Österreichs Kunstmarkt: Keiner will mich? Stimmt nicht!

Reich wie Jeff Koons? Ein Schloss wie Erwin Wurm? Für viele Studierende an Wiens Kunstunis ist der klassische Kunstmarkt nicht mehr so wesentlich wie vor einigen Jahren.

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Kunststudenten beim Aktworkshop – Die Presse

Die Eltern sind dagegen, es gibt kein Geld für eine Wohnung, nur eine Matratze in der Akademie – solch ein harter Kampf zur Erfüllung des Lebenstraums war früher. Wenn sich heute Teenager für ein Kunststudium entscheiden, jubeln die Eltern eher. Denn der Beruf vermag – siehe Auktionsrekorde, Homestories und schnelle Auslandserfolge – immer öfter Wohlstand zu versprechen.

Spätestens mit dem Diplom aber schaut es oft düster aus: „Es gibt zu viele junge Künstler und zu wenig junge Galerien in Wien,“ fasst Fiona Liewehr von der Galerie Georg Kargl die Situation der Absolventen zusammen. Den Weg in den Kunstmarkt findet nur ein Bruchteil. Aber wollen die Jungen überhaupt in den Markt? Noch vor wenigen Jahren fragten manche Studierenden, wie sie am schnellsten reich und berühmt werden könnten. Jeff Koons war Vorbild für eine schnelle Karriere.

Heute ist alles anders. Der Markt sei nebensächlich, erklärten mir gerade die Studienanfänger im Einführungskurs an einer Wiener Kunsthochschule. Traditionelle Karrieren seien nicht mehr ihr Ziel. Denn heute werde im öffentlichen Raum gearbeitet, in externen Projekten, in eigenen Initiativen, und dies oft schon während des Studiums – man wolle kompromisslos handeln, und interdisziplinär.

Studierende aus aller Welt in Wien. 3550 junge Menschen bewarben sich heuer an den beiden Kunstuniversitäten in Wien. An der Universität für Angewandte Kunst (kurz: Angewandte) schafften es 184 Personen in eine der Kunstklassen; an der Akademie für Bildende Kunst (kurz: Bildende) wurden von den 890 Bewerbungen zur freien Kunst 209 zur Prüfung zugelassen, 94 bestanden. Waren es noch vor wenigen Jahren fast ausschließlich österreichische Bewerber, so kommen die Studierenden heute aus aller Welt – wegen der hohen Lebensqualität und der niedrigen Studienkosten?

Sie habe als Teenager den Radiosender FM4 geliebt und immer nach Wien gewollt, erzählt Barbis Ruder. Geboren in Heidelberg, entschied sie sich nach ihrem Kulturmanagementdiplom, die Seite zu wechseln, und bewarb sich an der Angewandten.

Heuer machte sie ihren Abschluss, hatte aber mit ihren radikalen Performances, in denen sie Themen wie Wirtschaft, Arbeit und Körper mit einer großen Portion Erotik verbindet, schon vorher Erfolg: Voriges Jahr gewann sie den Preis für Performance, den das Land Niederösterreich vergibt, und war heuer Finalistin im Wettbewerb ums Ö1 Talentestipendium. Ihr Rezept für die Karriere? „Ich bin ein Arbeitstier“, was heißt: Projekte entwickeln und selbst aktiv werden, bei offenen Ausschreibungen teilnehmen – und nicht darauf warten, entdeckt zu werden. Das bestätigt auch der Maler Gunter Damisch, der seit 1992 an der Bildenden unterrichtet: „Die Handlungsfelder für Künstler sind heute viel größer und nicht mehr nur auf Galerien beschränkt.“

Ruder studierte bei Brigitte Kowanz, die eine weitere Beobachtung betont: „Nach dem Studium fängt das staatliche Fördersystem viel auf“, von den Absolventen wird oft das Startstipendium als erste wichtige Unterstützung genannt (6000 Euro für sechs Monate). Aber Galerien seien noch immer das zentrale Einstiegsmodell: „Kunst ist eine internationale Währung geworden, das ist den Studierenden kaum bewusst.“

Wahllose Bewerbung ist sinnlos. Der Weg führt also doch in den Markt? Interessieren sich denn die Galerien überhaupt für die Jungen? Helga und Peter Krobath erklären, sie seien „ständig offen“, denn „so verstehen wir das Modell Galerie, im Unterschied zum Handel“. Esther Stocker etwa holten sie noch während ihres Studiums an der Bildenden in die Galerie. Thematisch gezielt schaut sich Silvia Steinek um, im Moment zu „feministischen Themen“, wofür sie gerade Olga Georgieva ins Programm nahm. 1986 in Bulgarien geboren, schloss Georgieva ihr Studium 2012 an der Angewandten ab und war im selben Jahr bereits Preisträgerin der Initiative „Roter Teppich“ – wodurch Steinek sie kennenlernte.

Was also ist der Weg für die jungen Absolventen: Galerien oder freie Projekte? Auf Auszeichnungen und Entdeckung warten oder Portfolios verschicken? Das wahllose Zusenden sei auf jeden Fall sinnlos, sind sich alle Galeristen einig. Sie schaue sich zwar jede Mappe an, erzählt Christine König, aber kaum eine sei gezielt auf ihre Galerie ausgerichtet – und habe daher keine Chance. Aber sie sei „immer auf der Suche“ und ist stolz darauf, die letzten drei Jahre eine der begehrten Förderkojen für junge Kunst auf der „Art Cologne“ erhalten zu haben. König beobachtet, dass immer mehr junge Künstler „zunehmend stur ihren Weg gehen und sich nicht mehr nach dem Kunstmarkt richten“ – etwas, was sie sehr an dem in Rumänien geborenen Ovidiu Anton schätzt, der aus Restmaterialien spannende Kompositionen baut und seit kurzem in ihrer Galerie ausstellt.

Voller Optimismus sieht es Steinek: Der Platz für junge Kunst in den Galerien sei zwar beschränkt, aber „die Jungen sind unsere Zukunft.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2015)

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