Salzburg: Die Technik umarmte die Kunst

Im Museum der Moderne wird ein außergewöhnliches Kapitel der Kunst erstmals aufgearbeitet: die Aktivitäten der Gruppe E. A. T. rund um Tinguely, Rauschenberg, Klüver.

Das spektakulärste gemeinsame Unternehmen von E.A.T. war der Pepsi-Pavillon 1970 für die Expo im japanischen Osaka. [ ,]
Das spektakulärste gemeinsame Unternehmen von E.A.T. war der Pepsi-Pavillon 1970 für die Expo im japanischen Osaka. [ ,]
Das spektakulärste gemeinsame Unternehmen von E.A.T. war der Pepsi-Pavillon 1970 für die Expo im japanischen Osaka. [ ,] – (c) J. Paul Getty Trust. Getty Research Institute

Unter lautem Getöse erzeugte die Maschine Dampf, setzte ein Klavier in Brand, stellte Zeichnungen her und zerstörte sich am Ende selbst. „Hommage to New York“ nannte Jean Tinguely seine Skulptur, die er 1960 für den Garten des MoMA entwarf: ein bahnbrechendes Werk, aber weniger aufgrund der radikalen Performance als aufgrund der Vorbereitungen. Denn der Künstler erhielt maßgebliche Unterstützung durch einen visionären Ingenieur: Billy Klüver (1927–2004). Es war der Auftakt jener Zusammenarbeit, die sieben Jahre später zur Gründung von Experiments in Art and Technology (E. A. T.) führte.

Klüver, der damals bei Bell Telephone Laboratories arbeitete, erhielt nach dem Spektakel immer häufiger Anfragen von Künstlern. Jasper Johns suchte eine Lösung für ein Gemälde mit einem Neon-Buchstaben, Andy Warhol benötigte Hilfe für seine schwebenden Wolken aus silbern glänzendem Plastik („Silver Clouds“), Robert Rauschenberg wollte ohne Verkabelung Klänge erzeugen. Bald zog Klüver immer mehr Kollegen zu den Kollaborationen hinzu, die ihre Freizeit, aber auch die Ressourcen ihrer Firma zur Verfügung stellten – ob das heute noch irgendwo auf der Welt möglich wäre?

Damals entwickelte sich in New York eine „gemeinschaftlich orientierte und kollaborativ arbeitende Kunstszene“, wie Kathy Battista im umfassenden Katalog schreibt. Sie erarbeitete zusammen mit Sabine Breitwieser, Direktorin im Museum der Moderne, die weltweit erste Rückschau der Geschichte von E. A. T. Ausgestellt sind Schlüsselwerke, viele Filmdokumentationen der Performances und erstmals veröffentlichtes Archivmaterial. Der fast anarchistische Geist von E. A. T. trifft hier auf die Ordnungsliebe des Museums, doch trotz der vielen Vitrinen erahnt man die enorme Aufbruchsstimmung jener Jahre.

Was aber ist E.A.T.? Weder eine Künstlergruppe noch eine inhaltlich oder formal fundierte Bewegung, eher eine Vision: Zusammenarbeit als Grundlage für Veränderungen. Es gibt keine stilistische Einheit, nicht einmal ein vorrangiges Medium. Offenheit war Programm. Als erste Aktivitäten von E. A. T. gelten die Performanceabende „5 New York Evenings“ 1964 im Moderna Museet in Stockholm und die „9 Evenings: Theatre & Engineering“ 1966 in New York.

 

„Totales Theater“ via Fernsteuerung

Dort führte Rauschenberg seine legendäre Performance „Open Score“ auf: In diesem Tennismatch sorgte jedes Auftreffen des Balls auf den Schläger dafür, dass ein Licht in dem riesigen Saal ausging, bis zur völligen Dunkelheit. David Tudor setzte das Gebäude als Musikinstrument ein, und Öyvind Fahlström suchte ein „Totales Theater“ mit Chemikalien, Fernsteuerungssystemen und Filmaufnahmen.

In Salzburg sind Filmaufnahmen dieser Performances zu sehen, Objekte von Tinguely, kinetische Werke von Robert Rauschenberg – „nahezu alles hier bewegt sich“, wie Breitwieser es zusammenfasst. Jean Dupuys Skulptur übersetzt unseren Herzschlag in eine rote vibrierende Membran, und Lucy Youngs Stoffband tanzt auf Knopfdruck wie magisch in der Luft.

Offiziell gegründet wurde E. A. T. erst 1966 als loser Verbund von Künstlern und Technikern für Beratung, Austausch und Geräteverleih. Insgesamt gehörten bis zu 5000 Menschen dazu. Nur weniges fand unter dem Namen E. A. T. statt, darunter sozial engagierte Projekte und jene zur Beschaffung von Geld, etwa „Artcash“: von Künstlern entworfene Geldscheine. Mit ihnen konnte man sich an Glücksspielen beteiligen und gespendete Kunstdrucke und Multiples gewinnen.

Das spektakulärste gemeinsame Unternehmen war der Pepsi-Pavillon 1970 für die Expo im japanischen Osaka. An der Gestaltung waren 63 Künstler, Ingenieure und Wissenschaftler beteiligt. Merkwürdige Objekte von Robert Breer umkreisten den Pavillon, eine Nebelwolke umhüllte das Gebäude, das durch einen Tunnel betreten wurde. Innen trugen vier Türme Rusty Myers Skulptur „Light Frame“, die Kuppel war verspiegelt, und ein computergesteuertes Licht- und Soundsystem veränderte ständig den Raum. Leider entsprach das Projekt nicht den Marketingvorstellungen von Pepsi, die ihr Logo platzieren wollten und Veränderungen forderten. Kurz nach der Eröffnung übernahm Pepsi „die Kontrolle über den Pavillon“ (Katalog). In Salzburg sind unter anderem Breers „Floats“ ausgestellt.

Die wichtigsten Aktivitäten von E. A. T. fanden von 1966 bis 1973 statt. Auch die Salzburger Ausstellung endet mit diesem Jahr, mit David Tudors „Rainforest“ (1973/2015).

Museum der Moderne Salzburg: „E. A. T. – Experiments in Art and Technology“, bis 1. November.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2015)

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