Illustratoren: Der zugespitzte Zeichenstift

Illustratoren zeichnen auch Weltbilder. Eine Ausstellung in Wien zeigt, wie stichhaltig ihre Striche sind.

Strichgenau. Francesco Ciccolella, ein junger Meister der verdichteten Bildidee.
Strichgenau. Francesco Ciccolella, ein junger Meister der verdichteten Bildidee.
Strichgenau. Francesco Ciccolella, ein junger Meister der verdichteten Bildidee. – (c) Beigestellt

Alles ist Vertrauenssache. Auf die eigenen Hände und die Hände anderer, darauf kann man sich eventuell noch verlassen. Heute machen Menschen im 17. Stock ihres Wohnblocks ohnehin die Heilsalben wieder lieber selbst. Mit eigens gesammelten Kräutern, die man aus Magazinen kennt, die die Ursprünglichkeit so offensiv zelebrieren. Dort sind die Pflanzen so abgebildet, als würde sie Carl von Linné gerade erst klassifizieren: in naturalistischen Illustrationen. Denn gerade in eine heile Welt scheint die Fotografie überhaupt nicht mehr zu passen. Ihr geht es wie vielen Industriegütern: Sie hat ihre Reputation verspielt.

Bei digitalen Medienbildern schrillt schnell der Fake-Alarm. Zeichnungen hingegen verstellen sich erst gar nicht, die Hand führt den Strich, das steht fest, die Weltsicht führt die Hand, auch das kann man nachvollziehen. Die Welt verlangt wieder Weltbilder, die subjektiv sind, dafür ehrlich und authentisch. Und Illustratoren sind ihre Schöpfer und Autoren, sind Verdichter und Denker, nicht bloß Stylisten oder Dekorateure der Ideen und Gedanken anderer. Die Ausstellung „Auf den ersten Blick. Junge Illustration aus Wien“ zeigt im Wien-Museum, mit welchen Techniken, Werkzeugen und Talenten sich die Illustration neue Territorien erschließt, von Hochglanzmagazin-Seiten bis zum Etikett auf der Getränkeflasche.

Bevor die automatisierten Google-Kameras die Welt bis in jede Hauseinfahrt gescannt haben, waren die Menschen selbst noch die Weltvermesser. Von ihren Reisen brachten James Cook und Konsorten nicht nur Gewürze und Sklaven nach Hause, sondern auch ständig neue Weltbilder. Angefertigt von Schiffszeichnern oder den Forschern selbst. Sie bildeten ab, was sie entdeckten, sahen, sammelten, was ihnen wichtig vorkam. Alexander von Humboldt war einer davon (zuletzt ist sein „Grafisches Gesamtwerk“ im Lambert Schneider Verlag erschienen). Irgendwann überließ man das Bebildern dann doch den Maschinen. Vor allem, nachdem man entdeckt hatte, wie empfindlich Silbersalze auf Licht reagieren, und später, wie viele Bildpunkte sich doch auf eine Speicherkarte quetschen lassen.

Illustriert wurde allmählich nur noch, was Kameras gar nicht ablichten konnten: Manche Gerichtsverhandlungen etwa, Utopien, fantastische Kreaturen, abstrakte Begriffe wie Krise oder Solidarität. Von Wesen wie Pumuckl, Räuber Hotzenplotz und dem Kleinen Ich-bin-Ich schenkten uns Illustratoren ganz konkrete Vorstellungen. Dankbar haben sie die Menschen ins kollektiv-kulturelle Gedächtnis der Medienrezeption aufgenommen.

Erzählung. Franziska Walther illustrierte Kurt Tucholsky für den Kunstanstifter Verlag.
Erzählung. Franziska Walther illustrierte Kurt Tucholsky für den Kunstanstifter Verlag.
Erzählung. Franziska Walther illustrierte Kurt Tucholsky für den Kunstanstifter Verlag. – (c) Beigestellt

Bild und Bildideen. Heute bewundert man erst recht wieder die Künstler und Gestalter, die die komplexe Welt auf kleinem Bildformat mit individuellem Strich verdichten. „In allen Bereichen der grafischen Gestaltung gibt es immer Konjunkturen“, sagt Peter Stuiber, der die Ausstellung im Wien-Museum kuratiert hat und seit Langem die Wiener Szene und ihre Talente beobachtet. „Aber es ist kein Zufall, dass gerade jetzt Illustration und etwa auch alte Drucktechniken wieder aufgegriffen werden“, sagt er. Das passt zu dem, was die Gesellschaft derzeit so dringend stillen will: das Bedürfnis, jemandem vertrauen zu können. Die Sehnsucht nach Authentischem, Handgemachtem. „Man will wieder die Menschen hinter den Dingen sehen“, sagt Stuiber. Und auch hinter den Bildern, die die Medien produzieren.

