Offspace-Project: Café au Lit

Kunst im nichtöffentlichen Raum – im Offspace-Projekt Café au Lit im aufstrebenden Pariser Osten kann man testen, wie es sich als Kunstsammler leben würde.

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(c) Jens Emil Sennewald

Kaffee im Bett, eine Brise „Air de Paris“ und die Aussicht auf ungestörten Kunstgenuss: Ungefähr so lässt sich das Pariser Offspace-Projekt Café au lit zusammenfassen. Betrieben vom deutschen Kulturpublizistenduo Andrea Weisbrod und Jens Emil Sennewald, ist Café au lit (dt. Kaffee ans Bett) vielen Kennern des aufstrebenden Pariser Ostens ein Begriff. Das sich ununterbrochen weiterentwickelnde Konzept dieses Kunstraums steht obendrein in engem Zusammenhang mit den Lebensentwürfen der Betreiber. Lotet es doch den Facettenreichtum eines spannenden Themas aus: Wohnen in – und mit Kunst.

Jenseits von Kunst im öffentlichen Raum bzw. dem konventionell-musealen White Cube ist der mit Kunst besiedelte, private Innenraum eine Erlebniswelt, die im Regelfall Sammlern und ihrer Entourage vorbehalten ist. Gelegenheiten zum Probewohnen sind rar, die Atmosphäre von Kunstboutiquehotels stellt eine Aushilfslösung dar. In Richtung einer Fusion von Museum und Privatraum geht zwar der Boros-Bunker in Berlin (immerhin wohnt der Sammler höchstselbst im Penthouse unmittelbar über seinem Kunsthobbykeller). Von echter Kunstwohnraumbesichtigung kann aber nicht die Rede sein.

Damit ein Projekt wie Café au lit gelingen kann, bedarf es einer unprätentiösen Herangehensweise der Initiatoren und des Fehlens jedweder Berührungsängste. Schließlich ist es eines jeden Sache nicht, wenn ihm von Kunst-aficionados die Tür eingerannt wird. Als Andrea Weisbrod und Jens Emil Sennewald 2001 von Hamburg nach Paris umzogen, war ihnen aber klar, dass sie ihre bis dahin private Sammlertätigkeit um eine Dimension erweitern wollten: „Wir haben damit aufgehört, Gegenstände anzuhäufen, und fanden es eigentlich interessanter, unsere Tätigkeit dahingehend auszuweiten, dass wir das Geld in eine Aktion investierten, die die Künstler selbst sichtbarer machen sollte“, so Sennewald.

So suchten sich die beiden eine Wohnung mit einem für Bed-&-Breakfast-Zwecke verwendbaren Gästezimmer. Das Konzept war einfach: Zusätzlich zu Wechselausstellungen im ganzen Appartement, die nach zirka drei Wochen abmontiert wurden, bespielten sie den B & B-Raum ununterbrochen mit Kunst. „Café au lit“ wurde Gästen von den zwei Freiberuflern tatsächlich allmorgendlich serviert: Offenbar traf das intime Konzept den Nerv der Zeit, ihre Bleibe wurde bald zur beliebten Destination von Parisbesuchern und Kunstfreunden.

Als Nachwuchs ins Haus stand und das Gäste- als Kinderzimmer benötigt wurde, ging das Projekt in seine zweite Phase. Gemeinsam mit dem Architekten Didier Faus-tino adaptierte das Paar eine Wohnung in der Rue de la Liberté im 19. Arrondissement als Offspace, der neuerlich als Bed & Breakfast und Ausstellungsraum funktionierte. Der Aspekt privaten Wohnens kam vorübergehend abhanden. Angesichts der notorischen Begrenztheit von Pariser Wohnraum war Faustinos Einfallsreichtum gefragt: „Er hat in die Wohnung eine Art Plattform gebaut, die alle Eigenschaften des Wohnens vereinte. Die Situation stellte sich so dar, dass man zum einen um die Plattform herumgehen konnte und auf den Wänden die Ausstellung stattfand. Sobald man aber die Plattform betrat, befand man sich im eigentlichen Wohnraum.“ Diese zweifache Raumnutzung zog sogar die Aufmerksamkeit der FIAC-Organisatoren an, die ganze VIP-Busladungen entsandten.

Neues im Osten. 2008 kündigte sich eine neuerliche Veränderung von Café au lit an. Ein zweites Kind und ein Umzug des Paars machte den Verkauf der Räumlichkeiten in der Rue de la Liberté notwendig. Die dritte Phase war eingeläutet, und Anfang 2009 wurde eine (mit 110 m2 für Paris geradezu gigantische) Wohnung bezogen, die Platz für eine vierköpfige Familie und einen offenen Kunstraum bieten sollte. „Die Hauptveränderung besteht darin, dass wir den Akzent nun noch stärker auf Begegnung, Austausch und Produktionszusammenhänge setzen“, erläutert Sennewald.

Das Ergebnis ist eine neue Ausstellungsreihe, die programmatisch mit „Homestory“ überschrieben ist: Zwei Künstler pro Jahr werden eingeladen, im Café au lit Kunst zu zeigen und außerdem eine ortsspezifische Arbeit zu entwickeln, die zurückbleibt. Nach und nach wird, unter den Augen der Besucher, der Wohnraum von Kunst besiedelt.

Als erste Künstlerin war die in Berlin lebende Österreicherin Barbara Breitenfellner bei „Homestory“ zu Gast. Breitenfellner wird es auch sein, die den Kunstwohnhybrid an die Avantgardemesse „Slick“ anbindet. Letztere findet unweit, ebenfalls im 19. Arrondissement, statt: Ein weiteres Indiz dafür, dass Bewegung in den Pariser Osten gekommen ist.

TIPP

Ever look back heißt die aktuelle Ausstellung, eine Retrospektive auf acht Jahre Café au lit. Voranmeldung notwendig. www.cafeaulit.de

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