Venushügel, Alpenkamm: Schmalix' neue Bilder

Alterslose Akte und Alpen ohne Zauber: Hubert Schmalix zeigt im BA-Kunstforum seine jüngsten Bilder. Bis 12. Juli.

Hubert Schmalix, „Right Leg to the Side“, 2014.
Hubert Schmalix, „Right Leg to the Side“, 2014.
Hubert Schmalix, „Right Leg to the Side“, 2014. – (c) Lee Thompson/Courtesy Hubert Schmalix

Mit 17 wagt man daran noch zu glauben, ganz ohne Zynismus: an die Heilkraft von Bildern. Da schickt man dem erkrankten verehrten Zeichenlehrer tatsächlich das Lieblingskunstbuch zur Genesung nach Hause. „Yasmin und Iris“ hieß das schmucke Büchlein, das Cover aufwendig reliefartig gestaltet mit einer zerbrochenen Vase in Hautfarben. Hubert Schmalix' sanfte, exotisch-erotische Malerei konnte ein Mädchen schwer begeistern. Die vom Feminismus schändlich beleckte Kritikerin tut sich damit jetzt doppelt schwer. Da sind einmal die jungen, nackten Frauen, die man seit Jahrzehnten aus den unbedarft daherkommenden bunten Bildern dieses Malers kennt, der schon lang, seit den Achtzigern, in Österreich nicht mehr „chic“ ist. Und man trifft die sich räkelnden, keck posierenden Schwarzhaarigen auch jetzt wieder, im BA-Kunstforum, wo eine große Einzelausstellung als Art heimatlicher Umarmung des vor Jahrzehnten schon an Los Angeles verlorenen Sohnes inszeniert wird.

Das Publikum ist mit Schmalix gealtert, kann man erst einmal feststellen. Das Modell für seine Bilder aber ist es nicht, irritierenderweise. Seine philippinische Frau, die ihm seit Beginn dieser Akte in den frühen 1980ern ihren Körper zur Verfügung stellt, darf sich über einen so charmanten Gatten glücklich schätzen. Aber die unverwüstliche junge Nackte, diesmal weniger vor monochromen Hintergründen als eingebaut in riesige Teppichmuster, nervt in dieser stoischen Straffheit zusehends. Ein Dekorateur schöner Bilder will Schmalix sein, heißt es in einem der Ausstellungstexte. Um die Motive selbst schere er sich dabei nicht, betont er, es gehe rein um die Malerei als solche.

 

Warum nicht gleich Blumen?

Ein typischer, scheinbar unangreifbarer Malerstehsatz. Warum dann nicht gleich Blumenstillleben? Wozu eine Dorian-Gray-Schablonennymphe, noch dazu in Ornamentales verwoben? Der Frauenkörper als exotische Deko. Da graut der Frau. Da trauert das einstige Mädchen. So unbeschwert konnte sie einst diese Bilder genießen. Sie waren stimmig. Sie waren leicht, anders, sinnlich. Schmalix war unser Gauguin, sein Tahiti waren die Philippinen; das schwere europäische Kulturerbe schrieb er diesem Elysium nur als Zitat ein, als am Rande zerbrochene antike Vasen und Skulpturen.

Es war eine schöne, unbeschwerte Zeit, die Neuen Wilden konnten malen, was sie wollten. Siegfried Anzinger und Hubert Schmalix, das waren die Gegenständlichen unter ihnen. Doch während die Ironie aus Anzingers luziden, flüchtig wirkenden Bildern von Rauschebartgott und Löwentieren und dem armseligen Menschen tropft, findet man in Schmalix' cleanem, poppigem Universum alles dicht. Schönheit, Idyll, Oberfläche, alles ist zu mit Farbe. Dabei ist diese Malen-nach-Zahlen-Ästhetik noch dazu Konzept. Erst zeichnet er, dann wird diese Zeichnung auf die Leinwand projiziert und farblich seriell durchdekliniert.

Für die Wiener Ausstellung entstand so auch eine neue Serie. Nach dem weiblichen Akt die nächste Verbeugung vor der Kunstgeschichte: die Landschaft. Statt Venushügel also Matterhorn, statt Wallehaar Wasserfall oder so. Die Landschaften sind keine konkreten, wobei meist eindeutig alpinen. Und man kann sie in einer Reihe mit den Landschaften von US-Malern wie Alex Katz, vor allem aber dem späten David Hockney sehen. Fauves-Farbigkeit trifft hier auf Cartoon-Flächigkeit und -Stilisierung. Groß gebrüllt wird hier allemal. Irrsinnig spannend vom Erkenntnis- oder Empfindungsgrad ist diese Malerei nicht. Man findet die Spannung am ehesten – auch das ein Klischee – im kleinformatigen Werk, in der Gouache, im Ausgangspunkt für das allzu kompakte Endwerk. In der Zeichnung, die er ganz allein für sich, am Abend, bei schlechtem Licht, wie er beschreibt, anfertigt. Der Maler als Handwerker, ein Bild, das Schmalix wichtig ist.

 

Die Berge haben noch Luft

In dieser romantisierten Vorstufe beginnen die klassischen Motive tatsächlich wieder zu schweben, wieder einen Zauber zu haben, etwas nicht Greifbares – die Akte bewegen sich in undefinierten Farbräumen, eröffnen unerwartet neue Farbflächen an ihren Konturen, schwer zu beschreiben, aber ziemlich cool. Der Käfig des Teppichmusters bleibt ihnen auf Papier ebenfalls meist noch erspart. Auch die Berge haben hier noch Luft, Felsen lösen sich im kleinen Format unerwartet in trockene Pinselstriche auf – huch, Abstraktion. Aber Schmalix braucht das Gerüst des Gegenstands, sagt er, sonst wäre er verloren. Was ja an sich sehr sympathisch ist. Aber vielleicht mag ja irgendwann der Gegenstand, die Frau, der Berg, der Baum, seine formale Freiheit wiederhaben? Auf Dauer ist Klammern jedenfalls auch keine Lösung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.05.2015)

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