Das heikle Feld der antiken Kunst

Der Journalist Christoph Bacher hat eine Galerie für antike Kunst eröffnet. Eine heikle Sache: Der illegale Antikenhandel floriert, aber er baut auf sichere Herkunft.

Aus dem Norden des Iran stammt diese Figurine, die in ihrer phallischen Form Gender-Ambiguität verkörpert.
Aus dem Norden des Iran stammt diese Figurine, die in ihrer phallischen Form Gender-Ambiguität verkörpert.
Aus dem Norden des Iran stammt diese Figurine, die in ihrer phallischen Form Gender-Ambiguität verkörpert. – (c) CB Gallery

Während immer mehr Händler in den Markt für zeitgenössische Kunst drängen, geht ein neuer Raum in Wien den umgekehrten Weg. Im April dieses Jahres eröffnete Christoph Bacher, Journalist und ehemaliges Mitglied der „News“-Chefredaktion, in Wien eine Galerie für Archäologie und Historische Kunst. Schon seit dreizehn Jahren sammeln er und seine Frau bildende Kunst, seit gut acht Jahren auch Antikes. Mit der CB-Gallery macht Bacher jetzt sein Hobby zum Beruf. Aber warum wendet er sich ganz vom Zeitgenössischen ab? „Antike Kunst ist bei Weitem nicht so spekulativ, sie ist wertbeständig,“ sagt Bacher. Außerdem sei jedes Stück ein Unikat und erzähle eine faszinierende Geschichte.

In seinem Ladenlokal gleich gegenüber vom MAK bietet er Objekte aus der Zeit von 6000 vor bis ins 6. Jahrhundert nach Christus an, die aus den Regionen des Alten Orients, des antiken Griechenlands und des Römischen Reichs stammen. Aber ist Kunst der Antike nicht ein heikles Feld? Der Umsatz aus dem illegalen Antikenhandel liege an dritter Stelle hinter Drogen- und Waffenhandel, sagte der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger. Raubgrabungen und Grabplünderungen seien ein weit verbreitetes Problem. Dabei ist die Ausfuhr von archäologischen Kulturgütern aus den meisten Ländern verboten. Obwohl der Handel mit Antiken aus dem Irak und aus Syrien seit 2003 bzw. 2013 durch internationale Kulturabkommen und EU-Verordnungen verboten ist, verschwanden während des Golfkriegs 2003 mehrere tausend Museumsobjekte aus dem Irak. Jüngster Lieferant von heißer Ware ist die Terrororganisation IS, die laut Eigenaussage Kunstwerke verscherbelt, um ihre Kriegszüge zu finanzieren. Maamoun Abdulkarim, Direktor der Syrischen Antikenverwaltung, beruhigt aber: Alle wertvollen Objekte seien bereits seit zwei Jahren in Sicherheit. Zudem werden gerade 21.867 Objekte fotografisch erfasst, um den Handel zu kontrollieren.


Gestohlene Ware. Aber auch aus Griechenland und Italien stammen illegale Objekte, gut erhaltene Stücke erzielen Spitzenpreise auf dem Markt. Im Februar 2012 stahlen bewaffnete Männer im Museum des antiken Heiligtums von Olympia mehr als 50 Objekte. Vor wenigen Wochen wurden gestohlene Fresken aus Pompeji in den USA sichergestellt. Die drei Werke seien 1957 in Italien verschwunden und später in der Sammlung eines US-Geschäftsmannes in New York entdeckt worden, teilte die italienische Polizei mit.

In Basel liegt ein Schatz antiker Götterfiguren, Vasen, Mosaike, Säulenkapitelle. Auch sie könnten aus Pompeji stammen, vielleicht auch aus nordafrikanischen Tempeln – man weiß es nicht genau. Darum können die 1278 antiken Objekte aus dem Besitz des italienischen Kunsthändlers Gianfranco Becchina auch nicht retourniert werden. In Basel betrieb Becchina die Galerie Palladion, von dort aus verkaufte er das Schmuggelgut in die ganze Welt. Zu seinen Kunden gehörten der Louvre, die großen Auktionshäuser, berühmte Museen in den USA und Sammler im Nahen Osten. Mehr als 5800 Objekte hat die italienische Spezialbrigade TPC 2001 in Basel beschlagnahmt, voriges Jahr wurden die letzten Stücke davon nach Rom gebracht. Aber 1278 Exponate liegen eben noch in Basel. Was tun damit – verkaufen? Nicht möglich, denn es könnte gestohlene Ware sein.

Verunsichert ein dermaßen problematisches Umfeld nicht die Kunden antiker Kunst? Wie kann man sichergehen, es nicht mit gestohlener Ware zu tun zu haben? Bacher hat darauf eine klare Antwort: Er bietet nur Objekte mit einer absolut unzweifelhaften Provenienz, also Herkunft, an. Seit der Eröffnung seiner Galerie hätten sich „zahlreiche Sammler oder vielmehr Erben aus aller Welt gemeldet, die gerne verkaufen würden. Wer da illegale antike Werke kauft und sein Geschäft riskiert, ist schlicht dumm.“


Riech- und Schmeckprobe. Aus einer New Yorker Privatsammlung erhielt er etwa einen Kultbecher aus der Zeit 800 v. Chr. Dieses seltene, dreibeinige Gefäß bietet Bacher für 1100 Euro an – eine Preiskategorie, die bei ihm Programm ist. Mit Objekten unter 1000 Euro will er die Hürde für den Einstieg in dieses Sammelfeld niedrig halten. Faszinierend sind auch die Münzen mit Abbildungen berühmter Herrscher. Da sieht man einen feisten Mann mit harten Gesichtszügen: der römische Kaiser Titus (340 Euro). Eines der teuersten Stücke ist eine Amlash-Terracotta-Figurine (13.300 Euro) aus der Sammlung von Teddy Kollek. Das Stück erinnert an die Venus von Willendorf, verkörpert jedoch in der deutlich phallischen Form Gender-Ambiguität.

Wie schützt sich Bacher vor Fälschungen? Durch Erfahrung: „Wenn ich ein Stück in der Hand halte, sein Gewicht spüre und – so ungewöhnlich es klingt – es rieche und vielleicht sogar schmecke, dann kann ich mit Gewissheit sagen, ob es alt ist oder nicht.“ Für Ton und organische Stoffe wie Holz gebe es Tests, bei Steinarbeiten erkenne man es an „Werkzeugspuren, bei Bronze an Gussfehlern“.

Gibt es in Wien überhaupt einen Markt für Antikes? Das Geschäft liege über seinen Erwartungen, sagt Bacher. Da sei einerseits Laufkundschaft, denn 2000 Jahre alte Halsketten, die man sogar tragen könne, kosten weniger als Neues beim Juwelier. Dann gebe es die klassischen Sammler und, was ihn besonders freut: „Gut jeder dritte Kunde kauft über meine Homepage oder nach einem Newsletter ein.“ Denn all seine Objekte stammen aus einer Zeit, „von der wir alle Bilder im Kopf haben, aber nur selten im Haus“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.07.2015)

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