Hey, Klimt - wer fürchtet sich vor der Fotografie?

Die Erfindung der Fotografie Anfang des 19. Jahrhunderts hat die Maler erblassen lassen. Erst einmal. Doch die Stars von Historismus und Jugendstil nutzten das neue Medium schließlich schamlos als Werkzeug für ihre Kunst.

(c) APA/ROLAND SCHLAGER

Die Malerei ist nicht umzubringen. Weder Computer noch Internet oder gar Selfiewahn – nichts von all diesen Neuen Medien hat uns bisher davon abgehalten, die älteste Kunstform, die wir haben, auch als die erste, die hochwertigste zu sehen, die Malerei, immer noch, immer wieder. Ihre alles aufsaugende, hemmungslose Vampirhaftigkeit wird in Wien zurzeit nachgerade gefeiert. Das Wiener Museum moderner Kunst will in der Riesenausstellung „Painting 2.0“ zeigen, wie die Malerei das Informationszeitalter nicht nur überlebt, sondern für sich ausgebeutet hat, beginnend mit Andy Warhol.

Zwei Ausstellungen im Unteren Belvedere gehen einen Schritt weiter zurück und zeigen, wie auch die Fotografie, ziemlich rasch nach ihrer Erfindung, von den Malern für ihre Kunst vereinnahmt wurde. „Inspiration Fotografie“, eine für die Orangerie ungewöhnlich große, vielteilige Schau, wurde vorige Woche eröffnet, sie ist kuratiert von der Wiener Fotografiespezialistin Monika Faber, vormals Albertina-Fotosammlung, heute Leiterin des privaten Fotoinstituts Bonartes.

Stuck, der exzentrische Fotofürst. Die andere Ausstellung steht in direktem Zusammenhang, harrt aber noch ihrer Eröffnung: Ab 30. Juni zeigt man in den großen Galerien des Unteren Belvedere „Sünde und Secession. Franz von Stuck in Wien“. Der Münchner Maler, eine Art Pendant zum Wiener Malerfürst Hans Makart, zeichnete sich durch einen besonders exzessiven, experimentellen und auch exzentrischen Umgang mit der Fotografie als Vorlage aus. Es sei so auch eines seiner Hauptanliegen in der Ausstellung gewesen, so Alexander Klee, Belvedere-Kurator für das 19. und 20. Jahrhundert, diese spezielle Arbeitsweise von Stuck, dem Münchner Vorbild der Wiener Secessionisten, nachvollziehbar zu machen. Franz von Stuck, der mit seiner provokant entblößten „Sünde“ eines der Skandalbilder seiner Zeit schuf, war in Wien damals schwer angesagt und präsent. 1892 hatte er seine erste wirklich große Einzelausstellung gerade in Wien, im Künstlerhaus. Die Kollegen – Maler und Fotografen, von Klimt angefangen bis zu den malerischen Piktoralisten (Fotografen wie Heinrich Kühn) – kannten seine dunklen, auf uns heute in ihrer Symbolik oft schwülstig wirkenden Bilder also nur zu gut.

Ein Foto der „Sünde“. Die berühmte „Sünde“ allerdings, mit nackter Brust und fetter Schlange um den Hals, die heute in der Münchner Pinakothek verwahrt wird, bekamen die Wiener schon anno dazumal nicht leibhaftig zu sehen. Sie hing in der Künstlerhaus-Ausstellung nur als, ja, Fotografie. Die Vorteile der Fotografie als Marketing-Tool haben die Maler schnell erkannt. So kursierten etwa auch von Hans Makart schon Fotografien seiner großformatigen „Nackten Weiber“ schon lang bevor die eigentliche Präsentation des Spektakels stattfand.

Was die Wiener Kollegen aber nachhaltig beeindruckte an der Stuck-Ausstellung, waren seine dunklen Landschaftsbilder mit den hochgezogenen Horizonten, wie man es später auch von Kühn oder von Klimt kennt. Diese von unten aufgenommene Perspektive, die alles auffällig flächig wirken lässt, konnte Stuck nur dadurch erreichen, dass er seine Kamera für die Aufnahmen, die ihm als Vorbild dienten, auf den Feldweg gelegt habe, erklärt Kurator Klee.

Eine Karikatur von Stuck bei einer Faschingsausstellung im Wiener Künstlerhaus zeigt den Maler nackt auf einem Pferd reitend, wie seine berühmte Amazonen-Statue, die Klee ebenfalls zeigen wird. Statt eines Speers in der Hand, hat Stuck in der Zeichnung aber eine Kamera um den Hals hängen. Gezeichnet hat diese Karikatur übrigens Franz Matsch, früher Gefährte von Klimt, noch aus dessen Maler-Kompanie-Zeiten. Matsch hat Stuck bestens verstanden, er war selbst ein Fotograf, der viele seiner Vorbilder sogar höchstpersönlich fotografierte (die anderen ließen fotografieren, wie zum Beispiel der Freiluftmaler August von Pettinkofen, der Briefe mit genauen Skizzen der von ihm in der ungarischen Pampa gewünschten Kuh-Aufstellungen an ungarische Fotografen schickte.) Matsch aber fotografierte selbst, so wie übrigens auch der große Stimmungsimpressionist Emil Jakob Schindler, Alma Mahlers Vater, der im Tagebuch schrieb, nie ohne Apparat das Haus zu verlassen. Bei Schindler waren es Landschaftdetails, bei Matsch war es seine Familie, seine Frau Anna Kattus, Tochter des Sektfabrikanten, und die zwei Kinder. Seinen Sohn etwa ließ er in stolzer Haltung posieren und malte ihn 1907 dann als „Prinz Ludwig von Ungarn“ (siehe Abbildungen oben). Bis auf den secessionistisch-ornamentalen Hintergrund fast eine Art abmalen.

