Wenn Museen expandieren

Das Guggenheim wächst in die Welt, das Mumok vermietet seine Sammlung: Immer öfter agieren Museen wie Unternehmen. Das sorgt auch für Kritik.

USA GUGGENHEIM ANNIVERSARY
USA GUGGENHEIM ANNIVERSARY
Guggenheim-Museum – EPA

Als in Abu Dhabi 2007 die große Kooperation mit dem Pariser Louvre bekannt gegeben wurde, war das Konzept neu und spektakulär. Gewaltige Gelder flossen dabei, fast eine halbe Milliarde Euro allein zahlte Abu Dhabi für den Namen des Louvre, eine noch höhere Summe für Beratungen zu den geplanten Ausstellungen, Leihgaben, Expertenwissen. Damals wurde eine Entwicklung unübersehbar, die Ende der 1980er begonnen hat und heute überall praktiziert wird: Museen agieren nicht als Bildungsanstalten, sondern als Unternehmen. Die Geschäftsfelder heißen Expansion und Vermarktung, die Waren sind die Sammlungen, das Renommee, das Wissen der Mitarbeiter.

Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts war das anders: Museen traten nur mit ihren Sammlungen und wissenschaftlicher Forschung an die Öffentlichkeit. 1988 übernahm Thomas Krens das New Yorker Guggenheim und veränderte das System unwiederbringlich. Während seiner 20-jährigen Direktion brach er mit zentralen Tabus. So schickte er während der Renovierung des Guggenheims Teile der Sammlung auf eine Wanderung durch die Welt, verkaufte 1990 Werke von Kandinsky, Mondrian und Chagall und richtete im Jahr 2000 einem Modedesigner, Giorgio Armani, eine große Retrospektive aus. Vor allem aber setzte Krens von Anfang an auf Expansion: 1997 eröffneten das Guggenheim in Bilbao und das Deutsche Guggenheim in Berlin. Dafür handelte Krens außergewöhnliche Verträge aus: Aus den Wechselausstellungen mussten Werke der Künstler angekauft und die Hälfte der Ankäufe dem New Yorker Guggenheim geschenkt werden.


Gescheiterte Expansionen. So erfolgreich diese beiden Expansionen liefen, so fatal scheiterten andere: Das 2001 eröffnete Guggenheim Las Vegas schloss schon 2003 wieder. Filialen in Mexiko, Salzburg, Rio de Janeiro wurden nie realisiert, das noch lang nicht gebaute Guggenheim Abu Dhabi erzeugt laufend negative Schlagzeilen aufgrund der miserablen Arbeitsbedingungen in dem Emirat. Gerade wurde über einen Architekturentwurf für das Guggenheim Helsinki entschieden. Aber ob das von Moureau Kusunoki Architectes entworfene Museum jemals gebaut wird, ist noch offen. Denn die vom Guggenheim geforderte Lizenzgebühr von 20 Millionen Euro plus einem jährlichen Budget von sieben Millionen Euro sorgt für heftige Kritik in Finnland.


Kooperationen. Nicht nur das Guggenheim-Prinzip, auch Kooperationen unter Museen sind ein einträgliches Geschäft. Gerade meldete die National Gallery in Singapur, die erst im Oktober eröffnen wird, neue Pläne: Die Ausstellung „Reframing Modernism“ findet zusammen mit dem Centre Pompidou, „Artists and Empire“ mit der Tate Britain statt. Werden solche Modelle auch in den österreichischen Bundesmuseen praktiziert?

„Ich habe in den 15 Jahren meiner Direktion zwei Anfragen zu Kooperationen bekommen – und beide nach reiflicher Überlegung abgelehnt“, erklärt Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder. „Die erste kam von Tom Krens mit der Bitte, neben der Eremitage, dem KHM und dem Guggenheim als viertes Museum in das bekannte Projekt in Las Vegas einzusteigen. Ich habe nicht an den Erfolg dieses Projektes geglaubt, keinen Nutzen für die Albertina darin erkannt und daher nach einer intensiven Besichtigung in Las Vegas abgesagt.“ Das Projekt sei dann auch stufenweise – nicht zuletzt durch die Krise von 9/11 – wieder eingestellt worden. Eine zweite Anfrage kam aus Dubai: „Hier ist es mir besonders leichtgefallen abzusagen, weil unsere Sammlungsbestände nicht im Geringsten die Erwartungen des Managements für Kultur und Tourismus erfüllt hätten und unsere Vorstellungen von Museumsarbeit zu weit auseinanderlagen.“

Im Belvedere gab es bisher keine Franchising-Anfrage, aber es kämen jede Woche ein bis zwei Wünsche nach einer Klimt- und Schiele-Ausstellung herein, erzählt Direktorin Agnes Husslein-Arco. „Wir schicken die Werke nicht auf Reisen. Wir kooperieren jedoch bei wissenschaftlichen Forschungen wie jetzt mit Japan.“ Das Belvedere benötigt laut Husslein-Arco keine zusätzliche Einnahmequelle dank der 60-Prozent-Eigendeckung, aber einmal im Jahr werde eine Ausstellung zusammen mit einem anderen Museum erarbeitet, in Vorbereitung sind Projekte mit dem niederländischen Van-Gogh-Museum und der britischen Tate.

Auch das MAK erhält gezielte Anfragen, vor allem für die wertvollsten Teppiche, die Mogulhandschrift „Hamzanama“ oder Klimts Entwurfszeichnungen für den Stoclet-Fries – die nicht mehr reisen dürfen. Direktor Thun-Hohenstein: „Derzeit sind zwei größere Kooperationsprojekte im asiatischen Raum in Verhandlung, zwei weitere in Form von Ausstellungsübernahmen in Europa.“ Das Mumok vermietet aktiv einzelne Sammlungsblöcke wie die Aktionisten für temporäre Ausstellungen.


„Museumsimperialismus“. In einer Sache aber sind sich alle Häuser einig: dass die weltweite Vermarktung von Ausstellungen Gewinn bringt. Solche Kooperationen würden zudem „den Dialog zwischen den Kulturen vorantreiben“, erklärt Thun-Hohenstein. Allerdings setzt da auch die Kritik ein: Das bewirke eine weltweite ästhetische Standardisierung, die Profile der Museen gleichen sich immer mehr an, schreibt Volker Kirchberg in seinem Buch zur „Gesellschaftlichen Funktion von Museen“ (VS-Verlag). Das wird als „Museumsimperialismus“ kritisiert, der ein „Austrocknen vormals lebendiger, lokal unterschiedlicher kultureller Öffentlichkeiten“ befürchten lasse.

Die Kooperationen der National Gallery in Singapur zeigen einen anderen Weg: Dort werden die eingekauften Ausstellungen vor Ort mit regionaler Kunst vermischt. Offenbar geht es weniger um Besucherzahlen als vielmehr um eine Neupositionierung der Region in der globalen Kunstgeschichte – ein Weg, den auch die chinesische K11 Foundation mit dem Centre Pompidou einschlägt: K11 finanziert eine dreijährige Recherche chinesischer Kunst in Paris. Das Guggenheim-Prinzip, das Krens als ein vor allem lukratives Geschäftsmodell begonnen hat, ist heute zu einem Werkzeug für eine globalisierte Museumspolitik geworden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.08.2015)

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