Gullivers Eierkrieg, Goethes Urei und ein Grass im Ei

Eiersuche in der Literatur: ein Osterspaziergang zu Hermann Hesse und Herta Müller, Swift und Shakespeare. Zu finden: Ur- und Welteneier, Vogel- und Schlangeneier, lebensgefährliche Ostereier und natürlich christliche Erlösung, vom und durch das Ei.

Nur Toren strömen wie hier in ein hohles Ei: Ausschnitt aus Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“.
Nur Toren strömen wie hier in ein hohles Ei: Ausschnitt aus Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“.
Nur Toren strömen wie hier in ein hohles Ei: Ausschnitt aus Hieronymus Boschs „Garten der Lüste“. – Wikipedia

Soll man gekochte Eier auf der spitzen oder auf der stumpfen Seite aufschlagen? Es gibt heiklere Fragen als diese auf der Welt. Auf unserer zumindest. Wir Menschen, die heute beim Osteressen friedlich Eier pecken, mögen uns viel weiser fühlen als die winzigen Leute von Liliput. Die nämlich führen seit Jahren mit den Bewohnern der Nachbarinsel Blefuscu Krieg genau darum: Wie öffnet man das gekochte Ei denn richtig?

Aber wer weiß, ob wir wirklich so viel weiser sind. Jonathan Swift erzählte die Geschichte in seiner berühmten Satire „Gullivers Reisen“, und zielte damit genau auf seine Zeitgenossen. Vor allem verspottete er die anglikanische und katholische Kirche, die sich erbittert über das Verständnis der Eucharistie stritten. Heute bringt anderes mindestens genauso sinnlose Auseinandersetzungen.

In einem Punkt ist Swifts Geschichte sogar hochaktuell – nämlich in der Frage, was sicherheitspolitisch zulässig ist. Ursprünglich öffneten nämlich alle, Liliputaner wie Blefuscaner, die Eier einträchtig an der stumpfen Seite – bis zu einem sicherheitspolitischen Erlass des Kaisers von Liliput. Er hatte sich beim Öffnen eines Eis an der stumpfen Seite in den Finger geschnitten und daraufhin verordnet, alle Untertanen müssten ihre Eier künftig am spitzen Ende öffnen. Diese Verordnung könnte aus Brüssel stammen, wo man auch schon versucht hat, Überraschungseier wegen Verschluckungsgefahr von Kleinteilen zu verbieten.

Helena, ab ovo. Swifts Eier liegen einem nicht schwer im Magen – ganz im Gegensatz zu den meisten Eiern in der Literatur, die in jeder Hinsicht gewichtig sind. Kein Wunder. In den alten Mythen und Epen muss oft die Erde oder gleich der ganze Kosmos herausschlüpfen (wie im finnischen Nationalepos „Kalevala“ oder dem Schöpfungsmythos des Volks der Ischullani in Papua-Neuguinea) oder auch ein Gott (wie der chinesische Pagu, der erste Gott der alten Ägypter oder Aphrodite) – mindestens aber ein Held oder eine Heldin, zum Beispiel die schöne Helena, deren Raub durch Paris später den Krieg um Troja auslöst. Sie schlüpft gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Polydeukes aus dem Schwanenei, das die mythische Königin Leda dem Zeus gelegt hat. Genau dieses Zwillingsei meinte der römische Dichter Horaz, als er den idealen epischen Dichter als jemanden schilderte, der den Krieg um Troja nicht „ab ovo“ beginnen lässt, sondern den Leser gleich „in medias res“ führt, moderner ausgedrückt, direkt in die Action. Die Redewendung „ab ovo“ für „von Anfang an“ kommt daher und bestätigt seit Jahrhunderten, was so viele Welterklärungsmythen behaupten: Am Anfang war – die Henne? Nein, das Ei. Das Urei, das Weltenei.

»Wir werden gebrütet.« Hermann Hesse und Günter Grass haben als Dichter ähnlich bedeutungsschwere Eier gelegt. In Hesses Erzählung „Demian“ schickt der jugendliche Protagonist seinem fernen Freund Demian das Bild eines Vogels, der ihm im Traum erschienen ist, eines Sperbers, der aus einer Weltkugel schlüpft. Der schreibt ihm seine Deutung zurück: „Der Vogel kämpft sich aus dem Ei. Das Ei ist die Welt. Wer geboren werden will, muss eine Welt zerstören.“ Es geht um Erwachsenwerden, um Selbstfindung als schmerzliche Geburt.

