Es geht los: Künstlerinnen der 1970er heben ab

Frauen, die sich aus Zwängen befreien wollen: Performancekünstlerinnen wie Renate Bertlmann und Margot Pilz sind heute gefragt wie nie.

Aus der Fotoserie „Trotz dem“, Margot Pilz, 1983.
Aus der Fotoserie „Trotz dem“, Margot Pilz, 1983.
Aus der Fotoserie „Trotz dem“, Margot Pilz, 1983. – (c) Margot Pilz

Hätten Sie's gewusst? Die temporären Sandstrände in den Stadtzentren hat eigentlich eine Wiener Künstlerin 1982 erfunden. Genau diese Margot Pilz hat auch gut 20 Jahre vor Erwin Wurms berühmten „One Minute Sculptures“ schon Fotos „Sekundenskulpturen“ genannt, für die sie sich selbst per Selbstauslöser vom temporären Monument in die Ewigkeit katapultierte. Und sechs Jahre bevor irgendwo in Buffalo die Kunststudentin Cindy Sherman damit begann, sich in verschiedenen Rollen zu fotografieren, tat das 1969 schon Renate Bertlmann mit der eleganten Garderobe ihrer Mutter auf einem Wiener Balkon.

Die Wiener Balkone. Sie könnten viel erzählen, vor allem die Pawlatschen des Griechenbeisl-Hauses, wo mit der „Intakt“ die zentrale Anlaufstelle für feministische Künstlerinnen im Wien der 1970er-Jahre beheimatet war. Früh war sie, die feministische Wiener Avantgarde. Geld hat das den Künstlerinnen keines gebracht. Aber jetzt, langsam, kommt der verdiente Ruhm.

In den vergangenen Jahren hat sich dieser vor allem dank des Engagements von Verbund-Sammlungsleiterin Gabriele Schor abgezeichnet. Heuer ist dieser anerkennende Blick zurück nicht mehr zu ignorieren. Auf der Viennafair etwa wurde Renate Bertlmann von der Londoner Galerie Richard Saltoun präsentiert, gemeinsam mit zwei anderen „führenden feministischen Künstlerinnen ihrer Zeit“: Valie Export und der Engländerin Jo Spence.

Bei der aktuellen Ausstellung der Tate Modern, „The World Goes Pop“ (bis 24. Jänner), ist Bertlmann ebenfalls vertreten, mit entzückenden frühen Hodenbildern. Man denkt gleich an einen ähnlich zärtlichen Blick auf die männlichen Genitalien, den Louise Bourgeois, Mutter mehrerer Söhne, in ihren hügeligen Cumulusmarmorskulpturen manifestiert hat. Es geht also los. Die feministische Avantgarde (so auch der Titel einer durch die Lande, zuletzt Hamburg, ziehenden Ausstellung der Verbund-Sammlung) nimmt auch in Österreich Fahrt auf. „Es ist ein Hochgefühl, es tut sehr gut“, beschreibt es Pilz, der gerade eine Retrospektive im Wiener Musa gewidmet ist. Warum aber jetzt diese Neubewertung lang wenig beachteter, performativ und feministisch arbeitender Künstlerinnen?

„Es erinnert mich an Maria Lassnig“, sagt Bertlmann. Diese habe auf die Frage nach ihrem späten Erfolg einmal geantwortet, sie wisse auch nicht, warum gerade jetzt. „Ich war immer da.“ Das könne Bertlmann unterschreiben. Sie habe nie etwas forciert. „Aber ich spüre, jetzt ist die richtige Zeit.“ Von allen Seiten kämen Einladungen, „ich muss sogar Nein sagen!“.

Schwangere Braut im Rollstuhl. In der wunderbaren Lentos-Ausstellung „Rabenmütter“ sind sowohl Pilz als auch Bertlmann vertreten, Letztere mit den (übrigens von Pilz gemachten) Fotos ihrer Performance „Schwangere Braut im Rollstuhl“ von 1978. Ihr Gesicht gleicht einer Larve, der Mund besteht aus Latexflascherlsaugern, in denen auch ihre Finger stecken und aus denen der „Blumen“-Kranz ist, der den Schleier hält. Der Frauenkörper ist in Bertlmanns Darstellungen von seinen säugenden Funktionen entstellt.

Performances gab es von der 1943 geborenen Wienerin nur von 1977 bis 1983, dann „zog ich mich wieder zurück“. Bis heute macht sie u. a. „phallische Karikaturen“ aus Ready-Mades wie die Installation, die gerade in der Galerie Steinek ausgestellt ist: Aus Plastikkakteen wachsen hier wie exotische Blüten pinke Doppeldildos, die Bertlmann in einem Londoner Sexshop gefunden hat. In Sexshops kaufe sie für ihre Arbeiten wie im Supermarkt ein, sagt sie. Es sind Männerfantasien, oft hergestellt von Frauen, erklärt sie, vieles davon erinnere sie mit ihren Stacheln und Spitzen an Waffen. Sie habe dann selbst aus Latex Brüste gegossen und aus ihnen Messer wachsen lassen. „Diese Ambivalenz von Anziehung und Abstoßung, Zärtlichkeit und Aggression zieht sich durch alle meine Arbeiten.“

Zu Sauger, Schnuller, Brust kam sie in den Siebzigerjahren eigentlich über die Form von Kondomen, die sie mit ihrem Spermareservoir an der Spitze an Brustwarzen erinnerten. Die Sexualität an sich ist für sie Zeichen der ewigen Ungleichheit der Geschlechter, sie sei der „Angelpunkt für die Unterdrückung der Frau“, so Bertlmann, einer sei eben der Aggressor, die andere die Nehmerin, „es kann kein herrschaftsfreies Verhältnis geben“.

