Chris Haring: „Ich mag dieses Hyperlink-Denken“

Choreograf Chris Haring hat sich für sein neues Stück von Andy Warhol inspirieren lassen: Es geht um Selbstdarstellung, Identitätssuche und Schnelllebigkeit.

Chris Haring
Chris Haring
Chris Haring – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Dass gerade eine Pop-Art-Ausstellung mit Werken von Andy Warhol im Mumok läuft, sei reiner Zufall. Ein Besuch von „Ludwig Goes Pop“ könne als Vorbereitung für „False Colored Eyes“ aber nicht schaden, findet Choreograf und Liquid-Loft-Gründer Chris Haring. Sein Stück, das am Mittwoch in Wien uraufgeführt wird, setzt sich performativ mit dem Filmschaffen Warhols in den 1960er Jahren auseinander.

Die Presse: Worum geht es in „False Colored Eyes“?

Chris Haring: Es geht um die Selfie-Kultur, die Selbstoptimierung in der Zeit der neuen Medien. Durch Facebook oder YouTube bekommen jetzt Menschen öffentliche Aufmerksamkeit, die sie vorher in dieser Form nicht bekommen hätten. Plötzlich verbreiten sich Eigenheiten, die Jugendkultur sucht ja immer nach Vorbildern. Heute hat man mehr Möglichkeiten in dieser Identitätssuche.

Damit muss man als Rezipient aber auch umgehen können.

Ja. Ich mag dieses Hyperlink-Denken. Früher habe ich ein Buch gelesen, da war logisch eins nach dem anderen. Wenn ich heute auf Wikipedia auf einen Link klicke, bin ich sofort in einem völlig anderen Universum.

Glauben Sie, dass das unsere Art des Denkens beeinflusst, unsere Aufmerksamkeit den Dingen gegenüber?

Das versuchen wir mit unserer Arbeit herauszufinden. Ich war schon immer total begeistert von Cyberpunk-Ideen: Hier bin ich Pizzaverkäufer, drüben bin ich der größte Schwertkämpfer aller Zeiten. Aber alles, was uns die Science-Fiction in den 1990ern und schon davor versprochen hat, hat sich in der Art und Weise nicht verwirklicht. Wir dachten an Cyborgs, bei denen ein neuer Arm angeschraubt wird. Stattdessen werde ich neu gebaut, neu gebrütet oder neu gentechnisch manipuliert. Das finde ich im choreografischen Denken großartig, weil das sind ja alles Bewegungsanweisungen.

Sie haben sich für „False Colored Eyes“ von Andy Warhol inspirieren lassen. Was von seiner Arbeit ist heute noch gültig?

Liquid Loft wurde 2005 mit dem Vorhaben gegründet, zeitgenössischen Tanz auf der Bühne immer in den Kontext anderer Kunstformen zu stellen, und Pop-Art war dabei von Anfang an für uns inspirierend. Im konkreten Fall beziehen wir uns auf Warhols filmisches Schaffen, vor allem die „Screen Tests“ oder Filme wie „Chelsea Girl“, bei denen er noch selbst mit der Kamera gefilmt hat.

Und was hat Warhol mit Tanz zu tun?

Warhol inszeniert Körperlichkeit. Bei Filmen wie „Screen Tests“, „Sleep“, „Eat“ oder auch „Blow Job“ bleibt er lang auf einer Sache drauf. Er legt sehr wenig Wert auf narrativen Inhalt, sondern denkt eher assoziativ. Als Betrachter kommt man so unweigerlich auf die Körperlichkeit, die Rhythmen zurück, die die einzelnen Personen haben, auf die Mimik und Gestik. Das sind aus heutiger Sicht sehr choreografische Arbeiten.

Wie haben Sie Ihre Eindrücke verarbeitet?

Bei „Chelsea Girls“ hat Warhol als einer der Ersten den Splitscreen eingesetzt: Es laufen zwei Filme gleichzeitig. Durch den Kontrast der Bilder entstehen Rhythmik, Körperlichkeit, Geschwindigkeit, eine bestimmte Filmästhetik. In unserem Stück gibt zwei große Videoscreens, die Performer haben Kameras, deren Videos werden live auf die Screens projiziert. Was man im Kino oder Fernsehen einsetzt, wie das Zoomen, schnelle Schwenks, Schnitte, fast forward und rewind – das sind alles Parameter, die man auch im zeitgenössischen Tanz sehr stark verwendet.

Haben sich die Bedeutung des Körpers und wie man ihn darzustellen versucht seit den 1960er-Jahren Andy Warhols verändert?

Die Gadgets haben sich verändert. Aber den Drang zur Selbstdarstellung, den wir in „False Colored Eyes“ thematisieren, kann man durchaus vergleichen. Es geht uns um die Selbstoptimierung, die derzeit in den neuen und den sozialen Medien herrscht. Das war für mich der Link zu Warhol und seinen Kunstfiguren. Ich habe immer geglaubt, er hat diese Stars gemacht, hat die hochkatapultiert – aber eigentlich hat er ihnen nur die richtige Bühne geboten, und die haben sich einfach selbst gespielt.

Das, was heute jeder auf Facebook oder YouTube machen kann.

Ja, da findet man sehr viele dieser Selbstoptimierer. Im Film hat Warhol diese Personen über lange Zeit festgehalten, obwohl sie teilweise nur kurze Zeit Stars waren – diese Schnelllebigkeit steht im Kontrast zum Drang, sich verewigen zu müssen. Das ist eine alte Sehnsucht des Menschen, ich glaube, wir haben da alle einen Knall: Vergesst mich nicht! Unsterblichkeit war immer etwas Großes.

„False Colored Eyes“: 29., 30. 4., 9., 12., 13. 5. (20Uhr) in Kooperation von Burgtheater und ImPulsTanz im Kasino am Schwarzenbergplatz: www.impulstanz.com; „Ludwig Goes Pop“: bis 13. 9., Mumok; Kombi-Ermäßigung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.04.2015)

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