Auf der wilden Utopienjagd

Frank Castorf inszeniert Dostojewskis Roman "Die Brüder Karamasow" bei den Wiener Festwochen als grandiosen Bilderbogen: Es gibt viel Tiefsinn, jedoch zu viel Gebrüll.

FOTOPROBE: 'DIE BRUEDER KARAMASOW'
FOTOPROBE: 'DIE BRUEDER KARAMASOW'
FOTOPROBE: DIE BRUEDER KARAMASOW – WIENER FESTWOCHEN/THOMAS AURIN

Zu Beginn des Abends könnte dieser Krimi eigentlich schon zu Ende sein: Die Karamasows sind beim Starez, einem Einsiedler, zu Gast. Die Söhne brüllen den Vater an, der perfide Kontra gibt. Gleich wird es knallen, Messer oder Pistolen? Da fällt der dem Tode nahe Mönch auf die Knie – und küsst einem der grässlichen Kerle den Stiefel. Bis 2.Juni gibt es bei den Festwochen im F23, der ehemaligen städtischen Sargfabrik an der Breitenfurter Straße, Dostojewskis „Brüder Karamasow“ (1878/80) zu sehen, ein Ereignis: Frank Castorf krönt seinen Dostojewski-Zyklus mit dem letzten Roman des Autors. Kurz nach 0.40 Uhr endete Samstagnacht die Premiere, über sechs Stunden mit einer kurzen Pause. Einmal mehr lohnt sich die Strapaze. Obwohl Castorf formal kaum Neues gefunden hat.

Er bleibt bei seinem Stil, der Mischung aus Video- und Liveperformance, endlosen Monologen und Dialogen. Dazu gibt es Popmusik – und Texte aus Petr Silaevs Buch „Exodus“, einer Hasstirade. Silaev, auch als DJ Stalingrad bekannt, gilt als oppositionelle Stimme des jungen Russland.


Cluster einer Ideengeschichte. Nadryw heißt das russische Wort für die Krankheit, an der alle leiden, es bedeutet emotionale Überanspannung, vereinfacht gesagt: Jedem sein Dämon. Seinen Karl Marx hat Castorf gründlich studiert, inzwischen neigt er sich der Religion zu, das passt zu Dostojewskis christlichem Sozialismus, der sich auch aus der irdischen Hölle des Autors nährt, der materielle Not, Straflager, Spielsucht erlebt, an Epilepsie gelitten hat.

Wer den über 1200-Seiten-„Ziegel“, das Buch, studiert hat, wird sich mit der Aufführung leichter tun, aber man begreift auch ohne, worum es hier geht: um eine wilde Jagd, einen Begriff aus dem Geisterreich, genauer – um eine wilde Utopienjagd. Castorf hat die Romandramaturgie neu zusammengesetzt zu einer durchaus stringenten Erzählung. Er zeigt die Spannungen zwischen Vätern und Söhnen, die sich immer wieder in Vatermorden, gedachten und faktischen, entladen, was bleibt ist Schuld und neue Gewalt. Auch so kann man die Umstürze der Geschichte lesen, vom Zaren zur Revolution, Stalin, Hitler, der alte und der neue Kalte Krieg mit Putins listiger Mixtur aus Sowjet-Imperialismus und Popkultur.


Heillose Polarisierung. Das „Volk“ demonstriert, die Jungen treffen dabei auf Alt-Stalinisten, die ihnen fremd sind und umgekehrt, die „schwarze amorphe Masse“ muss sich auflösen, wird gewaltsam aufgelöst, junge Männer entscheiden sich zwischen Polizei und einer kriminellen Karriere, an gewissen Punkten berühren einander beide Lebensbahnen. Auch der Westen ist nicht frei von diesen Mechanismen.

„Gott oder die Anarchie“, wusste Dostojewski. Im „Großinquisitor“, einem der berühmtesten Kapitel des Romans, beschreibt er, wie Jesus auf die Welt zurückkehrt, ein Kind zum Leben erweckt und beinah auf dem Scheiterhaufen landet, weil er gegen die mächtige Kirche gefrevelt hat, die bestimmt, was richtig oder falsch, gut oder böse ist.

