Die Kunst der Frau revisited

Eine Ausstellung im Verein der bildenden Künstlerinnen zeigt, wie dieser sich seit 1910 erhalten hat und wie Künstlerinnen die Blümchenfalle vermeiden.

Schon lange draußen aus der Frauen-Repräsentationsfalle: „Dr. Death“, 2015, von der Malerin Anna Meyer.
Schon lange draußen aus der Frauen-Repräsentationsfalle: „Dr. Death“, 2015, von der Malerin Anna Meyer.
Schon lange draußen aus der Frauen-Repräsentationsfalle: „Dr. Death“, 2015, von der Malerin Anna Meyer. – (c) Anna Meyer

In bester Innenstadtlage und doch versteckt liegt das Vereinslokal der bildenden Künstlerinnen Österreichs (VBKÖ). Eine rein weibliche Vereinigung? Ja, denn die Kunst war jahrhundertelang eine derartig streng gehütete Männerdomäne, dass den Malerinnen dieser Weg notwendig schien. Sie gründeten 1910 den VBKÖ, um auszustellen und dadurch wirtschaftlich unabhängig zu werden.

Ihren ersten Auftritt betitelten sie „Die Kunst der Frau“. Gerade die grobe Verallgemeinerung half ihnen, ihre Existenz trotzig zu behaupten. Der Verkaufserfolg gab ihnen recht, an der schwierigen Situation von Künstlerinnen änderte das aber lang nichts. Jetzt hat Kuratorin Barbara Steiner diesen Titel aufgegriffen und zeigt eine Ausstellung an der „Nahtstelle zwischen künstlerischem Anspruch und ökonomischen Abhängigkeiten“ (bis 20. 3. 2016).

Aber nicht das Schicksal einzelner Künstlerinnen, sondern das Modell der Vereinigungen selbst steht dabei im Zentrum. „Die Kunst der Frau“ ist Teil ihrer Ausstellungsreihe „Freundinnen und Komplizinnen“. Steiner begann das Projekt 2014 im Künstlerhaus Wien, recherchierte heuer in den Archiven des VBKÖ und plant die Fortsetzung in der Wiener Secession.

Allen drei Vereinigungen ist gemein, dass Künstler und Künstlerinnen in selbst verwalteten Lokalitäten wirtschaftlich agieren müssen. Sie tun dies nicht wie Unternehmer im Dienst der Gewinnmaximierung, sondern für eine Gemeinschaft: Ideelle und kommerzielle Anliegen müssen parallel laufen. „Das Künstlerhaus und die VBKÖ wurden unter der Prämisse gegründet, sich vom Mäzenatentum, dem Wohlwollen Einzelner durch gemeinschaftliches Wirtschaften zu befreien“, erklärt Steiner. „Es lohnt sich, solche Vereinigungen anzuschauen, weil man dort früh wirtschaftlichem Druck ausgesetzt war. Heute gilt das für alle Institutionen.“

Im ersten Teil ihrer Reihe fand sie in der gut 150-jährigen Geschichte des Künstlerhauses „geradezu kühne Konzepte, die erfolgreich zwischen künstlerischen, gesellschaftlichen und kommerziellen Agenden balancierten“, aber auch „Perioden der Fortwurstelei“, wie sie einen ehemaligen Präsidenten zitiert. Für das Künstlerhaus ist diese Herausforderung jetzt beendet, was als Genossenschaft begann, gehört heute mehrheitlich der Privatstiftung Haselsteiner und wird zukünftig zum größten Teil als Albertina-Filiale bespielt werden. Dafür sind Renovierung, Modernisierung, Erweiterung und Betrieb garantiert. Wie der VBKÖ das Überleben des Vereins gesichert hat, kann man jetzt in der „Kunst der Frau“ studieren.

