Essl-Museum: Ein Vorläufer der Jungen Wilden

Seine wilden Bilder haben die Malerei der Punk-Generation vorweggenommen, meint Peter Pongratz. In Klosterneuburg ist der Vergleich jetzt möglich.

Peter Pongratz, Ausstellung Essl Museum
Peter Pongratz, Ausstellung Essl Museum
(c) Essl-Museum

Die Ateliers waren geschlossen, die Kunst fand auf der Straße statt. So radikal wie diese Ansage waren die Siebzigerjahre natürlich nicht. Aber es war tatsächlich ein Jahrzehnt des massiven Umbruchs in der Kunst. Besonders hart traf die Suche nach neuen Ausdrucksformen die Malerei. Akademische, realistische Stile waren nicht zuletzt durch den Sozialistischen Realismus verpönt, der als staatlich verordneter Stil in kommunistischen Ländern diskreditiert war. Abstraktion war zwar genauso politisiert, aber immerhin als Stil der westlichen Länder, und galt damit als Ausdruck von Freiheit. Was aber, wenn Maler sich aus diesem Stellvertreterkrieg auf dem Feld der Kunst heraushalten wollten? Diese Frage findet man gerade in den beiden Ausstellungen im Essl-Museum in Klosterneuburg bestens beantwortet. Denn hier sind zeitgleich die große Retrospektive von Peter Pongratz und eine Zusammenstellung der Jungen Wilden zu sehen.

In den frühen Achtzigerjahren reagierten die jungen Maler auf die Ablehnung der Malerei mit einem frechen, bewusst dilettantischen Stil, der ein wenig der Attitüde des Punk ähnelte. Können war unwichtig, Hauptsache, man hatte etwas zu sagen – und sei es nur die Behauptung, Maler zu sein. Mit breitem Pinsel, groben Strichen und vor allem in großer Schnelligkeit entstanden Mengen von Bildern. Die Menschen sind nur angedeutet, die Leinwand ist komplett zugedeckt, die Frage der Komposition eine spontane Entscheidung. Schon bald hießen die Maler dieser neuen Entwicklung Junge Wilde. Der Mut zur Malerei wurde belohnt, der Kunstmarkt florierte. „Hunger nach Bildern“ hieß die einflussreiche Publikation dazu passenderweise (Wolfgang Max Faust, Gerd de Vries, 1982).

Auch in der Sammlung des Essl-Museums ist dieser Stil gut vertreten, die 32 jetzt ausgestellten Werke stammen durchgehend aus den eigenen Beständen: Siegfried Anzinger, Erwin Bohatsch, Gunter Damisch, Alois Mosbacher, Hubert Scheibl, Hubert Schmalix, Otto Zitko. Die Auswahl ist gut getroffen, man sieht deutlich, wie dieselbe Attitüde zu höchst unterschiedlichen Bildern führt. Zudem entwickelten sich alle sieben weiter, sie sind – anders als manche ihrer deutschen Kollegen – noch heute bestens im Geschäft.

 

Überzogen naive Heiligenbilder

Aber waren sie wirklich die Ersten, die sich diese freche Attitüde leisteten? Peter Pongratz sieht das anders. Seine bewusst kindliche, wilde Malerei habe das bereits früh vorweggenommen. Bekannt wurde der 1940 geborene Künstler mit der legendären Ausstellung der „Wirklichkeiten“. Zusammen mit Martha Jungwirth, Kurt Kocherscheidt und den anderen Malern nahm er bereits Ende der Sechzigerjahre eine eigenständige künstlerische Position ein, die bis heute Abstraktion und Gegenständlichkeit verbindet. Dabei führte ihn seine Suche nach Extrawegen durchaus ins Extreme wie in seinen „Heiligenbildern“ (1969–71): Die damals scharf abgelehnten Devotionalienbilder greift er einerseits affirmierend auf, zerbricht aber die Bejahung in der überzogen naiv-kitschigen Darstellung.

Gleichzeitig entstanden Landschaften in einer stilistischen Mischung aus Phantastischem Realismus und Gugging-Kunst. Solche Sprünge durchziehen sein gesamtes Werk bis heute – und darauf ist Pongratz stolz. Denn er wollte sich nie einengen lassen, erklärt Kurator Günther Oberhollenzer. Natürlich gibt es formale Leitmotive wie die dynamisch-wilden Kompositionen, die zeichnerischen Elemente, die Kritzeleien und das fast zwanghafte Füllen der gesamten Bildfläche – etwas, was die Jungen Wilden ebenfalls praktizierten, allerdings nicht kleinteilig wie Pongratz, sondern als bewusst große Geste.

„Keine Rezepte. Keine Vorschriften. Keine Moden. Keine Ideologien. Kein Kompass. Keine Landkarten. Und vor allem keine Dogmen, weder für den Künstler noch für den Betrachter“, so beschreibt Pongratz seine eigene Position im Katalog. Um das zu unterstreichen, entschied er sich für eine unkonventionelle Hängung im Essl-Museum: Statt chronologisch sind die Bilder in Werkgruppen angeordnet. Damit sind die Sprünge in seinem Werk unübersehbar und als bewusster, vielleicht sogar konzeptueller Ansatz deutlich. Pongratz: „Man kann mir allerhand nachsagen, aber einseitig bin ich nicht.“

Peter Pongratz. Eine Retrospektive: bis 7.Juni.

Die Wilden Jahre: bis 31.Mai.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2015)

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