Die Fotografie als Mätresse. Es war die Zeit ab 1900, als die Liebe der Maler zur Fotografie nicht mehr derart vorbehaltlos goutiert wurde, erzählt Faber, nicht einmal in Wien, wo man von Beginn an total aufgeschlossen war, wo die Maler völlig offen ihre Verwendung von Vorlagen thematisierten. Anders als in Frankreich, wo die Fotografie eher wie eine Mätresse behandelt wurde – man liebt sie zwar, aber im Verborgenen.

Jetzt, um 1900 aber, begann man sogar in Wien zu mäkeln, so Faber. Die Gesichter der Porträtierten, die auf Fotos als Vorlage beruhten, wirkten plötzlich so „leblos“ etc. Der Grund für diese neue Skepsis war, dass die Fotografie plötzlich tatsächlich als Konkurrenz für die traditionelle Kunst gesehen wurde, sie wurde etwa in der Secession gleichwertig zur Malerei ausgestellt. Bis dahin galt, so Faber, was einer der Gründer des Museums für angewandte Kunst, Rudolf von Eitelberg gesagt hatte: „Die Fotografie ist das Beste, was der Malerei hat passieren können. Aber sie kann nie selbst Kunst sein.“ Aus heutiger Sicht muss man sagen: Es ist noch nicht so viele Jahre her, dass Fotokunst tatsächlich einen Fixplatz in den Moderne-Museen bekam, wie jetzt in der neuen Dauerausstellung der Tate Modern. Bei Eröffnung der Tate vor rund 15 Jahren war das Gleichgewicht noch ein ganz anderes. Auch diese Ausstellung, betont Faber, ist die erste in einer historischen Gemäldegalerie überhaupt, die der Bedeutung der Fotografie als Werkzeug der Maler nachgeht.

Metternich ließ Fotos ausstellen. Diese Vorreiterrolle hat Tradition in Wien, schon Metternich ließt die ersten Daguerreotypien, die in Frankreich erfundene Urform der Fotografie, die schon in ihrem Erfindungsjahr 1839 nach Wien kam, nicht irgendwo, sondern in der Akademie der Künste ausstellen. Die Akademie begann 1855 auch selbst Fotografie zu sammeln, steckte „eine Unmenge Geld“ hier hinein. Was zur „bedeutendsten historischen Fotosammlung des Landes führte“, konstatiert Faber – und sie weiß so etwas. Gerade diese Sammlung war vergessen, wurde erst beim Umzug des Kupferstichkabinetts in den Akademiehof in Kisten verpackt entdeckt. Erstmals sind jetzt einige Meisterwerke, vorwiegend Architekturen, ausgestellt, die Aufarbeitung harrt der Finanzierung. Faber war bei der Hebung dieses Schatzes dabei, die Kisteninhalte waren verstaubt, aber unversehrt. Nur die mit „Akte“ beschriftete Kiste war – bis auf Staub – leer. Hier hat sich wohl ein besonders fotoaffiner Connaisseur bedient.

Insofern lustig, weil gerade Wien im 19. Jh. das Zentrum der Aktfotografie in ganz Europa war. Verkauft wurden die Bilder dann in Paris, denn ausstellen durfte man in Wien derartige „Nuditäten“ sowieso nicht. Produzieren aber zuhauf, die Fotografen Hermann Heid und Otto Schmidt schufen gemeinsam rund 10.000 Nacktfotos. Per Katalog konnten Künstler diese dann als Vorlagen ordern. Was wohl auch die Akademie getan hat, dereinst.

Vieles lernt man hier. Vieles davon wird auch nach der Ausstellung bleiben – es entstand einer der schönsten Ausstellungskataloge der jüngsten Zeit, in Ringbuchform, an ein Fotoalbum erinnernd, mit Kartoneinlegeblättern und semitransparenten Einlagen zum Vergleich von Foto und Gemälde etc.

Ignorieren konnten und wollten die Maler die Fotografie damals alle nicht. Ihr Zugang war dennoch völlig unterschiedlich. Manche Gemälde, kann man heute feststellen, waren wie Collagen von Fotomotiven. Manche Ateliers wie das von Makart, der, bevor er Maler wurde, schon als Foto-Retouchierer arbeitete, quollen über von Fotovorlagen. Klimt selbst nutzte die Fotografie eher zur Selbstinszenierung, er zeichnete wohl einfach zu gern. Zu malen hat jedenfalls kein Einziger aufgehört, wie es 1839, im Jahr der Fotografie-Erfindung die Zeitschrift „Der Humorist“ vorhersah: „Wer wird künftig malen, wenn das Daguerreotyp alle Bilder der Welt heißhungrig verschlingt?“

Foto, Klimt, Stuck

Orangerie im Unteren Belvedere
Hier ist seit voriger Woche die Ausstellung „Inspiration Fotografie. Von Makart bis Klimt“ zu sehen, kuratiert von der Wiener Fotoexpertin Monika Faber (Fotoinstitut Bonartes). Geöffnet ist bis 30. Oktober, tägl. 10–18 h, Mittwoch 10–21 h. Der Eintritt ins Untere Belvedere kostet zwölf Euro.

Unteres Belvedere: „Sünde und Secession“
So heißt die große Sommerausstellung über den Münchner Maler Franz von Stuck, Vorbild der Wiener Secessionisten, die Alexander Klee, Belvedere-Kurator für das 19. und 20. Jh., kuratiert. Sie eröffnet am 1. Juli und dauert bis 9. Oktober.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.06.2016)

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