Kunstskandal erforscht: Blood, Sweat, no Tears

40 Kunstskandale in einer Ausstellung – das regt nicht auf. Das soll zum Nachdenken über die Mechanik des Skandals anregen. So watet man durch die öffentliche Erregung von Jahrzehnten bequem wie mit Gummistiefeln.

Stadtwerkstatt Linz, Niemand ist sich seiner sicher, 1991
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Stadtwerkstatt Linz, Niemand ist sich seiner sicher, 1991
(c) Otto Saxinger

Erinnern Sie sich noch an den EU-Slip auf den Plakaten zu Österreichs EU-Präsidentschaft von Tanja Ostojić? An die Asylanten im Big-Brother-Container von Christoph Schlingensief? An die „Uni-Ferkelei“ im Hörsaal des NIG? Die der Aktionisten 1968, nicht die der Identitären 2016? Oft sind es solche „Kunstskandale“, die im Nachhinein unsere Zeitwahrnehmung prägen, mit denen wir historische Ereignisse verorten.

Sind derlei Aktionen häufiger geworden seit den 60er-Jahren? Jedenfalls nicht seltener, vor allem nicht im Internetzeitalter. Denkt man an die Ratte, die der Künstler Florian Mehnert 2015 für jeden von uns anonym per Mausklick zum Abschuss freigeben wollte; ein Kommentar auf die Drohnenkriege. Nach elf Tagen brach er ab, es hatte Morddrohungen gegeben. Ein ähnliches Projekt, mit anderen medialen Mitteln, hatte 1979 die Stadtwerkstatt Linz im ORF per Televoting durchexerziert: Abgestimmt wurde über einen Hund. Es endete nicht zu seinen Gunsten, eine Sprengung wurde im TV simuliert, der Hund musste tags darauf zur Beruhigung der Massen live ins Studio gebracht werden.

 

Die Life-Ball-Ästhetik änderte viel

Derlei Querverbindungen findet man ab heute in einer bemerkenswerten, fast muss man sagen skandalösen Ausstellung im OK Centrum Linz. Denn durch das Konzept der Meta-Ebene, eben eine Ausstellung über die Mechanismen des Kunstskandals zu machen, nahm Kurator Lorenz Seidler, sonst als Kunst-Netzwerker „eSeL“ unterwegs, dem Skandal seinen Skandal. Man watet sozusagen durch die öffentliche Erregung wie mit schicken Hunter-Regenstiefeln. 40 Beispiele von Blut, Schweiß, Tränen und Hass-Tweets sind hier grafisch bestens aufbereitet und in fünf sich teils selbst reflektierende Kapitel unterteilt: Etwa „Sex sells“, wo Institutionen wie irgendwie jetzt auch das OK Centrum thematisiert werden, die den Skandal als Marketingmittel benutzen, von den „Nackten Männern“ in Schirn und Leopold-Museum bis zum Life Ball mit seinen David-Lachapelle-Plakaten.

Diese Life-Ball-Ästhetik im Allgemeinen hat, so Seidler, unsere Toleranzschwelle für Nacktheit im öffentlichen Raum übrigens ziemlich herabgesetzt. So ist etwa die Frage, ob Ostojićs Plakat mit dem EU-Slip heute, elf Jahre später, immer noch abgenommen werden müsste. Wahrscheinlich nicht. Sie zitierte mit dem (durch den EU-Slip züchtig blockierten) Blick zwischen die gespreizten Frauenbeine übrigens das berühmte „L'Origine du monde“ von Gustave Courbet, das natürlich nie für die Öffentlichkeit bestimmt war.

Die männliche Interpretation dieser Ikone, „L'Origine de la guerre“, ebenfalls im OK Centrum zu sehen, wäre immer noch ein Problem: Body-Art-Künstlerin Orlan zeigt hier im selben Winkel wie bei Courbet den Anblick eines männlichen Glieds. Erigiert. Das haben nicht einmal die Wiener Aktionisten gewagt bzw. gewollt. Wir lernen: Nacktheit? Kein Problem. Sex? Doch. Christoph Büchels Swingerklub in der Secession poppt da auf. Sex hält heute ebenso die Spannung, wie es die Religion wieder tut – siehe „Charlie Hebdo“, siehe die Burka-Do-it-yourself-Performance von der jungen Yasmeen Sabri – und der Tierschutz es immer noch tut, mit dem man übrigens als Künstler zielsicher den Nerv der Leute trifft, und zwar über alle Lager hinweg.

Hermann Nitsch kann ein Lied davon singen, eher eine Ballade. Das ganze Stiegenhaus hat Seidler dieser medialen Leidensgeschichte gewidmet. An den von Nitsch über ein halbes Jahrhundert gesammelten Artikeln lässt sich sein Weg bis zum „Staatskünstler“ ablesen, der in der Restwelt noch immer mit Ausstellungszensur zu kämpfen hat. Verurteilt wurde er 1966 allerdings nicht wegen angeblichen Tierleids, sondern wegen seiner Verbindung von Hostie und Menstruationsblut. In einem kleinen Meditationsraum darf man darüber nachdenken, ganz allein mit einem von Nitschs Binden-Bildern. Genau diese konzentrierte Begegnung mit der Kunst ist allerdings die Ausnahme hier, auch wenn Seidler das anders wollte, sogar in einem eigenen Raum diese „reine“, vom Skandal „unbefleckte“ Kunstbetrachtung zu inszenieren versucht: In Wahlkojen mit Vorhängen präsentiert er Fälle einzeln, wie Gelitins Modell des „Arc de Triomphe“ (der sich selbst in den Mund pissenden Jüngling-Plastik in Salzburg). Oder Valie Exports Tapp- und Tastkino, das die „Koje“ sozusagen schon in sich trägt. Trotzdem ist die Didaktik übermächtig. Das ist die Ambivalenz dieser Schau: Sie nimmt der Kunst zwar die Last des akuten Skandals, schenkt ihr „Normalität“, wie im Titel „Skandal normal?“ evoziert. Von ihrer Rezeptionsgeschichte befreit sie sie aber nicht.

Bis 30. April. Di, Mi, Do 15.30–19 h, Do 21 h, Sa, So 10–19h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2016)

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