegungen, nicht nur einzelne Objekte zu präsentieren, sondern Interaktion zu schaffen“, sagt er. Statt einer rein passiven Website soll das Haus der Geschichte ein Online-Interaktionsforum betreiben.

 

Der Hitler-Balkon, ein „schwieriger Ort“

Wie will sich Rathkolb, der als SP-nahe gilt, gegen Parteigeschichtsschreibung absichern – vor allem, was die Beurteilung des Ständestaats resp. Austrofaschismus betrifft? „Ganz einfach“, sagt Rathkolb: „Mit einem starken, unabhängigen, internationalen Beirat, der die Chronologie, Themenwahl und die Texte anschauen wird.“ Für spezielle Themen werde es auch zusätzliche Arbeitskreise geben – und öffentliche Debatten, etwa über die Gestaltung des Hitler-Balkons.

Denn wie dieser „derart schwierige Ort“ in die Ausstellung eingebunden werden könnte, weiß Rathkolb noch nicht. „Vielleicht wird es etwas in Richtung künstlerischer Interaktion geben. Aber man kann ihn nicht von innen verhängen und manchmal außen ein Transparent runterlassen.“ Er will sich Zeit nehmen und verschiedene Ideen diskutieren. „Ihn einfach stehen zu lassen, das entspricht nicht dem Ort und dem Konzept.“

ZUR PERSON

Oliver Rathkolb, geboren 1955 in Wien, ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Er wurde im Jänner von Kulturminister Ostermayer mit der Leitung des wissenschaftlichen Beirats betraut, der bis Mitte des Jahres ein Konzept für das Haus der Geschichte in der Wiener Hofburg vorlegen soll. Außerdem ist er Mitglied des wissenschaftlichen Beirates des Hauses der Europäischen Geschichte in Brüssel. Rathkolb ist Autor der Monografie „Die paradoxe Republik“ und Herausgeber der Kreisky-Memoiren „Erinnerungen: Das Vermächtnis des Jahrhundertpolitikers“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.02.2015)

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