Künstler, mischt euch ein!

„Künstlerischer Populismus“ heißt die neue Gruppenausstellung, die populistisch superkorrekt partout nicht einlösen will, was sie verspricht. Leider.

, Deutsches Symbol (VW), 1994, Courtesy der Künstler, Galerie Gisela Capitain, Köln und Galerie Crone, Berlin
, Deutsches Symbol (VW), 1994, Courtesy der Künstler, Galerie Gisela Capitain, Köln und Galerie Crone, Berlin
(c) Marcel Odenbach

Erst möchte man jubeln, Hände hoch, he, ho, he, ho! Endlich eine gute Ausstellung in der Wiener Kunsthalle! Werfen wir Höschen und treten der Schafhausen-Partei bei (der Direktor kuratiert persönlich)! Das wäre natürlich schwer populistisch und bei einer Populismus-Ausstellung völlig unangebracht, wie man bald lernt. Aber irgendwie bekommt man Lust, dieses an sich süffige Thema ein wenig auszukosten: „Po Po“ statt „Politischer Populismus“ zum Beispiel wäre sicher ein knalligeres Label gewesen für diese Gruppenausstellung, die das ganze Haus bespielt mit Biennale- und Documenta-erprobter Kunst, zumindest aber mit Künstlern, die international angesagt sind. Und das ist jetzt gar nicht ironisch gemeint, sondern ernsthafter Auftrag: Eine Kunsthalle soll Schaufenster zu diesem durchaus glamourösen Kunstbetrieb sein, der in Österreich traditionell ignoriert wird (der Fuchs vor den Trauben; siehe auch Diskussion um Francesca Habsburgs Sammlung – natürlich soll sie bleiben! Vivat!).

Christian Falsnaes ist einer der Künstler, die in dieser Ausstellung nicht fehlen sollten und es (eher ausnahmsweise) auch nicht tut: Der charismatische dänische Performer hat lang in Wien gelebt, tut es jetzt in Berlin und zwar ziemlich erfolgreich, er ritterte gerade als einer von nur vier Auserwählten um den Preis der Nationalgalerie, den renommiertesten Deutschlands. Ein Wunder, dass man nicht ihm folgte (sondern Gewinnerin Anne Imhof), denn Falsnaes ist zumeist recht suggestiv, das ist sein Konzept. In seinen Performances ist er der „Führer“ und die Zuschauer werden schnell zur Herde, die er anleitet, vergleichsweise Harmloses zu tun wie Leinwände zu besprühen oder zu tanzen: Die Folgsamkeit ist dennoch immer wieder erschreckend, wohl auch heute, Freitagabend, im Rahmen der Ausstellungseröffnung.

 

Immer diese Verweigerung!

Verweigerung wäre hier zu wünschen. Aber in dieser Geste üben sich sowieso die meisten der ausgestellten Künstler – man ist gegen Populismus, Markt, Vereinnahmung. Bis Konzerne zu sponsern, Venedig zu rufen, Sammler zu zahlen beginnen. „Zeit“-Kunstkritiker Rauterberg hat über die schnell unterminierte Ethik der Ästhetik gerade ein gutes Buch geschrieben. Ein paar mehr, teils nicht einmal ironisch mit populistischen Mitteln arbeitende Künstler hätten diese Ausstellung kontroversieller gemacht, Jeff Koons, Damien Hirst, Erwin Wurm. Wobei sich (wahrscheinlich) jeder dagegen verwehrt hätte.

Das aber ist das Problem dieser Schau, die oberflächlich betrachtet sehr engagiert, gut präsentiert und aktuell ist: Sie tut aber niemandem weh. Nicht einmal H. C. Strache würde sich bei einem Besuch irgendwie betroffen fühlen. Man legt Wert auf Meta-Ebene und künstlerische Reflexion. Und will partout nicht auf aktuelle Ereignisse reagieren, wie Schafhausen erklärt. Kunst müsse das nicht. Ja, eh. Aber sie tut es Gott sei Dank immer wieder. Man kann nur diese oder eben jene auswählen als Kurator-Leader. Aber auf das Risiko eines populistischen Skandals wollte Schafhausen sich eben nicht einlassen.

Massenhaft Zeitungsausschnitte über derlei Kunstskandale hat dafür die polnische Künstlerin Goshka Macuga zu einer beeindruckenden Collage geklebt, man würde die Schlagzeilen nur auch gern lesen können. Als Reaktion auf einen Vandalenakt zweier rechter Politiker (auf Cattelans vom Meteoriten getroffenen Papst) hat sie selbst die Persiflage einer konservativen Superskulptur geschaffen, das Denkmalmonstrum einer Kleinfamilie. Was das mit Rechtspopulismus zu tun hat, ist nicht ganz klar (da wären doch ein paar mehr Kinder gefragt?), aber es steht beeindruckende sieben Meter hoch in der oberen Halle. Man versteht, was sie meint.

Bei Simon Dennys Vitrinentürmen braucht man dagegen ein Studium in Geheimdienstwesen – was hat noch einmal genau die Herr-der-Ringe-Krone mit dem Logo des britischen Geheimdiensts zu tun? Ratlose Gesichter rundum. Egal, es macht Spaß, sich die Textlast der skurrilen Verschwörungsmonumente durchzulesen und über die realen Geheimlogos (Pinguin mit Szepter! Wer designt so etwas, bitte?) zu lachen. Das kann man auch bei Darren Baders Zeichentrickfilm „Der Vagabund“, bei dem es um die fiktive politische Durchsetzung eines interstellaren Skulpturenparks geht. Interstellar wirkt auch der schwarze Monolith Ahmet Ögüts, in den man zwei Euro einwerfen muss, um dann aus Lautsprechern schlecht Verständliches über das Problem der Verschuldung von US-Studenten rauschen zu hören. Die zwei Euro werden diesen auch gespendet (über Umwege, eigentlich geht es dem Künstler um ein Aufdecken des Kreditsystems der Banken).

 

Freier Eintritt für alle!

„This is propaganda“ – denkt man sich und dabei an eine himmlische Performance von Tino Sehgal, bei der das museale Aufsichtspersonal scheinbar unmotiviert diese Wahrheit zu trällern beginnen. Leider nicht hier vertreten, wohl zu plump. Cool wäre auch gewesen, nicht die natürlich auch passenden, oft mit neoliberalen Slogans die osteuropäische Ärmlichkeit konterkarierenden Gemälde von Johanna Kandl zu zeigen, sondern ihren Button, den sie einst für die Donnerstags-Demos gegen Blau-Schwarz entworfen hat. So bleibt eine politisch korrekte Ausstellung über Kunst, die sich irgendwie mit einem sehr weit gefassten politischen Populismus beschäftigt.

Der Eintritt ist übrigens frei! Um sich dem Druck der im Populismus der banalen Zahlen verhafteten Kulturpolitik zu entziehen, so Schafhausen. Hat er auch dringend nötig (2011: 195.000 Besucher, 2014: 58.000).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.11.2015)

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