"Werfen Sie nichts weg"

Entwürfe, Notizen, Müll: Ein neues Handbuch zeigt, wie man als Erbe den Nachlass eines Künstlers richtig verwaltet.

In Nachlass-Kategorie B: Gunter Damischs „Rotweltmorgen“ (2004).
In Nachlass-Kategorie B: Gunter Damischs „Rotweltmorgen“ (2004).
In Nachlass-Kategorie B: Gunter Damischs „Rotweltmorgen“ (2004). – Galerie Bei Der Albertina, Zeter, Wien

Wir leben in einer Phase des „Memory-Booms“. Statt Altgewordenes zu entsorgen, konservieren wir es als Relikte. Hauptakteure des Memory-Booms seien Museen, schreibt der Philosoph Hermann Lübbe, mit ihren sinnhaltigen Ausstellungen. Wir blicken zunehmend zurück und speichern die Vergangenheit in der Hoffnung, wesentliche Teile für die Zukunft zu sichern – so lässt sich auch das steigende Interesse an Künstlernachlässen verstehen. Auf dem Kunstmarkt lässt sich diese Tendenz deutlich erkennen: Im 20. Jahrhundert wurde so viel Kunst produziert wie selten zuvor – und die findet immer häufiger Eingang in Galerien, die neben lebenden Akteuren auch Nachlasskünstler in ihr Programm aufnehmen.

Das allerdings klingt leichter, als es tatsächlich ist. „Ich versuche jetzt, einen Überblick zu bekommen, alles zu archivieren, Laden zu öffnen, in die Gunter nur Zeichnungen abgelegt hat, Tagebücher etc., in Wien und in Freidegg. Jeden Tag wird mir bewusst, wie viel er gearbeitet hat, immer, die ganze Zeit“, fasst Maria Damisch ihre Situation mit dem Nachlass des heuer im April verstorbenen Gunter Damisch zusammen. Ein Nachlass wirft zahlreiche Fragen auf und stellt die Erben vor eine große Herausforderung. Wie soll die Menge an Entwürfen, Notizen, Dokumenten sortiert werden? Existiert eine Inventarisierung? Wie soll alles verwaltet und wie der Ruhm erhalten werden? Und von wem?


Es wird teuer. Denn oft ist ein Nachlass emotional stark beladen. Für diese Situation erscheint jetzt ein ausführliches Handbuch. Herausgeberin ist Loretta Würtenberger, die eine ähnliche Situation erlebte. Als ihr Schwiegervater starb, entschied sie mit ihrem Mann, Daniel Tümpel, den gesamten Nachlass des verstorbenen Silberschmieds und Industriedesigners einem Museum zu übergeben. Damit war aber zugleich eine neue Geschäftsidee geboren: 2008 übernahmen sie die Mitverantwortung für den Nachlass von Hans Arp und einigen weiteren Künstlern, gründeten das Institute for Artists' Estates und wurden zu Spezialisten auf diesem Gebiet.

In dem detailliert angelegten Handbuch „Der Künstlernachlass“ fasst Würtenberger sehr praxisnah Strategien und zentrale Fragen, von rechtlichen Formen bis zu anfallenden Kosten, zusammen. Denn ein Nachlass kann durchaus teuer werden: Wird ein europäischer Nachlass mittlerer Größe von einem neunköpfigen Team organisiert, die wissenschaftliche und konservatorische Arbeit von einer Universität begleitet, so kostet das laut Würtenberger im Schnitt 56.000 Euro jährlich. Darin enthalten sind Personalkosten, der Unterhalt des geerbten Ateliers, Verwaltungs-, Reise-, Fotografiekosten. Die Robert Rauschenberg Foundation hat einen jährlichen Aufwand von knapp sechs Millionen Dollar, davon allein 4,6 Millionen Dollar Personalkosten. Dem gegenüber stehen allerdings Einnahmen aus Kunstverkäufen, Urheberrechten, Verwertungsrechten – zunehmend müssen für Abbildungen bekannter Künstler hohe Honorare gezahlt werden.

Für ihre Publikation sprach Würtenberger mit über fünfzig Nachlassbetrauten. Einer der wichtigsten Ratschläge kommt von Jack Flam, Vorsitzender der von Robert Motherwell initiierten Dedalus Foundation: „Werfen Sie nichts weg. Werfen Sie nicht einmal Farbdosen oder -tuben weg, die können später einmal sehr nützlich werden.“ Als Francis Bacon starb, befanden sich über 7000 Einzelstücke in seinem Atelier – was würde später auf dem Kunstmarkt tatsächlich als wertvoll erachtet werden? Wo beginnt Müll, wo endet die Kategorie D? Das ist laut Uwe Degreif die für Museen spannendste Gruppe eines Nachlasses: Fotos, Erinnerungsstücke, Korrespondenzen und ähnliche persönliche Dokumente, die für eine wissenschaftliche Aufarbeitung wichtige Auskünfte über persönliche Beziehungen und Wertsetzungen enthalten können. Zur Kategorie A dagegen zählen jene Werke, in denen das künstlerische Anliegen verdichtet ist, die in Museen gehören oder als unverkäuflich weit hinten im Lager ruhen sollen. Kategorie B umfasst das größte, für den Markt interessante Konvolut, Gruppe C sind Werke minderer Qualität.

Die Kategorie B ist auf dem Kunstmarkt gerade gefragter denn je. Allerdings bedarf es oft einer finanzstarken Galerie, da Vorleistungen notwendig sein können, Rückkäufe auf Auktionen, posthume Produktionen, Werkverzeichnisse und PR-Arbeit. Aber soll überhaupt mit einer Galerie zusammengearbeitet werden? Bei manchen Künstlern wie Keith Arnatt bei Sprüth Magers oder Philippe Vandenberg bei Hauser & Wirth trug es maßgeblich zum posthumen Erfolg bei. Auch ein Museum kann den Nachlass übernehmen, allerdings sind die Institutionen heute deutlich selektiver geworden, wie Würtenberger betont. Möglich sind Mischformen oder Ateliermuseen wie jene von Hans Arp, Henry Moore, Donald Judd, Louise Bourgeois.


Fälschungen und Klagen. Ist der Ruhm gesichert, folgt eine neue Hürde: Soll die Nachlassstiftung auch die Authentifizierung von Werken übernehmen? „Bei der Pariser Fondation Giacometti fließen bereits 50 Prozent des jährlichen Budgets in die Bekämpfung von Fälschungen“, nennt Würtenberger eines der damit verbundenen Probleme. Die Richard Diebenkorn Foundation musste Rückstellungen in Millionenhöhe bilden, um nach Erstellung eines Werkverzeichnisses für Klagen von Eigentümern nicht gelisteter Werke gerüstet zu sein. Aufgrund der rechtlichen und finanziellen Risken stellten die Foundations von Andy Warhol, Keith Haring und Roy Liechtenstein das Ausstellen von Echtheitszertifikaten ein.

HAndbuch

Loretta Würtenberger: „Der Künstlernachlass“, Hatje Cantz Verlag, 29,80 Euro. Im September veranstaltet das Institute for Artists' Estates dazu in Berlin die Tagung „Keeping the legacy alive“ (14.–15. 9. 2016), mit u. a. den Direktoren der Rauschenberg Foundation, Estate Max Beckmann und Henry Moore, sowie Leitern von Museen und Archiven.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.08.2016)

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