Die Nothelfer in Rettungsdecken im Stephansdom

Für die Fastenzeit hat Lichtkünstlerin Victoria Coeln 37 Pfeilerfiguren in goldene Rettungsdecken gehüllt. Sie verbinden so die Nöte über die Zeiten hinweg.

PRESSEF�HRUNG ´VICTORIA COELN/ATELIER COELN - VERH�LLUNGEN´ IM WIENER STEPHANSDOM
PRESSEF�HRUNG ´VICTORIA COELN/ATELIER COELN - VERH�LLUNGEN´ IM WIENER STEPHANSDOM
(c) APA/HERBERT NEUBAUER

Er ist der Heilige der Reisenden, sein Anblick soll Schutz bieten vor jähem Tod. Weshalb der hl. Christophorus so oft und groß an Kirchenmauern abgebildet ist. Um ihn auch von Weitem sichtbar zu machen, damit er kurz zumindest Hoffnung spendet, heil von der Reise heim, heil über die Flüsse zu kommen. In der Antike schon wachte ein Fährmann über diesen Übergang vom Leben zum Tod. Im Christentum wurde er von diesem angeblich hundsköpfigen Riesen abgelöst, der das Christuskind auf den Schultern über das Wasser getragen haben soll. Worauf aus dem Soldaten Offerus der Christofferus, der Christusträger wurde.

Eingehüllt in eine dieser dünnen, metallischen Rettungsdecken, die man aus Flüchtlingsauffanglagern, von Unfällen, aber auch Marathonläufen kennt, steht ein solcher hl. Christophorus gleich auf dem ersten Pfeilerpaar des Stephansdoms. Der vor Christophorus-Skulpturen nur so strotzt, sie wurden naturgemäß gern gestiftet, waren beliebte Betvorlagen fürs Volk, das auf der Suche nach Seelenheil durch das Langschiff strich, weit über ihren Köpfen, in den Baldachin-Nischen an den Pfeilern, die Nothelfer suchend, die sie gerade glaubten, am nötigsten zu haben.

Einige von diesen gotischen Skulpturen hat Victoria Coeln (*1962) jetzt für die Fastenzeit mit Hightech-Rettungsdecken umschlungen. Plötzlich werden sie so wieder sichtbar für uns, die wir längst nicht mehr gewohnt sind, auch nur über unsere eigene Kopfhöhe hinauszublicken.

 

Sie tragen sie stolz wie Königsmäntel

Coeln, die Lichtkünstlerin, bestrahlt sie zusätzlich mit Scheinwerfern, sodass ihre neuen goldenen Decken kostbar zu schimmern beginnen. So tragen sie diese Zeichen heutiger Not stolz wie Königsmäntel. Nicht alle. Nur 37 der 108 Pfeilerfiguren sind derart geadelt. Zuerst wollte Coeln auf diese Weise die Heiligen auszeichnen, die in Gegenden geboren wurden, die nicht zum heutigen EU-Gebiet gehören. Doch das war historisch zu komplex, schon beim Christophorus wird es schwierig, wo genau er geboren wurde, weiß man nicht. Karriere als Missionar jedenfalls machte er in Lykien (in der heutigen Türkei), dort verlor er später seines Glaubens wegen auch den Kopf, wortwörtlich. Aus der eigenen Not, nicht auf theologisch-historisches Glatteis zu geraten, entschied Coeln sich daher für Menschlichkeit, also dafür, niemanden seiner Herkunft wegen zu diskriminieren – und wählte die zu verhüllenden Heiligen nach Gutdünken aus. Da glänzt also die hl. Sophia mit ihren mit in den Märtyrertod genommenen Kindern vor Glaube, Liebe, Hoffnung aus dem Schummerlicht des nördlichen Seitenschiffs. Dort, ganz vorn, vor dem Altar, der hl. Laurentius, unter dessen Rettungsdecke der Rost hervorlugt, auf dem er landete.

Auch der Hauptaltar ist verhüllt, wie es sich in der Fastenzeit gehört. Allerdings nicht mit einem Rettungstuch, was durchaus Sinn gemacht hätte. Sondern mit einer Projektionsfläche, auf die Coeln einen verfremdeten Film der gestisch-abstrakten Malweile ihrer Schweizer Künstlerkollegin Susanne Lyner wirft. Lyner wirft also schwarze und weiße Farbe auf eine Fläche, Coeln wirft diese Wurfmalerei als Lichterscheinung auf das semitransparente Fasten-Tüll-Tuch. Es wird noch komplizierter: Drei parallel ablaufende, zeitversetzte Loops lassen diesen Malprozess wie animierte Striche wirken, es würde 81,5 Jahre dauern, bis diese Loops wieder in einem Bild zusammenfinden, so lang, wie ein durchschnittlicher Mitteleuropäer lebt. Was wir also nicht mehr erleben werden. Was auch nicht so viel macht. Uns reicht die wundervolle Idee der Rettungsdecken, die ästhetisch und ikonografisch überzeugt.

Im Marienmonat Mai wird Coelns „Trilogie der Verhüllungen“, bestehend aus „Lebenszeit“ (Fastentuch) und „Herkunft“ (Rettungsdecken) mit dem „Geschlecht“ vervollständigt: Dafür verpasst sie den männlichen Pfeilerfiguren im Dom sozusagen eine Burka, wird sie mit halb transparenten Tüchern verhüllen. Die Damen dagegen werden mit Lichteffekten angestrahlt; darin ist Coeln Spezialistin, sie hat derartig zauberhafte Lichtshows im Stephansdom schon öfters inszeniert. So politisch aber waren sie noch nie – mit der Männerverhüllung bezieht Coeln sich auf eine Aktion religionskritischer iranischer Paare, die sich 2016 in den sozialen Medien verbreitete. Zusätzlich werden Zitate heutiger Philosophinnen und Aktivistinnen aus dem Nahen Osten, also dem Geburtsgebiet der Mehrheit der Heiligen, ins Kirchenschiff projiziert. An dessen Bug noch immer der hl. Christophorus steht, mit unserer Hoffnung auf den Schultern. In mehrdeutigen Verhüllungen. In traurigen Zeiten.

Während der Fastenzeit täglich 6–22 Uhr. Abendführungen von 6. 3. bis 6. 4. Di. bis Do. 20.30–21.30.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.03.2017)

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