Kippenbergers theoretische Filetierung

Streng nach dem Alphabet durch Martin Kippenbergers Werk. Ein neuer, unbeschwerter, aber auch kühler Blick.

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(c) imago/epd (imago stock&people)

Schon wieder eine Kippenberger-Ausstellung. Schon wieder all diese Sentimentalität über den 1997 in Wien früh verstorbenen deutschen Künstler-Rabauken, diese Seufzer all derer, die ihn noch leibhaftig kannten, die mit ihm im Alt-Wien soffen, die seine legendären Performance-Reden bei Vernissagen erlebten oder gar das nächtliche Fiaker-Rennen mit Albert Oehlen im Prater gesehen haben wollen (bei dem außer dem Fotografen niemand dabei war).

Doch diesmal ist alles anders. Erstens ist die letzte Kippenberger-Einzelausstellung in Wien, im Mumok, tatsächlich schon 13 Jahre her (er kommt nur in jeder gefühlten zweiten Gruppenausstellung im Mumok vor und hatte große internationale Retrospektiven in Tate und MoMA). Zweitens durften im Katalog einmal andere, jüngere Theoretiker ran, nicht die üblichen Zeitgenossen wie Diederich Diederichsen und so. Und überhaupt hat Kuratorin Lisa Ortner-Kreil sich gar keinen Gesamtüberblick zum diffusen Scheitern am Unmöglichen vorgenommen; das Werk ist völlig überbordend vor Material und Ideen. Sondern sie scheitert ganz explizit an der Konzentration auf die Sprache bei Kippenberger. Wobei Scheitern hier ebenso explizit als Lob zu verstehen ist. Wer das jetzt verwirrend und dämlich, ja, peinlich findet – nur zu. Peinlichkeiten sind sozusagen das Brot der Spiele, die Kippenberger in seiner Kunst so grandios beherrschte. Einen augenscheinlich so handlichen Ariadne-Leitfaden durch dieses Urknall-Werk zu geben, ist natürlich eine verführerische Idee. Man sollte sich nur gleich mit der Einsicht wappnen, dass es kein gültiger Leitfaden ist. Denn man könnte genauso gut völlig andere Bilder und Installationen zeigen und so zu einem völlig anderen Ergebnis kommen. Ortner-Kreil hat sich für die Ordnung in thematische Kapitel entschieden, auf die Abarbeitung an anderen Künstlern wie Picasso oder Gerhard Richter zum Beispiel oder die so ironische Selbstdarstellung, wo ein paar Highlights zu finden sind: die einschauende, bekleidete Bronze-Figur „Martin, ab in die Ecke und schäm dich“ (1989). Oder das Selbstporträt mit Schild um den Hals „Bitte nicht nach Hause schicken“, was in Flüchtlingszeiten völlig neue Interpretationsebenen bekommt. Bei Kippenberger ging es eher um ausgedehnte Sauftouren, wahrscheinlich. Sprache kommt in seiner Malerei vor, wie sie auch in der Unterhaltungs- und Gebrauchskunst vorkommt, im Plakat, in Comics, als karikierender „Untertitel“, als gesellschaftskritischer Witz („Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz erkennen“, so etwa der Titel eines abstrakten Balken-Bildes).

 

Der Schrein des Legasthenikers

Sie kann aber auch plötzlich ganz leichtfüßig tieftraurig werden. Im großen Saal des Kunstforums, in dem überraschend die weißen Bilder Kippenbergers, die „Sehr guten Bilder“ installiert sind, was eine Art absurde Hehre-Tempel-Situation evoziert. Die weißen Leinwände mit der weißen Lackschrift müssen nämlich nahtlos mit den Wänden verspachtelt werden. Das Entziffern der Schrift ist so oder so fast unmöglich, nachher weiß man, wie man sich fühlt, wenn Lesen eine Qual ist: Es sind die von Kippenberger ins Überdimensionale übertragenen Beschreibungen seiner Bilder eines neunjährigen Legasthenikers. Kippenberger war selbst legasthenisch, las wenig, liebte aber Bücher an sich.

So war es also eine Art Affenliebe zur Schrift, ohne die seine Kunst in all ihren Facetten nicht denkbar ist. Am Ende der Ausstellung hat man Kippenberger also tatsächlich von einer anderen, ja, tatsächlich nüchterneren Seite sehen gelernt. Obwohl man natürlich auch hier nicht auf den frechen Frosch am Kreuz verzichtet (der Fred heißt, den unverstandenen Künstler ironisiert und in die dazugehörige Schriftbildserie eingebettet wurde). Fast 20 Jahre nach seinem Tod beginnt aber hier, mit dieser Schau, die öffentliche kunsthistorische Filetierung dieser mythologischen Künstlerfigur, die eindeutig Star der Latenight-Show gewesen wäre, wäre die Kunst ein Fernsehprogramm. Das ist gut, das ist solide, aber auch ein bisschen traurig.

Bis 27. 11., Freyung 8, Wien 1. Tägl. 10–19h, Fr–21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2016)

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