Vienna Contemporary: Große Kunst statt großer Tiere

Die ehemalige Rinderhalle in St. Marx erweist sich als idealer neuer Standort für die Messe. Auch die zuvor skeptischen Galeristen sind begeistert.

 175 Meter lang, 114 Meter breit, 17 Meter hoch: Die Ästhetik der ehemaligen Rinderhalle in St. Marx überzeugt nicht nur die Galeristen.
 175 Meter lang, 114 Meter breit, 17 Meter hoch: Die Ästhetik der ehemaligen Rinderhalle in St. Marx überzeugt nicht nur die Galeristen.
175 Meter lang, 114 Meter breit, 17 Meter hoch: Die Ästhetik der ehemaligen Rinderhalle in St. Marx überzeugt nicht nur die Galeristen. – (c) Vienna Contemporary

Neuer Name, neuer Ort, aber keine neue Messe: eine verwirrende Situation. Bis 2014 hieß die führende Kunstmesse Österreichs noch Viennafair und fand im Messegelände beim Prater statt. Aber dann entschied das Team, alles zu ändern. Denn schon seit Längerem hatten sich die Galerien über den Termin im Oktober beschwert, der favorisierte Termin im September scheiterte an der Messegesellschaft Reed. Ein Umzug wurde notwendig, aber da Reed den etablierten Messenamen nicht abtreten wollte, zog ein Schritt den anderen nach sich.

Lang wehrten sich die Galerien gegen die Änderungen. Bedenken gab es besonders gegen den neuen Standort: Ist die Halle klimatechnisch für eine Kunstmesse gerüstet? Ist das Industrieviertel rundherum nicht zu karg? Wie kann es ohne den Sponsor Die Erste weitergehen? Was bleibt vom CEE-Schwerpunkt, wenn die Bank die Stände der osteuropäischen Galerien nicht mehr finanziert?

Zuletzt konnten dann doch alle wichtigen Wiener Galerien zur Teilnahme überredet werden. Jetzt also ist die eigentlich zwölfte Viennafair, nun aber erste Vienna Contemporary (VC) eröffnet – und alle Bedenken sind ausgeräumt! Nicht nur gelang es dem Team, die angestrebte Dreiteilung zu erreichen: Von den 99 Galerien sind ein Drittel aus Österreich, ein Drittel aus Zentraleuropa, ein Drittel aus dem Rest der Welt. Diese Mischung, vor allem aber die Qualität der ausgewählten Galerien, ist so überzeugend, dass die junge Berliner Galeristin Anna Jill Lüpertz schon beim Presserundgang schwärmte: „In ein so niveauvolles Messeumfeld komme ich als junge Galerie sonst nicht.“ Als Tochter der Galeristin Jule Kewenig und des Malers Markus Lüpertz mit Kunst aufgewachsen, startete sie 2012 ihr eigenes Geschäft. In Wien zeigt sie traumartige Malerei von Harald Hermann und Daniel Kannenberg, dazu Fotografien von Pola Sieverding. Auch Galerist Michael Schultz (Berlin, Seoul, Peking) ist begeistert. Er ist seit knapp 30 Jahren im Geschäft. Auf der Viennafair habe er bisher „ausreichend verkauft“, habe hier einen festen Sammlerstamm und sei neugierig gewesen, wie der Neustart gelingen werde. Beeindruckt ist er von seinen Wiener Kollegen – „die nehmen sich jetzt etwas zurück, die Platzverteilung ist besser geworden“ – und von der Halle.

 

Gelungene Standarchitektur

Die ehemalige Rinderhalle wurde Ende des 19. Jahrhunderts als erste Schmiedeeisenkonstruktion Wiens gebaut. 2006 wurde sie saniert, seither finden auf der Gesamtfläche von 20.000 Quadratmeter Messen und Konzerte statt. Die 175 Meter Länge, 114 Meter Breite und 17 Meter Höhe lassen eine einzigartige Atmosphäre entstehen, die durch die gelungene Standarchitektur noch unterstützt wird und eine für Kunstmessen wichtige Großzügigkeit erzeugt – die dann in den Kojen konsequent weitergeführt wird. Nahezu jede Galerie zeigt einen hervorragenden Ausschnitt ihres Programmes, viele treten mit neuesten Werken an, die Galerie Martin Janda mit einem erstaunlich reduzierten Großformat des Shootingstars Svenja Deininger (23.000 Euro), oder Nächst St. Stephan mit brandneuen Skulpturen von Sonia Leimer: Auf einem I-Träger liegen Sitzpolster, bezogen mit merkwürdigen Stoffen voller Flugzeuge oder Raketen. Leimer war vom österreichischen Kulturinstitut in Moskau eingeladen worden, sich für die Ausstellung „Prinzip Hoffnung“ mit einer russischen Industriestadt zu beschäftigen. Sie wählte die Textilstadt Ivanono und fand dort diese Stoffe, die zeigen, wie die Sowjetunion Textilien für Propagandazwecke einsetzte (je 4200 Euro in einer Auflage von drei).

Am Stand der aus Wien nach Genf abgewanderten Galerie Mezzanin fasziniert ein riesiger, massiver Tisch von Christian Mayer – die Kopie eines Objekts mit einer langen Geschichte (25.000 Euro). Ehemals wurde das Holz für ein britisches Schiff verwendet, das im Eis in der Nordwest-Passage festsaß und von der Mannschaft aufgegeben wurde. Später fanden es die Amerikaner, gaben es der englischen Königin zurück, die daraus diesen Tisch fertigen ließ – und als Geschenk in die USA zurückschickte. Bis heute steht der Tisch im Oval Office im Weißen Haus. Auf eine kleine Tür vorn im Tisch ließ Mayer eine kurze Fabel schreiben: Der Nordwestwind und die Sonne streiten darüber, wer mächtiger ist – die Sonne gewinnt, nicht dank der Kraft, sondern dank ihrer Wärme.

Nicht nur die Halle und die Kunstwerke begeistern. Auch die kleineren Entscheidungen des Teams überzeugen, etwa die Sektion „Cinema“ mit 27 Videos oder das Schwerpunktland Bulgarien, das mit Werken von 56 Künstlern auftritt. Mit diesem Neustart könnte es der Vienna Contemporary tatsächlich gelingen, zur „wichtigsten Messe zeitgenössischer Kunst im CEE-Raum zu werden“, wie es Messebesitzer Dimitry Aksenov anvisiert. Die Verträge mit der Marx-Halle für die nächsten Jahre sind bereits unterschrieben.

>> Vienna Contemporary, Marx-Halle, Wen 3, Karl-Farkas-Gasse 19, bis 27. September.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.09.2015)

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