Künstlerinnen blieben Paläste verwehrt. Merkwürdigerweise fand Steiner dazu im Archiv des VBKÖs erstaunlich wenige Unterlagen. Von einigen Mitgliedern sind sogar Bilder verschwunden. So gehörte die heute wiederentdeckte Malerin Helene Funke lang zum VBKÖ, 1957 starb sie völlig verarmt. Ihr Leben ist kaum dokumentiert, der Großteil ihrer Werke verbrannt, zerstört, verschollen. Auch im VBKÖ sind ihre Spuren kaum zu finden. Das mag daran liegen, dass die Malerinnen nie ein eigenes Haus erhielten. Schon für ihre erste Ausstellung mussten sie sich in der Secession einmieten. Während die beiden damals ausschließlich Männern vorbehaltenen Vereine Secession und Künstlerhaus in ihren eigenen kleinen Palästen agieren konnten, blieb dies dem VBKÖ verwehrt. Also mieteten sie 1912 kleine Räume an. Immer wieder versprach die Stadt Wien ihnen einen eigenen Bau, Ende der 1930er-Jahre schlugen die Malerinnen dann fünf konkrete Orte für ein einstöckiges Haus vor. Es waren kleine Restgrundstücke, hinter der Secession, eine Gartenanlage bei der Akademie oder im Burggarten. Erfolglos. Noch heute ist der VBKÖ Mieter in der Maysedergasse 2 gleich hinterm Sacher.

Wie aber konnte der Verein mehr als 100 Jahre gehalten werden? Eine Quelle waren Regiebeiträge für die Teilnahme an Jahresausstellungen, dazu die zehn Prozent Gewinnbeteiligung an den Verkäufen. Dafür mussten die Malerinnen größere Räume anmieten, mit ihren männlichen Kollegen über überhöhte Forderungen verhandeln und um günstige Termine kämpfen, um am Ende doch nur zwei kurze Wochen im Sommerloch zu erhalten.

Das Geld dazu kam von Förderern, Subventionen, auch aus Vermietungen der Maysedergasse. Gab es im VBKÖ auch finanziell erfolgreiche Künstlerinnen? Am ehesten trifft das für die Phase des Nationalsozialismus zu, etwa für Stephanie Hollenstein, die sich für den Faschismus begeisterte. In den Jahren entstanden auffällig üppig produzierte Kataloge, aber die Unterstützung hatte ihren Preis in propagandanahen Sujets.

Eine andere Einnahmequelle waren „Weihnachtsschauen“, in denen man den Erwartungen mit Kunsthandwerk und Motiven wie Kinder, Blumen, Tiere entgegenkam. „Am erfolgreichsten waren die Künstlerinnen, wenn sie Weiblichkeitsklischees bedienten“, fasst es Steiner zusammen. Diese Weihnachtsschauen wurden in den 1980er-Jahren eingestellt, aber Steiner greift das Format jetzt für „Die Kunst der Frau“ wieder auf – um es stark zu verändern.

In der Mitte des kleinen Hauptraumes veranschaulichen Archivmaterialien und Erklärungstexte die Geschichte des Vereins. Rundherum stellen Künstler und Künstlerinnen Kleinformatiges und Projekte aus, die als Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart angelegt sind. Da malt sich Christian Helbrock in einem Video erst seine Lippen, dann das Gesicht und den gesamten Kopf mit Lippenstift an.

Nur zum Schminken fähig? Helbrock und Markus Lobner orientieren sich für ihren Film an einer bösen Kritik der Secessionisten. Zur ersten VBKÖ-Ausstellung 1910 hieß es, Schminken sei die einzig originäre künstlerische Aussage, zu der Künstlerinnen fähig seien. Hilde Fuchs zeigt eine Performance, in der sie „Ortsbesetzungen“ auf den damals vorgeschlagenen Grundstücken inszeniert. Anna Meyer dagegen wählte Bilder aus, die „virtuelle Wirklichkeiten und harte Realität“ vermischen, wenn etwa „Dr. Death“ ein „apokalyptisches Szenario zeigt, das leicht verschoben in der Realität wohnt“, wie sie erklärt. Damit demonstriert sie, dass Künstlerinnen in den Sujets die Repräsentationsfalle überwunden haben. Auf dem Kunstmarkt allerdings haben sich die Weiblichkeitsklischees gehalten: Kunst von Frauen ist noch immer weitaus preisgünstiger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.12.2015)

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