Aus der Erkenntnis einer erwachsen gewordenen postfeministischen Generation, dass sich ab dem Moment des Kinderkriegens für Frauen weniger geändert habe, als man annehmen würde, kann man wohl das neue Interesse an der feministischen Kunst der Müttergeneration erklären: Hier sucht man Rat und Anker. Immer wieder ist Bertlmann überrascht, wie groß das Interesse gerade jüngerer Künstlerinnen an ihrer Arbeit sei. Sie selbst und ihre Mitstreiterinnen konnten in den späten 1960ern und 1970ern allerdings aus keiner gleichgesinnten Muttergeneration Kraft schöpfen. Sie seien zwar von den Eltern unterstützt, aber immer auch mehr ängstlich gewarnt als angefeuert worden.

Unterstützung war nötig, denn gerade die Herren Direktoren hätten etwa für ihre großen Phalluskarikaturen nichts übrig gehabt. „Ich hatte zwei Lager, in die habe ich immer nur hineingestopft und nur selten ausgestellt“, so Bertlmann.

Zehn Lkw voll Sand für den Karlsplatz. Für Pilz waren die „früheren Zeiten“ keine schlechten, „alles, was ich im Atelier fertig gestellt habe, wurde mir aus der Hand gerissen und ausgestellt“, sagt sie. Leben konnte sie dennoch nicht davon, obwohl sie auch öffentliche Aufträge bekam, etwa für das Austria Center, das AKH, die U-Bahn-Station Ottakring die große „U-Turn“-Skulptur. Oder eben „Caorle am Karlsplatz“ 1982, eines ihrer Lieblingsprojekte: Im Rahmen der Wiener Festwochen ließ Pilz zehn Lkw-Ladungen Sand vor den Karlsplatzbrunnen schütten, lieh sich eine Palme und holte Liegestühle von Ikea (vom Honorar blieb ihr praktisch nichts).

Doch der Erfolg war phänomenal, drei Wochen lag Wien in der Sonne, und die Kinder plantschten im Becken, in dem ein riesiger Plastikwal schwamm. Heute nennt sich diese Idee Sand in the City und wird in nahezu jeder europäischen Hauptstadt kommerzialisiert, stellt Pilz etwas bitter fest.

Ihr vielgestaltiges Werk ist ein Fundus bemerkenswerter Ideen, aus dem man sich bewusst oder unbewusst bedient hat. Begonnen hat die 1936 in den Niederlanden geborene Künstlerin als kommerzielle Fotografin; durch ein traumatisches Polizei-Erlebnis am Beginn der Frauenbewegung begann sie 1978 mit konzeptuellen Fotos, Selbstporträts in verschiedenen Körperhaltungen, mit Selbstauslöser, die „Sekundenskulpturen“. Später baute sie nach ihren Körpermaßen eine „Weiße Zelle“ in ihr Studio und lud Freunde zur Selbstdarstellung ein, es folgten feministische Aktionen wie die Nachstellung eines Letzten Abendmahls mit der feministischen Künstlerinnenszene. Oder der „Arbeiterinnenaltar“ 1981 für schlechter gestellte Arbeiterinnen bei Eduscho. Bald begann Pilz, sich mit digitaler Kunst zu beschäftigen, 1991 stellte sie, in den Anfängen des Internets, bei der Ars Electronica ein „Delphi Digital“-Orakel aus, über das man Fragen über den Zustand der Erde stellen konnte – und von internationalen Experten online beantwortet bekam.

1998 kam dann eine Krise, und es wurde „ganz still um mich“, so Pilz. Sie schenkte dem Musa, der Sammlung der Kulturabteilung Wien, ihr ganzes Werk. Bertold Ecker stellt es jetzt groß aus. Bis zu heutigen Installationen wie einem überdimensionalen Stockbett, dem Relikt einer Performance aus dem Wiener Künstlerhaus 2014, bei der sie ihre Kindheitserlebnisse in einem KZ der Japaner in Indonesien 1942 verarbeitete.

„Meilensteine“ heißt die Ausstellung im Musa. Zu Recht. Margot Pilz hat sich jeden erkämpft: „Ich war immer zu früh.“ Vielleicht waren es einfach zu viele Meilensteine für eine konsistente marktkonforme Karriere.

Termine

Margot Pilz, „Meilensteine“, im Wiener Musa, neben dem Rathaus, Felderstraße 6–8, Wien 1, bis 5. 3.

Renate Bertlmann in der Ausstellung „Vivace!“ in der Wiener Galerie Steinek, Eschenbachgasse 4, Wien 1, bis 19. 12. Ab 25. Februar ist Bertlmann auch in der Verbund Galerie, Am Hof 6a, Wien 1, eine Einzelausstellung gewidmet.

Carolee Schneemann.„Kinetische Malerei“, im Museum der Moderne in Salzburg, bis 28. 2.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.11.2015)

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