"Reizen sollte man niemanden": In Wiens sterbenden Tschocherln

Bildband. Der Fotograf Klaus Pichler und der Journalist Clemens Marschall fingen in "Golden Days Before They End" einen Teil der Wiener Beiselkultur ein.

Klaus Pichler Golden Days Before They End
Klaus Pichler Golden Days Before They End
Foto aus dem Bildband "Golden Days Before They End": Die Gäste der Wiener Tschocherln hätten von sich aus für ihn posiert, erzählt Fotograf Klaus Pichler: "Mit den gleichen Posen wie vor ihren eigenen Handykameras." – (c) KLAUS.PICHLER,www.kpic.at

Für sein bisher vielleicht bekanntestes Projekt lichtete der junge Fotograf Klaus Pichler vor drei Jahren verdorbenes Essen, das er zuvor wochenlang in seiner Wohnung gelagert hatte, ab. In einem seiner Folgeprojekte porträtierte er Menschen in Verkleidung, die für ihn in ihren Wohnungen posierten. Berührungsängste scheint der gebürtige Steirer nicht zu kennen. Sein neues Fotobuch, sein inzwischen sechstes, diesmal gemeinsam mit dem Journalisten Clemens Marschall entstanden, führte ihn in urige Wiener Lokale. Jene kleinen, verrauchten Bars, die es in jedem Bezirk gibt und an denen man meist vorbeigeht, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Branntweiner oder auch Tschocherln genannt.

"Golden Days Before They End" heißt der 250 Seiten starke Fotoband. Wirklich golden dürften die Zeiten in den abgebildeten Lokalen nie gewesen sein. Inzwischen sind die Zukunftsaussichten düster. "Solche Beiseln sterben aus", glaubt Pichler. Eine Neuübernahme und die damit verbundenen Investitionen zahlen sich selten aus. Darum wollten er und Marschall die Lokale noch porträtieren, bevor sie der "goldenen Vergangenheit" angehören. Dabei gingen die beiden systematisch und sehr offen vor, erzählt der Fotograf. "Wir wollten das mit dem Herzen auf der Zunge erledigen", sagt er. Darum gingen sie immer gleich zur Bar und klärten mit dem Chef oder der Chefin ab, ob sie fotografieren dürften. Meistens war die Antwort Ja. "Wundersamerweise ist das relativ einfach gegangen, weil den Leuten bewusst war, dass diese Lokale weniger werden", sagt er.

Klaus Pichler: ''Golden Days Before They End''

Die beiden ließen sich auch Tipps geben, wo sie noch ähnliche Lokale finden könnten. "Wenn uns abgeraten wurde von einem, weil es ,dort so oag' zugeht, waren wir schon dort", sagt Pichler. Sie suchten gezielt unauffällige, "unrenovierte", wie der Fotograf sagt, und kleine Beiseln - am besten nur zehn bis 15 Quadratmeter, "weil dann ist das ganze Lokal eine Gesprächsrunde".

Im Buch sind 70 Lokale porträtiert, besucht haben die beiden seit 2012 weit über 100. Marschall interviewte die Kellner oder Beiselbetreiber. Pichler fotografierte. Wobei er die Kamera erstaunlich oft stecken ließ. "An vielleicht einem Drittel der Abende habe ich sie nicht ausgepackt, weil die Stimmung komisch war."

Eine Art Nachbarschaftszentrum

Mit ihrem Buch wollen Pichler und Marschall auch wieder junge Leute in die Branntweiner locken. Wenn Pichler seine Begegnungen schildert, wirken sie nett und harmlos - seine Fotos sind es nicht. Auf einem ist ein Messer zu sehen, auf einem anderen eine Pistole. "Reizen sollte man niemanden", sagt er. "Aber es geht friedlicher zu, als man denkt." Viele Gäste würden aus prekären Milieus stammen, oder aus "dem Milieu". Aber auch ein ehemaliger Uni-Professor war darunter.

Die Beiseln seien nicht nur Lokale, sondern auch "eine Art Nachbarschaftszentrum". Gefälligkeiten und Dienste werden getauscht und Kontakte gepflegt. Wenn ein Stammgast länger nicht auftauche, werde nachgeforscht. "Das ist eine Ersatzfamilie", glaubt Pichler. Alkohol sei "das Bindeglied". Man rede nicht darüber, dass und wie viel man trinke. Exzesse gebe es kaum. "Ich habe selten jemanden herumkugeln gesehen." Er selbst hat Alkohol bei den Barbesuchen nicht angerührt: "So wussten sie: Wir meinen es ernst."


Clemens Marschall, Klaus Pichler: "Golden Days Before They End", Edition Patrick Frey, 52 Euro

Zur Person

Klaus Pichler, 1977 in Judenburg geboren, ist gelernter Landschaftsarchitekt.

>> Website: http://kpic.at/

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