KHM: Pinocchio versteckt sich vor Stalin

Die Ausstellung „in situ“ zeigt Strategien der Kunst gegen die Diktatur. Igor Makarevich überschattet seine Partnerin Elena Elagina.

(c) Kunsthistorisches Museum

"Ich bete jetzt immer in meiner Maske. Das bewahrt die Energie. Der Eindruck, dass ich beobachtet werde, ist verschwunden. Meine Seele fühlt Freude und Frieden.“ Was wie der Text zu einem Wochenendseminar für verlorene Esoteriker klingt, stammt aus dem Tagebuch des russischen Künstlers Igor Makarevich. Ihm und seiner Gefährtin Elena Elagina widmet das Kunsthistorische Museum eine Ausstellung in der Form von Interventionen in der Gemäldegalerie: Da sieht man z. B., wie das Wasser eines Sees durch ein Loch im Bild in eine Phiole abgeleitet wird. Nein, das Loch im Gemälde ist keine Attacke auf einen Altmeister, sondern das Bild stammt aus einem Abbruchhaus.

In einem anderen Raum steht ein Bett mit spitzen Holznägeln vor Gemälden mit biblischen Motiven: Der Künstler kasteit sich wie ein Fakir und tröstet sich mit dem Jenseits über seine triste Lage im Diesseits. Elagina und Makarevich sind in stürmischen Zeiten gewachsen. Beide wurden in den Vierzigerjahren geboren, Makarevich noch während des „Großen vaterländischen Krieges“, wie der Zweite Weltkrieg in Russland heißt. Die beiden Künstler, die als Seele des Moskauer Konzeptualismus bezeichnet werden, sind derzeit nicht nur im KHM, sondern auch auf der Biennale in Venedig stark präsent.

Die Moskauerin und der Georgier haben immer in Russland gelebt, wo es offizielle und inoffizielle Künstler gab. Die inoffiziellen stellten vorzugsweise in privatem Ambiente aus und lebten gefährlich. Die Arbeiten sind oft Ausdruck der inneren Emigration und der Depression wegen der politischen Lage. Ein zentrales Werk sind die Pinocchio-Bilder von Makarevich, die inspiriert sind von Franz Kafkas „Bericht an eine Akademie“ – jene unheimliche Geschichte vom Affen, der zum Menschen wurde.

Makarevich wählte die Pinocchio-Maske, um sich in einen hölzernen Menschen, „Homo Lignum“, zu verwandeln, in ein Stück Natur, das im Verborgenen lebt und nicht für seine Gedanken, „Triebe“, verhaftet oder ins Gefängnis geworfen werden kann. Ein Hirsch sieht im Hintergrund auf das seltsame Wesen mit langer spitzer Nase, Kappe – Augen sind keine sichtbar – , das halb nackt, auf edle Textilien gebettet, meditiert – oder eben betet.

 

Von der Wunderkammer zum Readymade

Eine ähnliche Bedeutung hat die Serie „Alteration“: Ein altmeisterlich designter Mann, eine Binde verschließt seinen Mund, die Augen sind geschlossen, als wäre der Mensch schon tot, wird immer mehr von seinen Binden überwuchert. Er verwandelt sich in ein Kunstwerk und löst sich schließlich auf. Vielleicht ist er auch davongeflogen in seinen Wald, der ihn schützt, birgt.

Rembrandt malte den Raub des Ganymed: Jupiter verliebte sich in den herzigen Königssohn. Er verwandelte sich in einen Adler und riss das Baby empor in den Götterhimmel. Das arme Kind pinkelt sich vor Schreck an. Ein klarer Fall von Kinderschändung, würde man heute sagen. Auch Makarevichs Ganymed, schon ein größeres Kind mit Pinocchio-Maske, wirkt zu Tode erschreckt vom Angriff des Gottesvogels. Das Gemälde stammt aus 2004, es bleibt also dem Betrachter überlassen, welcher lebende (russische) Machthaber im Adler steckt.

Der Künstler als Opferlamm: Ein Schaf liegt auf einem Block mit einem Pflock im Schädel. Die russischen Motive erinnern an manch finsteren Hintersinn in den Altmeister-Gemälden, der sonst wenig wahrgenommen wird. Makarevich und Elagina orientieren sich in ihrer Arbeit nicht nur an der russischen Moderne eines Malewitsch oder Kandinsky. Sie greifen auch auf ältere Modelle zurück: Ihre Arrangements sind eine Art Wunderkammer, in der sie Kunst, Kuriositäten und Symbole versammeln.

Von hier lässt sich wiederum ein Brückenschlag zu den Fallenbildern der Sixties denken, den arrangierten Material-Tableaux, etwa von Daniel Spoerri. Makarevichs wuchtige Dramen mit sich selbst als Hauptdarsteller drücken teilweise die zarten Kreationen Elaginas an die Wand. Ihre markanteste Bilder stammen aus der Beschäftigung mit der Wissenschaftlerin Olga Lepeshinskaya, die Stalin versprach, das Leben der Arbeiter auf über 100 Jahre auszudehnen: In einem Labor finden sich allerlei grausige Instrumente. Vor Lepeshinskayas Bild steht eine Frau mit verschränkten Armen, Spitzenkragen und einer Brille mit grünen Gläsern: eine erbarmungslose Priesterin des Fortschritts?

Die Ausstellung mit Leihgaben der Stella Art Foundation Moskau läuft bis 2. August.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2009)

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