Kunst-Flaneur im Eselskostüm

Ein Netzprojekt als Timeline von 15 Jahren österreichischen Kunstgeschehens. Wer ist der Mann hinter Esel.at?

Künstler und Kunstblogger Lorenz Seidler auf dem Dach des Naturhistorischen Museums Wien.
Künstler und Kunstblogger Lorenz Seidler auf dem Dach des Naturhistorischen Museums Wien.
Künstler und Kunstblogger Lorenz Seidler auf dem Dach des Naturhistorischen Museums Wien. – Christine Ebenthal

Hamster Events, Maultier Kunst, Uhu Diskurs, Ameisen Urbanismus, Nerz Techleben, Flimmer Ratte, Pudel Design, Kanari Klangwelten, Tauben Loge: Einen ganzen Zoo lässt Lorenz Seidler in seinem Netzprojekt Esel.at, das Österreichs wohl umfassendsten Kalender der Kunst- und anderen szenen umfasst, aufmarschieren. An oberster Stelle der Liste steht aber "Esels Neugierde" genauer gesagt "eSeLs Neugierde". Der Esel also hat die Hoheit über den Drang, Wissen anzuhäufen, es zu filtern und damit letztlich auch zu produzieren. Diesen vermeintlich aus einem Buchstabensalat generierten eSeL verkörpert Lorenz Seidler selbst, dessen Initialen S.L. sich ausgesprochen eben anhören wie Esel.

Aufmerksamkeits-DJ. Wer dabei an Äsop und seine Tierfabeln denkt, darf das ruhig tun. Intendiert ist es vom Autor und Schöpfer der Kunstfigur, die seit Kurzem auch Protagonistin einer eigenen "Esel-Show" ist, aber nicht. "Reiner Zufall!", sagt der Fan von Sprach-, Rollen- und anderen Spielen. Der eSeL ist also Seidlers Alter Ego. "Lebt und arbeitet in Wien und im Internet", schreibt er in seiner Kurzbiografie. Der eine lebt im Realen, der andere in der virtuellen Welt. Seit 15 Jahren ist der Netzwerker, Wissensproduzent und Künstler im zeitgenössischen Kunstgeschehens aktiv, bei Vernissagen und Pressekonferenzen ist er mit der Kamera zugange. Kommentare zum aktuellen Geschehen in Form von
oft spitzzüngigen Fotoserien gibt es dann postwendend auf seiner Internetseite. Im Grunde ist diese mit einem Blog, Informationen, Videos und allerlei Links gespickte Seite ein einziger großer Kommentar, auch wenn www.esel.at vordergründig als humorvolles Serviceportal daherkommt. "Ich bin ein Aufmerksamkeits-DJ", sagt er.

"Ich mag es, wenn die Leute schnell auf eine Ebene kommen, ohne Kunstgeschichte studiert haben zu müssen." So ist das Portal zur Chronik geworden, zu einer Timeline der künstlerischen, aber auch technologischen und ökonomischen Entwicklungen, Ereignisse und Veränderungen des "Betriebssystems Kunst" im 21.Jahrhundert, wie es Peter Weibel einst treffend bezeichnet hat. Diese Timeline wird derzeit im Esel schen Büro aufgearbeitet einem gläsernen Kobel, der sich Rezeption nennt und sich beim rechten Seiteneingang des Museumsquartiers befindet. Die Grundlage sind reale 36Kisten voller Flyer, Einladungen und anderem Infomaterial sowie deren virtuelles Pendant in Form von vielen Terabytes großen Speichermedien. Diese über die Jahre akkumulierte Fülle verdankt sich Seidlers Gründlichkeit, der "in Marcel-Prawy-Manier" (Seidler) über die Jahre kein Futzel Papier weggeworfen hat, kein einziges E-Mail, kein digitales Foto gelöscht hat.

Esel bei Essl. Der Anlass der Aufarbeitung ist ein triftiger: die erste Einzelausstellung in einem Museum. Sie wird für das Essl- Museum die letzte sein, das kurz vor Redaktionsschluss die Einstellung seines Ausstellungsbetriebs bekannt gab. Hochgradig partizipativ angelegt, wird dafür ein letztes Mal ein eigener Labor-Bereich als Experimentierzone eingerichtet. Die Esel sche Timeline wird sich wie ein roter Faden als Grundstruktur durch den Raum schlängeln; dazwischen finden sich zahlreiche Fotos, Videos sowie die Zettelkisten als analoge Informationspools. Das Publikum ist eingeladen zu intervenieren und zu partizipieren, indem es sowohl real als auch über diverse digitale Kanäle und Social Media seine eigene Kunstgeschichte und eigenen Kunstgeschichten einschleust.

Tipp

"Esel: Die Sammlung Esel": Die One-Man-Show ist die letzte Ausstellung im Klosterneuburger Essl-Museum. 4.5. 30.6. www.essl.museum.at

("Kultur Magazin", 15.04.2016)

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