Ab wann ist man Sammler?

Der erfahrene Wiener Kunstsammler Franz Wojda hat einen mit vielen praktischen Tipps versehenen Ratgeber über das Sammeln zeitgenössischer Kunst geschrieben.

USA ART BASEL MIAMI
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Jedem Sammler „sein Auge“: Werk von Piotr Uklanski bei der aktuellen Art Basel Miami. – APA/EPA/RHONA WISE

Noch nie zuvor wurde so viel Kunst produziert und noch nie gab es derart viele Menschen, die Kunst besitzen möchten. Kunstsammeln ist heute nicht mehr nur ein im Privaten betriebenes Hobby, sondern wird zunehmend als Investition angesehen und gilt als soziale Auszeichnung. Man gehört zu einer elitären Schicht, die sich auf Kunstmessen und in eigens etablierten Museumsgremien trifft.

Aber ab wann spricht man von einer Sammlung, ist es eine Frage des Kapitals, der Menge an Werken, des eigenen Wissens, der Vernetzung? Darauf gibt jetzt der österreichische Sammler Franz Wojda eine Antwort: Eine Sammlung sei „das Zusammenspiel und Ergebnis von meist wohlüberlegten Entscheidungen, die im Lauf mehrerer Kunstkäufe getroffen werden“, schreibt er in seinem Buch „Das Sammeln zeitgenössischer Kunst“ (Verlag für moderne Kunst, 2015).

Genau diese „wohlüberlegten Entscheidungen“, also das Was, Wie und v. a. das Warum beim Thema Sammeln, analysiert Wojda auf 210 Seiten. Das Motto seiner „Gesamtbetrachtung der Kunstwirtschaft“: „Die richtigen Dinge tun und die Dinge richtig tun!“ Seine zentrale These dazu: Voraussetzung ist es, die Zusammenhänge und Abhängigkeiten „in der Kunstwirtschaft“ zu kennen, denn sonst könne man nicht agieren, sondern nur reagieren.

Begonnen mit Jungem und Österreichischem. Diese Überzeugung basiert auf Wojdas langjährigen Erfahrungen als Sammler. Sein Einstieg war 1971 und dient ihm als Fallbeispiel. Damals begann er, gemeinsam mit seiner Frau, Sigrid, Kunst zu kaufen. Um 1980 entschied er, „es braucht ein Konzept“. Also konzentrierten sie sich zunächst auf junge österreichische, ab 1990 dann auf internationale, zuletzt auf osteuropäische Kunst. Aber Kaufen ist das eine, Sammeln etwas anderes. Immer wieder habe er Bücher darüber gelesen, erzählt der promovierte Betriebswirt. Darunter sei keines gewesen, das den Prozess selbst beschreibt. Daher beschloss er, diese Lücke zu füllen. Als ehemaliger Leiter des Instituts für Managementwissenschaften kombinierte er für sein Buch eigene Erfahrungen mit wissenschaftlichen Methoden, gliederte das weite Feld der Kunstwirtschaft in acht Kapitel und lud Autoren für jene Bereiche ein, die Spezialwissen erfordern, wie etwa die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen.

Kunstsammeln ist ein komplexer Prozess, und zunächst einmal müssen die Ziele geklärt werden: Sind es ökonomische, also möglichst hohe Gewinne durch Wiederverkäufe, wie beispielsweise bei der Wiener Pomeranz Collection, die hauptsächlich auf Wertsteigerung zielt? Das zieht oft Verkäufe jener Werke nach sich, die sich nicht erwartungsgemäß entwickeln. Doch da lauern Gefahren, die im Buch beschrieben werden: Wer privat verkauft, muss zwar nichts versteuern, die Grenze zum Gewerblichen ist jedoch dünn. Da muss zum einen die Spekulationsfrist von einem Jahr eingehalten werden. Zum anderen können schon mehrere regelmäßige Verkäufe die Situation verändern und die Verkäufe als steuerpflichtig eingestuft werden.

Sieben Sammlergrundtypen. Oder ist die Motivation zum Kunstkauf eher Begeisterung, vielleicht gekoppelt mit dem Wunsch, sich gesellschaftliche Geltung zu verschaffen? Sieben Grundtypen schlägt Wojda in dem Buch vor, in die sich jeder einordnen kann, um dann zu klaren Kriterien des Sammelns zu kommen: Will man spontan oder wohlinformiert kaufen, risikoreich oder nur Etabliertes, kann man Qualität erkennen und sucht man die Meisterwerke, will man die Sammlung breit anlegen oder eher größere Konvolute einzelner Künstler erstehen?

Diese Entscheidungen sind natürlich eine Frage von Wissen und Budget. Aber erst das „konsequente Verfolgen eigener Ziele, nach selbst erstellten Regeln, macht einen Sammler letztlich zu einem ,Jäger‘, der hartnäckig eine Spur verfolgt, um schließlich ein Werk für sich zu gewinnen“, schreibt Wojda.

Wie breit will man die Sammlung thematisch anlegen, wie viel Platz steht zur Verfügung, wo sollen die Werke gezeigt werden, ist Lagerfläche vorhanden, will man ausleihen und ausstellen, wie dokumentiert man die Sammlung? All das muss geklärt werden, und Wojda gibt konkrete Tipps, darunter die „Checkliste für Objekte“: Welche Informationen benötigt man über das Werk, sind Verleih- und Vervielfältigungsrechte im Kaufvertrag enthalten, ist ein elektronisches Bild beigefügt, für das man Publikationsrechte hat? Bei solchen Passagen im Buch fragt man sich, wieso Galerien solche Vereinbarungen nicht selbstverständlich in jedem Kaufvertrag übernehmen: „Das wäre der nächste Schritt für Galerien“, antwortet Wojda darauf diplomatisch.

Zertifikate sicher verwahren! Wichtig ist auch sein Rat, Informationen über die Kunstkäufe „in mehrfacher Ausfertigung an sicheren Orten“ zu verwahren – vor allem Zertifikate konzeptueller und performativer Werke. Denn juristisch gesehen existieren diese ausschließlich mit dem Originalzertifikat, verbrennt oder verschwindet es, ist auch das Werk verloren.

Aber Wojda richtet den Blick nicht nur auf die Käufer, sondern auch auf die Produzenten. Er hat Künstler befragt, in welcher Beziehung sie zu Sammlern stehen; gibt es Einfluss? Sammler seien „Teil des Systems, die ebenfalls Dinge reflektieren und somit die Kunst beeinflussen“, antwortet Erwin Bohatsch. Heimo Zobernig sieht die Nachfrage nach seinen Werken „durchaus relevant für die Produktion, nur reagiere ich darauf eher zurückhaltend“. Helmut Federle verneint jeglichen Einfluss, und Katharina Grosse gibt sich sibyllinisch: „Alles kann meine Arbeit beeinflussen, Licht, Gestank, Höhlenmalerei, Förg oder verwegene Musik. Am engsten ist der Austausch mit dem Sammler, wenn er zum Auftraggeber wird. Ich liebe es, Erwartungen nicht zu entsprechen und sie dennoch als Echowand zu haben.“ Auch das Dasein als Echowand muss gelernt werden. Dafür hat Wojda dieses Buch geschrieben.

ERSCHIENEN

„Das Sammeln zeitgenössischer Kunst“,herausgegeben von Franz Wojda und Werner Rodlauer, soeben erschienen im Verlag für moderne Kunst.

Preis: 25 Euro.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2015)

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