Die Ausstellung im Wien-Museum vermisst das Terrain einer grafisch-künstlerischen Disziplin, die sich längst nicht nur zwischen Buchdeckeln versteckt: Illustratorin Stefanie Hilgarth etwa borgte sich die Wand der Bäckerei Felzl in Wien als Medium. Auf Bierdeckeln, auf Flyern und Free-Cards, Getränkeetiketten, in Filmen, als dreidimensionale Papiermodelle – die Illustration sucht sich neue Formate und Kontexte, bis hin zum Supermarktregal. Schnell musste Kurator Peter Stuiber merken, wie eng sich 120 Quadratmeter Ausstellungsfläche anfühlen, wenn Bandbreite und Vielfalt so groß sind. „Mir war es trotzdem wichtig, ein breites Spektrum abzubilden“, sagt Stuiber. Und vor allem die Stufen und Stadien, die zu den fertigen Bildern führen. „Viele sind von Hand gezeichnet, einige nutzen auch den Computer zum Kolorieren oder auch als Tool, um einen eigenständigen Stil zu entwickeln“, erzählt Stuiber, „es geht dabei immer auch um Sinnlichkeit. In den fertigen Bildern sind so viele Schichten und Arbeitsschritte verwoben. Da spürt man einfach das Handgemachte.“

Der Ausstellungstitel „Auf den ersten Blick“ schafft das, was gute Illustratoren auch vermögen: das Auf-den-Punkt-Bringen. Denn eine zweite Chance, zu wirken und verstanden zu werden, bekommt eine Zeichnung nicht. Das visuelle Verdichten der Bildidee, das Auslegen von subtilen Referenzfäden, die die Rezipienten sofort aufnehmen können, ist Hauptaufgabe und Kunst zugleich, nicht nur das Führen des Stiftes über das Papier oder Grafiktablet. Manche Illustratoren, wie Francesco Ciccolella etwa, der in Wien arbeitet, seien schon in jungen Jahren Meister darin, meint Stuiber. Sie spitzen die Botschaft zur Akupunkturnadel, die verschiedene Erfahrungen im Betrachter gleichzeitig zu aktivieren scheint.

Doch wie weit kann man den Bogen spannen? Wie subtil die Referenzfäden zum kollektiven Wissen der Rezipienten knoten? „Es gibt bei vielen die ängstliche Frage, ob man noch verstanden wird“, sagt etwa Christoph Niemann – seine Illustrationen hängen noch bis 11. 10. im Kunstblättersaal des Museums für angewandte Kunst in Wien. „Aber die Betrachter und Leser verfügen meist über eine visuelle Intelligenz, die ihnen viele gar nicht zugetraut hätten.“ Niemann zeichnet Cover für das Magazin „New Yorker“, die sich auch in der Sekunde erschließen. Aber er erweitert die Domäne der Illustration frech in ein Feld, das ohne Papier funktioniert: die neuen Medien. Einmal hat Niemann live vom New York Marathon Illustrationen für einen Blog geliefert, nicht als Zuschauer, sondern als Läufer.

Ausdrucksstark. Die Illustration spiegelt den Autor des Bildes wider. – (c) Beigestellt

Hier schlüpft der Illustrator in die Rolle des Kommentators: Einmal sind es komplexe Weltzusammenhänge, die er in einem Bild entknotet. Einmal sind es Rituale und ungeschriebene Gesetze bei Flugreisen, à la „Wer zuerst den Arm auf der Mittellehne hat, dem gehört sie auch“.

„Von einem wie Christoph Niemann lasse ich mir gerne die Welt erklären“, sagt die deutsche Illustratorin Franziska Walther. „Bilder leben immer von der Persönlichkeit ihres Autors, man sieht schließlich immer den Zeichner darin.“ Gut, wenn sich so ein „schräger Vogel“ wie Niemann abbildet. Walther selbst marschiert auch nachdenkliche Achter-Schleifen in ihrem Hamburger-Atelier, bevor sie zu zeichnen beginnt.