Wie schön sich vorzustellen, dass man das Schlüpfen selbst in der Hand hat, wie hier. Günter Grass hat ein Jahr vor seinem Roman „Die Blechtrommel“ eine viel pessimistischere Sicht der Menschen geäußert – als „senile Küken“, als „Embryos mit Sprachkenntnissen“, die gebrütet werden und, wer weiß, vielleicht nie ausgebrütet. „Die Innenseite der Schale haben wir mit unanständigen Zeichnungen und den Vornamen unserer Feinde bekritzelt“, heißt es im Gedicht „Im Ei“. „Und wenn wir nun nicht gebrütet werden? Wenn diese Schale niemals ein Loch bekommt? Wenn unser Horizont nur der Horizont unser Kritzeleien ist und auch bleiben wird?“

Ei zu groß, Hals zu klein. Das ist schwer zu verdauen. Sorge um die geistige, aber auch körperliche Verdauung trieb früher auch viele dazu, die katholischen Ostereierbräuche zu verdammen. Zufällig waren diese Kritiker meist Protestanten. Ein Mann habe „zur österlichen Zeit ein rothes Ey gantz wollen hineinschlucken, es ist aber das Ey zu gross und sein Halß zu klein gewesen, dass er alsobald daran ersticket“, warnt etwa 1682 ein Elsässer Arzt in der Schrift „De ovibus paschalibus“. Auch den Osterhasen kritisiert er: „Man macht einfältigen Leuten und kleinen Kindern weis, dass der Osterhase diese Eier ausbrüte und sie im Garten verstecke.“

War Goethe einfältig? Er liebte jedenfalls als Bub das Eiersuchen. Er tat es in Frankfurt auf dem Römerberg, und es soll eine seiner liebsten Kindheitserinnerungen gewesen sein. In Weimar, schrieb der dortige Pfarrer, habe Goethe das Osterei eingeführt, das er von seiner Kindheit aus Frankfurt gekannt habe. Ein anderer österlicher Eierbrauch wird in seinem Roman „Wilhelm Meister“ erwähnt, nämlich der Eierlauf, bei dem man zwischen ausgelegten Eiern durchlaufen musste.

Es gibt freilich auch jene Eier, aus denen Böses schlüpft, wie das missgebildete Hühner- oder Schlangenei, aus dem der Basilisk schlüpft. Sein Blick versteinert, und er kann nur vernichtet werden, indem man ihm einen Spiegel vorhält. Zum Glück kommt das Ei des Basilisken in der Regel nur metaphorisch vor, etwa bei Nestroy: „Mein Hirn sitzt schon als alte Bruthenn' auf dem Basilisken-Ei der Rache!“

Der Basilisk von Temeswar. Glaubt man allerdings dem in Rumänien geborenen Autor Carl Gibson, hat die ebenfalls in Rumänien aufgewachsene Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller ein von ihm gelegtes Ei des Basilisken plagiiert und acht reale gekochte Eier daraus gemacht. Gibson erzählt in einem seiner Texte von einem Securitate-Hauptmann in Temeswar, den er Basilisk nennt und der es auf Schriftsteller abgesehen hatte. Herta Müller wiederum erzählt, wie sie erbrochen habe, nachdem die Securitate in Temeswar sie im Zuge eines Verhörs acht hart gekochte Eier mit grünen Zwiebeln zu essen gezwungen habe.

Klar ist, dass sich Ingmar Bergman von Shakespeares Schlangenei inspirieren ließ. Julius Caesar, sagt Brutus im gleichnamigen Drama, sei „wie ein Schlangenei, das, ausgebrütet, verderblich würde wie seine ganze Art, und also tötet ihn noch in der Schale“. Die Tyrannei soll im Keim erstickt werden. In Bergmans Film „Das Schlangenei“ sagt ein jüdischer Trapezkünstler in Deutschland die „Schlange“ Nationalsozialismus voraus: „Jeder kann sehen, was die Zukunft bringt. Es ist wie ein Schlangenei. Durch die dünnen Häute kann man das fast völlig entwickelte Reptil deutlich erkennen.“

Die meisten Eierschalen lassen nicht erkennen, was daraus schlüpfen wird, man kann sich überraschen lassen – oder glauben. Im Christentum ist klar, was herauskommt. Denn wie das Küken die Schale durchbricht, kommt Jesus lebendig aus dem Grab. Ab ovo geht es dort ad ovum – zum Neuanfang, dem Leben nach dem Leben. Zweifler können es mit George Eliot halten. „Die Welt“, heißt es in ihrem Roman „Middlemarch“, „ist voll von hübschen, ominösen Eiern, die man Möglichkeiten nennt.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.03.2016)

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