Galerien in Wien: Ausstellen allein ist nicht genug

Wiens Galerienszene ist ziemlich gesättigt. Neulinge brauchen gute Nerven – und Ideen. Fünf Beispiele.

Inoperable Gallery.
Inoperable Gallery.
Inoperable Gallery. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Weil ich mit Bildern und Möbeln aufgewachsen bin, habe ich einen Sensor“, sagt Elisabeth Melichar. Der Kunstalltag war für sie von Kindheit an nichts Ungewöhnliches, ist ihre Familie doch seit Generationen im Kunst- und Antiquitätenhandel tätig. Dass die ausgebildete Vergolderin allerdings selbst ins Geschäft mit der Kunst einsteigen sollte, war außerplanmäßig. Es waren vor allem die Künstlerfreunde, die angesichts eines kleinen Gewölberaums des Familienunternehmens am Lobkowitzplatz lakonisch meinten: „Elisabeth, mach etwas daraus! Hier wollen wir ausstellen.“ Peu à peu freundete sie sich mit dem Gedanken an. „Ich habe die Künstler, einen nach dem anderen, gefragt, und alle wollten mitmachen.“ Im Herbst 2013 ließ sie sich dann auf das Wagnis ein – vorerst für drei Monate – und eröffnete mit Alois Mosbacher und Edgar Honetschläger. Es folgten Hubert Schmalix, Peter Hauenschild, Frenzi Rigling, Uli Aigner, Brigitte Kowanz und andere. Dass sie sich nicht als Galerie im gängigen Sinn sieht, signalisiert Elisabeth Melichar mit dem Projektnamen „Elisabeth zeigt“. „Ich kann die Künstlerinnen und Künstler nicht exklusiv betreuen und auch nicht auf Kunstmessen gehen. Dafür wirft der kleine Raum nicht genug ab“, sagt sie. „Jetzt geht es einmal darum, einen Sammlerblock aufzubauen, das ist schwierig genug.“

Laborsituation. Der Hintergrund im Kunsthandel – Vater Reinhold Hofstätter war einer der einflussreichsten Antiquitätenhändler Wiens und als solcher Mitbegründer der Hofburgmesse – brachte auch Anton Hofstätter zur zeitgenössischen Kunst. Vor einem halben Jahr eröffnete er mitten in der Innenstadt den Ausstellungsraum Hof­stätter Projekte mit einer Installation des italienischen Konzeptkünstlers Maurizio Nannucci. Kuratorisch betreut von Edelbert Köb, dem ehemaligen Direktor des Mumok, sieht das Konzept vor, zeitgenössische Positionen und alte Kunst im historischen Kontext zusammenzuführen. „Noch ist es eine Laborsituation, um die Grenzen auszutesten und dem Raum die Freiheit zu geben, sich in die eine oder andere Richtung zu entwickeln“, sagt Sophie Tappeiner, Direktorin des Projektraums. „Wir geben dem Projekt mindestens zwei Jahre, um auf eigenen Füßen zu stehen. Daraus dann eine Galerie zu machen, mit allem, was dazugehört – Künstlervertretung, Messebeteiligungen – wäre sehr schön.“ Dass in Wien ein Bedarf an jungen Galerien besteht, davon ist sie jedenfalls überzeugt.

Street-Art für junge Sammler. Ganz auf Street-Art hat sich die Inoperable Gallery spezialisiert – als einzige in Österreich. Die Anfänge in der Lindengasse vor neun Jahren mit einem Projektraum, der an ein Wohnatelier ­angeschlossen war, beschreibt Galeriegründer Nicholas Platzer als „Experiment und Spaß“. Die ersten Schritte zur Professionalisierung erfolgten dann 2008 mit der Übernahme eines Straßenlokals in der Burggasse und dem Einstieg der Kunsthistorikerin Nathalie Halgand. Fünf Jahre zeigten die beiden „eine Menge Künstler, die keiner kannte“, bevor 2013 der Mietvertrag auslief und die Galerie nach langer Suche in eine helle Mezzaninwohnung am Naschmarkt übersiedelte. „Jeder Umzug bringt uns ein Stück weiter“, sagt Halgand. „Doch auch der Street-Art-Hype hat sich verändert, weil alle erwachsen geworden sind. Viele Galerien haben wieder aufgehört. Für uns stellte sich die Frage: Lassen wir es, oder professionalisieren wir uns?“ Nun ist die Künstlerliste überschaubar geworden. Platzer: „Wir fokussieren uns auf Ausstellungen und den Aufbau einer jungen Sammlerschaft.“ Zu tun haben sie damit genug. Denn anders als in London, Paris oder New York, wo es eigene Auktionen für Street-Art gibt, ist diese hier auf dem Kunstmarkt noch nicht angekommen.