Ihre Illustrationen wurden mehrfach ausgezeichnet, auch beim österreichischen Joseph-Binder-Award. Jene Bilder, mit denen sie auch ihren persönlichen Erzählstrang in Adalbert Chamissos „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“, einflechten durfte, in Blau gehalten wie der Schatten, den Peter Schlemihl verkauft. Und in stimmungsvollem Gelb wie die Sonne, die erst den Schatten sichtbar macht. Walther vermutet ebenfalls, dass die Illustration derzeit ähnliche Bedürfnisse stillt wie selbst gemachte Heilsalben. Oder dass man nun lieber Schriftgestalter an die Kreidetafel im Restaurant holt, um das Tagesgericht zu vermelden. „Den Illustratoren gelingt es, selbst in einer übervisualisierten Welt eine neue Perspektive einzuziehen: nämlich die ganz persönliche“, sagt Walther. Auch wenn viele, wie sie selbst, die subjektiven Striche digital produzieren, auf dem Grafiktablet. „Viele Illustratoren arbeiten heute auch mit analogen und digitalen Mischformen. Sie zeichenen Konturen vor und kolorieren dann auf dem Computer.“

Neues Terrain. Jürgen Schremser ist Illustrator, aber auch Historiker. Und in dieser Rolle beforscht er auch gern sein eigenes grafisches Fach. Über das Joseph-­Binder-Symposium setzt sich Schremser regelmäßig auch mit der gesellschaftlichen Relevanz der Illustration auseinander. Und damit, „welche Linien sich aus der Vergangenheit in die Zukunft weiterziehen lassen“. Im Authentischen liege die Kraft der Illustration, meint ­auch Schremser. „Die Fotografie hat lange mit dem Ruf des empirisch objektiven Mediums gelebt.“ Bis Photoshop kam, um den Ruf vollständig zu ruinieren. „Viele Bilder sind inszeniert, nach gewissen Regeln konstruiert.“ So behaupten sich sogar in der Paradisziplin der Fotografie, der Reportage und der Kriegsberichterstattung, die Illustratoren.

Bildverdichter. Noch bis 11. 10. im MAK zu sehen: Illus von Christoph Niemann. – (c) Beigestellt

Manche Publikationen würden sogar schon gänzlich auf fotografische Darstellungen verzichten, erzählt Schremser. Wie etwa das Schweizer Magazin „Reportagen“, das nur mit Text, Infografik und Illustration als Informationsträgern arbeitet. „Dabei sind die Illustrationen nicht Dienstleistungen an der These, die jemand aufstellt, sie sind selbst Thesen“, sagt Schremser.

Tipp

„Auf den ersten Blick“. Junge Illus­tration aus Wien: Die Ausstellung, kuratiert von Peter Stuiber, wird im Rahmen der Vienna Design Week eröffnet und läuft bis 31. 1. 2016 im Wien-Museum.

Illustrative Randnotizen

Christoph Niemann.
„Der Bleistift suggeriert Persönlichkeit“, sagt einer, der sich gern mit dem Zeichenstift ins Digitale vorwagt: der deutsche Illustrator und Grafiker Christoph Niemann, der lange in New York wohnte und jetzt in Berlin lebt und arbeitet. Niemann, der seine eigenen Gedanken gern in seinen eigenen visuellen Aphorismen illustriert, zeichnete zuletzt auch für ein Buch, dessen Inhalt kaum noch zu verdichten war: Zwischen die Zeilen von Erich Kästners Aphorismen in „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“ (im Atrium Verlag erschienen) hätte wohl keine neue Ebene mehr gepasst, erzählt Christoph Niemann. So auf den Punkt zugespitzt sind sie schon. Niemann entschied also, sich in die Rolle des Kommentators an den Rand zurückzuziehen: „Inhaltlich konnte man da kaum etwas hinzufügen. Ich hielt die Aphorismen von Kästner für nicht illustrierbar. Die Gedanken sind einfach, was sie sind. Ich versuchte erst gar nicht, sie dem Leser näherzubringen.“ So zeichnete Niemann schließlich seine persönlichen Gedanken zu den Gedanken Kästners, quasi als illustrative Randnotiz. Da dürfen die Zeichnungen auch schon mal gedankliche Abzweigungen machen, denen man auch erst beim zweiten Mal als Rezipient folgen kann. „Die Idee war, dem Leser ein Buch von Erich Kästner in die Hand zu geben, in dem Christoph Niemann he­rumgezeichnet hat“, sagt Niemann. „Ich liebe die Modulation des Stils bei Erich Kästner. Das ist etwas, was ich auch selbst beim Zeichnen versuche. Zum Beispiel etwas Strenges sehr blumig zu formulieren. Oder etwas sehr Lustiges ganz formell.“

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