Dorotheum: Immer noch die Malerei

Das Dorotheum macht mit der reduzierten Malerei aus dem Nachkriegs-Italien ein immer besseres Geschäft. Wohl auch jetzt wieder bei der Frühjahrsauktion.

Georg Baselitz, „St. Georgstiefel“, 1997, (Schätzwert: 180.000-260.000 €).
Georg Baselitz, „St. Georgstiefel“, 1997, (Schätzwert: 180.000-260.000 €).
Georg Baselitz, „St. Georgstiefel“, 1997, (Schätzwert: 180.000-260.000 €). – (c) Dorotheum

Kaum ein Bereich verzeichnet in den vergangenen Jahren derartig steigende Preise wie die Nachkriegsmoderne Italiens. Im Oktober 2015 meldete Christie's einen Umsatzrekord des Italian Sale von gut 55 Mio. Euro, die Spitzenlose von Lucio Fontana, Michelangelo Pistoletto oder Enrico Castellani gingen weit über die Millionengrenze hinaus. Zu einem der wichtigsten Plätze für dieses Segment hat sich in den vergangenen Jahren das Wiener Dorotheum entwickelt, was auch die heurige Frühjahrsauktion für zeitgenössische Kunst am 1. Juni beweist: Knapp die Hälfte der 99 Lose im prominenten Abendteil stammen aus Italien.

Das Spitzenwerk ist Lucio Fontanas „Concetto Spaziale, Attesa“ von 1967/68, das auf 600.000–800.000 Euro geschätzt ist. Schaut man sich die Preise der vorigen Jahre an, wird dieses monochrom blaue Bild mit dem einen einzigen, markanten Schnitt mitten durch die Leinwand sicherlich die Millionengrenze überschreiten. Denn für diese gestisch-radikale Malerei ist Fontana weltbekannt und begehrt.

Der 1899 in Argentinien geborene, aber in Italien aufgewachsene Künstler sprach selbst allerdings nie von Malerei, sondern von „spatial concept“. Nicht der Farbauftrag, sondern die Räumlichkeit interessierte ihn. Seine Erfindung, sagte er 1968, sei „das Loch, und das ist es“, mehr müsse er als Künstler nicht mehr finden. Um den Eindruck einer Raumtiefe zu verstärken, hinterlegte er die scharfen Schnitte durch die Leinwände mit einem feinen Stoff. Jenen Werken mit einem Schnitt fügte er im Titel „Attesa“ hinzu, jene mit mehreren Schnitten die Pluralform „Attese“, was mit „Erwartung(en)“ übersetzt werden kann.

Während die Werke uns bisweilen an Wunden erinnern, sah Fontana darin eine „kosmische Strenge“, wie er es 1966 für seinen komplett weißen Raum auf der Biennale Venedig formulierte. Seine ersten Schnitte vollzog er in den 1950er-Jahren, sehr bald folgten andere Künstler seiner Innovation. Sie fanden immer neue, wenn auch prinzipiell ähnliche radikale räumliche Konzepte.

Auch einige Künstlerinnen dabei. Diese Werke kommen im Dorotheum zu oft noch durchaus günstigen Schätzpreisen unter den Hammer. Turi Simeti (1929) etwa trug elipsenartige Formen auf monochrome Leinwände auf (30.00–40.000 €); Enrico Castellani (1930) spannte die Leinwände über ein Muster hervorstehender Nägel, bevor er Farbe auf die reliefartigen Oberflächen auftrug („Superficie Bianca“, 1986, 250.000–300.000 €); auch Agostino Bonalumi (1935–2013) verzichtete auf malerische Sujets und transformierte die Leinwände in Skulpturen, wenn er zwischen Keilrahmen und Leinwand Holzformen klemmte, die sich durch die Leinwand als Linien durchdrücken („Grigio“, 1987, 150.000–200.000 €).

Auch einige Künstlerinnen sind dabei: Carla Accardi (1924–2014) benutzte eine leicht transparente Plastikfolie, wodurch sie „der Malerei all ihren totemischen Wert“ nehmen wollte, wie sie einmal erklärte (28.000–30.000 €). Und Dadamaino (Eduarda Maino, 1930–2004) arbeitete mit jenem Plastik, aus dem Duschvorhänge produziert werden, und nannte die oft durchlöcherten Wandobjekte „Volumina versetzter Module“ (110.000–160.000 €). Marina Apollonio (1940) gehört schon zur nächsten Generation, die in den späten 1960er-Jahren mit ihren Kreisbildern ähnlich der Op-Art-Studien zur Wahrnehmung betrieb (55.000–70.000 €).

Auch in Deutschland neue Sprache. Aber nicht nur in Italien, auch in Deutschland suchten Künstler in der Nachkriegszeit eine neue künstlerische Sprache. In Düsseldorf gründeten Heinz Mack und Otto Piene 1958 die Gruppe Zero. Auch sie überwanden die engen Grenzen des Tafelbildes, konzentrierten sich auf wenige Farben und Formen und experimentierten gern mit Motoren und Leuchtkörpern. Zu den begehrtesten Werken der Gruppe gehören Otto Pienes „elektrifizierte Glasplastiken“. 1961 entwarf Piene (1928–2014) seinen „Weißen Lichtgeist“, der 1966 erstmals gefertigt und von dem Künstler 2012 neu produziert wurde (230.000–300.000 €).

Diese wunderbar reduzierten Werke der europäischen Minimalisten prägen die Frühjahrsauktion des Dorotheums. Nur wenig Lautes, Buntes, Poliertes ist dabei. Allerdings auch nichts, was über eine Million geschätzt ist – und damit spiegeln die Contemporary-Auktionen den gegenwärtigen Trend wider: Die Sammler trennen sich gerade nur ungern bis gar nicht von ihren Schätzen. So sind die Spitzenlose neben Fontanas nur 46 x 55 cm kleinem Meisterwerk von ähnlich unspektakulärem Format: Gerhard Richters kleines, frühes Porträt von Karl Heinz Hering (1968; 400.000–600.000 €), damals Vorsitzender des Düsseldorfer Kunstvereins. An dritter Stelle kommt Tom Wesselmanns Porträt der Kunsthistorikerin Nancy Rosen (260.00–300.000 €). Porträts sind im Werk des Pop-Art-Künstlers eher selten, zeigen aber sehr schön seinen Wunsch, „figurative Kunst genauso spannend wie abstrakte Kunst zu machen“, wie er einmal betonte.

Im zweiten Teil der Contemporary Art (2. Juni, 17 Uhr) ist Andreas Gurskys wunderbare frühe Alba-Fotografie von 1989 auf 60.000–80.000 € geschätzt und damit teuerstes Los des Abends. Weder Hermann Nitsch noch Erwin Wurm, nicht einmal Damien Hirst, Anish Kapoor oder Frank Stella sind sechsstellig geschätzt – aber vielleicht schaffen die Italiener den Preissprung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2016)

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