Erzählt wird aber auch von Beziehungen zwischen Männern und Frauen: Männer lieben die gleiche Frau oder fliehen vor ihr, suchen, sie mit Geld zu bestechen. Die bösen Mädchen sind wie meist interessanter als die guten: Gerade noch hat die Offizierstochter Katja die raffinierte Göre Gruschenka mit ihrer Zuneigung überfallen, damit diese von Mitja, den Katja einfangen will, ablässt, da muss sie erfahren, dass Gruschenka auf alle Vereinbarungen pfeift und sich Mitja wieder gekrallt hat. Die 14-jährige Lise, die im Rollstuhl sitzt, offenbar ein Symptom von Hysterie, denn manchmal rennt sie munter herum, ergeht sich in Wut- und Sadomaso-Ausbrüchen. Sie verfolgt Aljoscha, den jüngsten Karamasow-Sohn, der sich ins Kloster gerettet hat, der Starez aber schickt ihn zurück in die Welt. Der rundliche Aljoscha eilt von einem Krisenschauplatz zum nächsten. Manchmal wünscht er sich, ein verfluchter Kerl zu sein, der zu Popkonzerten geht und sich prügelt.


Spiel als Sport. Den zweiten Teil hätte man gut um ein Stündchen kürzen können, auch wenn der Reiz von Castorfs Kreationen natürlich in der „Theatermeditation“ liegt: Das Spektakel muss so lang dauern, bis alle so k.o. sind, dass sie nicht mehr denken und die Hirne neue Impulse entwickeln können. Leider geht es sehr lautstark zu – und das Gebrüll, das natürlich auch Absicht und ein Abbild des chaotischen Stimmengewirrs der Welt ist, ermüdet. Die Schauspieler sind maximal gefordert. Besonders eindrucksvoll: Kathrin Angerer als Gruschenka, Hendrik Arnst als zügelloser Senior, Sophie Rois als schlauer Diener des Alten, Marc Hosemann als Mitja.

Bert Neumann baute wieder eines seiner schönen trashigen Bühnenbilder: mit einem Sperrholztunnel, einer Absteige, einem Puff, einem großen, schicken Waldhaus, vielleicht auf einer Datscha. Im Hintergrund lockt ein rosa Schild zur „Karamasow“-Show wie in ein altmodisches Prater-Varieté. Es gibt auch einen Berliner Prater, nahe der Volksbühne, die Castorf seit 1992 als Intendant regiert. 2017 löst ihn der Belgier Chris Dercon ab, ein Kunstkurator, Theaterwissenschaftler, Filmtheoretiker. Die Künste wachsen zusammen.

Schön. Aber es wird auch oft alles mit allem vermischt zu einem beliebigen Brei, bei dem ein Theoretiker den andern kopiert. Berlin wünscht sich offenbar ein Kontrastprogramm zum „Fossil“ Castorf, der das bürgerliche Theater gesprengt und zur Kampfarena des Geistes, der Geister gemacht hat. Unverändert zählt er zu den Künstlern, die am meisten zu sagen haben.

Fakten

Fjodor Dostojewski.Der 1821 in Moskau geborene Sohn eines Armenarztes beschreibt in seinem Werk politische, soziale, spirituelle Verhältnisse im russischen Kaiserreich. Der russisch-orthodoxe Glaube, aber auch westliche Autoren und Bildung spielten in der Familie des Schriftstellers, der die Ankunft der Moderne in Russland schilderte und 1881 in St. Petersburg starb, eine große Rolle.

Frank Castorf. Der 1951 in Berlin geborene Regisseur studierte nach einer Facharbeiterausbildung Theaterwissenschaft. Sein Dostojewski-Zyklus war in Wien zu sehen, „Dämonen“, „Erniedrigte und Beleidigte“, „Schuld und Sühne“, „Der Spieler“.

Brüder Karamasow.Ein anonymer Erzähler berichtet von der verfluchten Familie Karamasow. Freud schrieb 1928 einen Essay „Dostojewski und die Vater-Tötung“. Hesse sah 1920 in dem Buch eine Untergangsprophezeiung für Europa.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.05.2015)

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