Traudel Pichler: Eine „alte Wilde“ kehrt zurück

In der Aula der Akademie am Schillerplatz wird die Malerin Traudel Pichler vorgestellt, die hier zwar Jahrzehnte lang gelehrt hat, deren Kunst man aber nicht kennt.

Unter ihrer Obhut hoben die Neuen Wilden ab: Traudel Pichler, ca. 1980.
Unter ihrer Obhut hoben die Neuen Wilden ab: Traudel Pichler, ca. 1980.
Unter ihrer Obhut hoben die Neuen Wilden ab: Traudel Pichler, ca. 1980. – (c) Bibliothek der Provinz

Wer ist Traudel Pichler? Wieder ein Name mehr, der für ein Schicksal steht, das so viele Künstlerinnen, von Louise Bourgeois und Maria Lassnig abwärts, im Kunstbetrieb ereilte? Beständige Arbeiterinnen, die sich zurücknahmen für Brotberuf oder Familie? Revoluzzerinnen, die zu früh dran waren und in männlichen Gefilden wilderten? Vereint darin, dass sie erst spät Erfolg hatten? Traudel Pichler, 1941 geboren, 2002 gestorben, ist eine speziell österreichische Variante von all dem.

Revoluzzerin sei sie sicher keine gewesen, sagt einer ihrer wichtigsten Sammler, der Wiener Anwalt Bernhard Hainz, der posthum eine große Monografie über die 2002 Verstorbene herausgegeben hat. Einzelgängerin war sie jedenfalls, wie Gunter Damisch sie beschreibt, ihr Kollege, mit dem sie als Assistentin auf der Akademie jahrzehntelang eng zusammengearbeitet hat. Er schätzte sie überaus, als Mitarbeiterin, auch als Künstlerin: „In ihrem künstlerischen Schaffen hat sie sich beeindruckend konsequent und beharrlich mit der Malerei beschäftigt“, schreibt er in der Monografie. Schrieb er, im Juni starb auch Damisch, ebenso schnell, ebenfalls an Lungenkrebs wie Pichler.

 

Doppeltes Vermächtnis

So ist die Ausstellung von Pichlers Bildern in der Aula der Akademie jetzt ein doppeltes Vermächtnis, von Pichler selbst, die in Wien künstlerisch nicht aufgetreten ist. Und von Damisch, der sich wie kein anderer für andere einsetzte. Idee und Konzept stammen noch von ihm. Die Durchführung ist schon bei anderen gelegen, beim Sammler Hainz, beim Erben Pichlers, ihrem Neffen Niclas, der in Stuttgart lebt und mit Kunst bisher nicht viel am Hut hatte. Er versuche jetzt aus dem Nachlass etwas zu entwickeln, wie er es formuliert. Was für ihn vor allem bedeutet, Ausstellungen zu machen und Informationen zu sammeln, auch über die Bilder, die Pichler an ihren kleinen privaten Sammlerkreis verkauft hat. Geschätzte 600 Bilder dürfte sie insgesamt geschaffen haben, 400 sind noch im Nachlass. „Ich habe es jedenfalls nicht eilig, sie loszuwerden“, meint der Neffe, er „genieße den Duft der Kunst“.

Und dieser Duft ist ein sehr interessanter, in mancher Sicht sogar spektakulärer. Denn die im Hintergrund wirkende Pichler dürfte zumindest in Wien vieles von dem gesät haben, was in den Achtzigerjahren dann als „neue wilde“ Malerei abhob. Siegfried Anzinger etwa in seinem Changieren zwischen Abstrakt und Gegenständlich könnte man in ihrem Werk verorten. Aber auch der dicke Auftrag der Farbe, wie er Damischs Werk auszeichnete, war bei ihr prägend. Anzinger wie Damisch studierten bei Maximilian Melcher, dessen enge Mitarbeiterin Pichler war. Später übernahm dann Damisch selbst die Grafik-Klasse seines „Meisters“ und Pichler als Assistentin gleich mit. Betrachtet man vor allem Pichlers Bilder der frühen Siebzigerjahre, ihre nur noch angedeuteten, deformierten Figuren, total Punk und satt farbig, dann sollte man sie guten Rechts als Vorläuferin der erst zehn Jahre später reüssierenden Neuen Wilden nennen.

Gerade diese Bilder aber sind nur in der Monografie nachzuschlagen, sind nicht ausgestellt. Damisch wollte, wohl auch um die Künstlerin selbst zu ehren, das jüngere, das typischere Werk Pichlers präsentieren: dick pastose Ölbilder, die in ihrer Massigkeit fast Objektcharakter haben, irrsinnig dicht an Farbe und Formen, aus denen man manchmal leichter, manchmal schwerer lesen kann, was diesen malerischen Gewittern zugrunde lag. Stillleben waren es oft, Landschaften, eine Figur, ein Gesicht.

 

Atelier in alter Volksschule

Pichler malte sie alle in ihrem Atelier, dem alten Schulgebäude im niederösterreichischen Ziersdorf. Alle paar Jahre machte die Salzburger Galerie Welz eine Ausstellung mit ihr – aber leben musste Pichler als Universitätsbedienstete nicht vom Kunstmarkt, der sie „anwiderte“, wie sie sagte. Sie hasste es, zu signieren, wenig wurde betitelt, wenig datiert. Sie tat, sie malte, was sie wollte. Etwa ihren ehemaligen Lehrer und späteren Chef als Grafik-Professor, Maximilian Melcher, es muss auch ihr Lebensmensch gewesen sein: Wie von einer goldenen Aureole umgeben, in strahlendes Gelb gehüllt, zeigt sie seinen blauen Kopf auf einem Bild von 2002. Plötzlich ging sie, die Verlässlichkeit in Person, nicht mehr auf die Akademie. Drei Wochen später, am 1. Juli, war sie tot. Melcher, damals schon lang in Pension, starb nur wenige Wochen später, im Oktober.

Bis 6. August, Akademie der bildenden Künste Wien, Wien 1, Schillerplatz 3, Di–So, 10–18h, Eintritt frei. „Traudel Pichler – Mit der Farbe philosophieren“, Bibliothek der Provinz; die Galerie Zetter bei der Albertina zeigt parallel zur Akademie-Ausstellung ausgewählte Arbeiten Pichlers.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.07.2016)

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