"Malen, auch ohne zu sehen": Malerin Soshana gestorben

Die Bilder der jüdische Künstlerin zeugen von etlichen Bekanntschaften aus Kunst und Kultur ebenso wie von den Qualen der Juden in den Konzentrationslagern

Wien, Paris, London, Jerusalem, Havanna: Das Leben der in Wien geborenen Malerin Soshana liest sich wie ein Reisetagebuch. Doch der Beginn ist alles andere als idyllisch: 1938 muss die Elfjährige mit ihrer jüdischen Familie vor den Nationalsozialisten fliehen. Seit einigen Jahren lebte sie wieder in Wien, wo sie vergangenen Mittwoch (9.12.) 89-jährig gestorben ist, wie ihr Sohn mitteilte. "Wenn ich male, vergesse ich alles rund um mich, ich werde eins mit der Leinwand, auf der ich meinen Schmerz und was immer ich fühle, ausdrücke. Und dann fühle ich mich besser", wird die als Susanne Schüller geborene Künstlerin in der Todesnachricht zitiert. Ihre ausdrucksstarken Bilder zeugen von etlichen Bekanntschaften aus Kunst und Kultur ebenso wie von den Qualen der Juden in den Konzentrationslagern der Nazis.

Auch wenn der jüdischen Künstlerin in den vergangenen Jahren eine Augenkrankheit zusehends zu schaffen machte, ließ sie sich davon nicht unterkriegen. "Ich kann malen, auch ohne zu sehen", sagte sie anlässlich einer Ausstellung in Wien im Jahr 2005. Soshana hat mehr als 3.000 Bilder angefertigt, von den Porträts berühmter Kollegen und Intellektueller, die die Anfangszeit ihres Schaffens dominierten, bis zum deutlich abstrakteren und reduzierteren Spätwerk.

Geboren wurde Soshana am 1. September 1927 in Wien. Nach der Emigration in die Vereinigten Staaten (der Aufenthalte in Paris und London vorausgingen), bereiste sie das Land mit ihrem Lehrer und späterem Ehemann Beys Afroyim und porträtierte u.a. Thomas Mann, Arnold Schönberg, Lion Feuchtwanger, Franz Werfel oder Otto Klemperer. Mit 21 folgte in Havanna die erste große Ausstellung unter ihrem Künstlernamen.

Nach einer neuerlichen Rückkehr nach Wien in den 1950er Jahren, wo sie an der Hochschule für Angewandte Kunst sowie der Akademie der Bildenden Künste studierte, zog es Soshana nach Paris, wo sie u.a. im ehemaligen Atelier von Paul Gauguin arbeitete und eine Freundschaft zu Alberto Giacometti entwickelte. 1953 traf sie auf Pablo Picasso, der sie kurze Zeit später porträtierte.

Durch Aufenthalte im asiatischen Raum hielten kalligrafische Züge in ihren Arbeiten Einzug, bei Reisen durch Afrika traf sie etwa auf Albert Schweitzer. Aber auch China, Mexiko oder Südamerika zählten in dieser Zeit zu den Destinationen der Vielgereisten, die 1969 etwa ein Porträt des Königsehepaars von Sikkim anfertigte. Anfang der 1970er Jahre lebte sie eine Zeit lang in Israel.

Durch ihrer Rückkehr in die Heimat Mitte der 1980er Jahre wurde Soshanas Reisedrang keineswegs gebrochen. Der Künstlerin, die in ihren Bildern auch immer wieder das Thema des Alleinseins anschneidet, wurde 1997 die erste große Retrospektive im Palais Palffy in Wien gewidmet. 2009 erhielt sie das Goldene Verdienstzeichen des Landes Wien, im Jahr darauf das Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst. Außerdem erschien mit "Soshana. Leben und Werk" die erste umfassende Monografie im Springer-Verlag. 2013 wurde der Dokumentarfilm "Überall alleine. Die Malerin Soshana" von Werner Müller, Ulrike Halmschlager und ihrem Sohn Amos Schüller auf 3SAT ausgestrahlt.

(APA)

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