Eine Solistin ist hingegen Judith Ortner. Von 1982 bis 2007 hatte sie in ihrem Geschäftslokal in der Sonnenfelsgasse eine Kunstbuchhandlung geführt. „Dann wurde das Internet immer stärker. Meine Sammler hatten auch schon alles. Ich bin aus dem Buchhandel gerade noch rechtzeitig abgesprungen“, sagt sie. Nach einer kurzen Auszeit spezialisierte sie sich auf Künstlerbücher („wo also das Buch selbst das Kunstwerk ist“), Editionen, Vorzugsausgaben, seltene Plakate. „Die vervielfältigte Kunst wird bei uns leider schwer vernachlässigt“, sagt sie. „Meine Idee war, damit eine junge Schicht von Sammlern unter 30 anzusprechen.“
Rückblickend muss sie feststellen: „Das Ursprungskonzept ist leider nicht aufgegangen.“ Nun hat Ortner den Grafikbereich um Unikatzeichnungen und Editionen wie zum Beispiel handkolorierte Radierungen erweitert. „Grafiksammler sind eine sehr seltene Spezies, daher brauche ich die Unikate, um zu überleben.“ Regelmäßig veranstaltet Judith Ortner auch Ausstellungen, vor allem mit in Wien lebenden Künstlerinnen und Künstlern. Ein Lieblingsgebiet von ihr ist der Wiener Aktionsmus.

Vermittlungsauftrag. Die Galerie, die Andrea Jünger im März 2014 – nach 20 Jahren Galeriebetrieb in Baden – gleich hinter der Wiener TU auf der Wieden eröffnet hat, sieht auf den ersten Blick aus, wie man sich eben eine Galerie vorstellt: hohe helle Räume, Glasfront, Parkett, viel Wand, um darauf viel Kunst zu hängen. Dazu kommen die „Wiedner Salons“ im Halbstock sowie der „Underground“. Die Kunsthistorikerin teilt die Räumlichkeiten in Bürogemeinschaft mit der Baumeisterin Renate Scheidenberger, ab und an werden sie auch – inklusive Ambiente – vermietet. In dieser Multifunktionalität spiegelt das Raumkonzept den Anspruch wider, den Kunstraum als Drehscheibe für Kommunikation und Vermittlung zu begreifen. „Es ist mir sehr wichtig“, so Jünger, „in Richtung Vermittlung zu gehen. Das Wissen der Leute reicht oft nicht bis in die Gegenwart. Und Ästhetik allein reicht nicht, um Kunst zu verstehen. Als Kunsthistorikerin habe ich die Möglichkeit, mehrfache Brücken zu schlagen. Für den Betrachter öffnet sich dann, wenn der Bezug einmal hergestellt ist, eine Tür nach der anderen.“

Tipp

Elisabeth zeigt. „Alois Mosbacher & Frenzi Rigling“, bis 2. 5. „Hubert Schmalix“, 5. 5.–4. 7.­ elisabethzeigt.at

Hofstätter Projekte. „Klaus Mosettig: Withdrawal“, bis 9. 5.  hofstaetter-projekte.com

Inoperable Gallery. „Do not disturb. Israels Urban Art“, bis 25. 4. inoperable.at

Judith Ortner. www.ortner2.at

Andrea Jünger. „Fritz Simak: Die Ruhe des Blicks“, 23. 4.–31. 5. galerie-juenger.at

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