Künstler Jimmy Zurek - Ein Gin Trinker

Rock’n’Roll – Das ist die Lebenseinstellung von Künstler Jimmy Zurek. Ihm sind Bodybuilder wichtiger als Museumsdirektoren. Und gegen Aufstände hat er auch nichts.

Jimmy Zurek
Jimmy Zurek
(c) Julia Stix

Bei einem Vorstellungsgespräch hat es Jimmy Zurek ein bisschen leichter als andere Künstler. Mappenschleppen ist unnötig – Zurek hat seinen Lebenslauf nämlich immer bei sich: auf seine Haut tätowiert. Das hat zumindest Gerald Matt schon einmal so beeindruckt, dass am Ende eine Einzelausstellung in der Kunsthalle herausgeschaut hat. Auf diese Weise macht er auch kein Hehl aus seinen Helden: Auf einem Unterarm prangt Elvis Presley, auf dem anderen Johnny Cash: „Die sind die Besten.“

Auch ganz gut findet Jimmy Zurek aber Heiner Müller und David Lynch – seine „Ziehväter“. Sein ganzer linker Arm ist etwa Lynchs Kultserie „Twin Peaks“ gewidmet. Vom Namen der Schauspielerin Madchen Amick bis zum Logo des Doube R Diners. So viel Verehrung muss sich dann natürlich in der Arbeit niederschlagen. Das tut es auch – in der Ausstellung „Gin Palace“. Gin Palaces, erklärt Zurek, „waren eine Erfindung der 1830er-Jahre. Dort haben sich die Arbeiter Nordenglands getroffen, um Gin zu trinken, weil der billig war. Die Reichen haben zu Hause in ihrem Salon Wein getrunken. Die 14 Designer und Fotografen, mit denen ich bei der Ausstellung zusammenarbeite, die sind, metaphorisch gesehen, auch alle Gintrinker.“

Die Schau ist auf verschiedene Innenstadtgeschäfte aufgeteilt, von der Schmuckgalerie bis zum Schuhgeschäft im Grätzel um die Spiegelgasse. Auch die Loos-Bar ist eine Location. Was nur logisch ist, ist sie doch Jummy Zureks „Wohnzimmer“. Dort entstehen mitunter auch Lieder für seine Band Wow Bob Wow, die er aus David-Lynch-Texten destilliert. Der Künstler sieht die Ausstellungsorte auch als Statement zum Kunstbetrieb. „Die Szene ist teilweise schon ein bisschen abgehoben. Ich habe ein Prob-lem damit, dass Kunst immer auf so elitäre Art und Weise präsentiert wird. Müssen immer Worte verwendet werden, die es den Leuten vermiesen?

Wenn man etwa vom Rezipienten redet, wenn man den Besucher meint. Und so pseudointellektuell. Oft sind Bezüge an den Haaren herbeigezogen, das soll mir einmal ein Kurator ernsthaft erklären. Und dann kann ich ihm aber sicher sagen, dass das ein Schmarrn ist, was er macht.“ Im Galerienbetrieb fühlt er sich auch nur bedingt wohl: „Es wird nicht mehr nachgedacht, wer noch Inhalte hat, wer noch politisch ist. Viele Künstler trauen sich gar nicht mehr, laut zu sein, die sind eingebettet in eine saturierte Kunstszene, in eine etablierte Galerie, da spielt dann schon die Angst mit, dass man das, was man schon erreicht hat, wieder verliert. Da steh ich eher auf der aufständischen Seite.“

Atterseechuan. Es bereitet Zurek sichtlich Freude, gerade den noblen ersten Bezirk mit seiner Rock’n’Roll-Einstellung zu infiltrieren: „In ,Gin Palace‘ geht es auch um Auflehnung. Mich beschäftigen zum Beispiel die Aufstände in den Vorstädten von Paris extrem: Weil da auf der einen Seite die Angst ist, dass so etwas komplett eskalieren kann. Aber auf der anderen Seite versteh ich die Leute schon: Wenn du da im absoluten Dreck lebst und du liest, dass der Sarkozy jetzt seiner Frau die dreigeschoßige Wohnung von Yves Saint-Laurent gekauft hat . . .“

Es ist also sicher kein Zufall, dass Zurek ein Faible für Heiner Müller hat: „Der hat für das Volk in der DDR geschrieben. Heiner Müller hat zwar mit vielen historischen Anspielungen und Bezügen auf die griechische Mythologie gearbeitet. Aber man kann das alles auch lesen, ohne diese Bildung zu haben.“ Antielitär ist dementsprechend ein Wort, das Jimmy Zurek gerne verwendet. Mit dieser Einstellung geht er naturgemäß auch an seine Theaterprojekte: „Ich habe Müllers ,Hamletmaschine‘ mit Bodybuildern gemacht. Echte Bodybuilder, die Tag für Tag  ins Fitnessstudio gehen. Als ich die gefragt habe, haben sie zuerst gesagt, na ich weiß nicht, mit Theater hab ich eigentlich nichts am Hut. Und als ich sie dann überredet hatte, waren sie begeistert. So etwas ist für mich der größte Erfolg. Noch größer, als einen Museumsdirektor zu überzeugen.“

In der Ausstellung sind nun Arbeiten aus den letzten zehn Jahren zu sehen, aber auch Neues. Zum Beispiel „Künstlerspeisekarten. Da steht dann drauf: Velazquezspätzle mit Picassoß. Oder Atterseechuan mit Goyasprossen.“ Aber auch ernste Fotoserien, wie jene – gerade wieder aktuelle – über Menschen an ihrem Arbeitsplatz zum Thema: Wann reicht es den Menschen, wann haben sie die Schnauze voll? Nur eine Reminiszenz auf der Haut, die wird es diesmal nicht geben, denn Zurek macht gerade
eine Tätowierpause. „Wenn doch, dann einen Werwolf, als Symbol des Aufstands.“ Und was macht er, wenn ihm die freien Flecken auf dem Körper ausgehen? „Dann müssen sich Fans tätowieren lassen. Oder Galeristen . . .“

TIPPS

Gin Palace
10. 6. bis 10. 7. bei: Schmuckatelier Alja Neuner, Galerie Spiegelgasse 8, Loos-Bar, Mühlbauer, Condotti, 2006Feb01, Manuel Rodrigues.

Konzert: 8. 6., 20 Uhr, Arena Wien

Galerie: www.heikecurtze.com

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