Picassos "Guernica" wird 80: Ein Blutbad in Schwarz-Weiß

Eine Ausstellung im Reina Sofia Museum in Madrid beleuchtet die Geschichte von Picassos Anti-Kriegsbild: die realen Hintergründe, die Bedeutung für die Kunst und den Missbrauch durch die Politik.

Picassos ''Guernica'' bekommt in Madrid eine eigene Ausstellung
Schließen
Picassos ''Guernica'' bekommt in Madrid eine eigene Ausstellung
Picassos ''Guernica'' bekommt in Madrid eine eigene Ausstellung – (c) REUTERS (Juan Medina / Reuters)

Am Dienstag eröffneten König Juan Carlos und Sofia von Spanien im Madrider Reina Sofia Museum die Sonderausstellung "Mitleid und Schrecken bei Picasso: Der Weg zu Guernica" (5. April bis 4. September). Für viele Medien und Kunstkritiker ist es in Spanien schon jetzt die Ausstellung des Jahres - das wohl bekannteste Anti-Kriegsgemälde der Kunstgeschichte wird im April 80 Jahre alt.

Seit 1992 steht Pablo Picassos "Guernica" im Reina Sofia Museum. An der neuen Ausstellung beteiligen sich nun über 30 internationale Museen wie das Centre Georges Pompidou oder das New Yorker MoMA mit Leihgaben. So schickte das Pariser Musée Picasso die Skulptur "Frau im Garten" (1930). Die Londoner Tate verlieh erst zum zweiten Mal in seiner Geschichte Picassos "Drei Tänzerinnen" aus dem Jahre 1925.

Das Besondere ist jedoch: Mit fast 100 Werken Picassos, 46 Einzelstudien zu "Guernica" sowie nie veröffentlichten Fotografien und Dokumenten beleuchtet das Reina Sofia Museum die teils vollkommen unbekannte Entstehungs- und spätere Wirkungsgeschichte des Werks. "Es ist die größte Ausstellung, die jemals über das Bild und seine Geschichte gemacht wurde", versicherte Museumsdirektor Manuel Borja-Villel.

Picasso ließ sich für sein gigantisches Wandgemälde von 7,76 Meter Länge und 3,49 Meter Höhe von der Bombardierung der baskischen Kleinstadt Guernica inspirieren, die im Zuge des spanischen Bürgerkriegs von Hitlers Fliegerstaffel Legion Condor am 26. April 1937 dem Erdboden gleichgemacht wurde. Hitler kämpfte an der Seite des faschistischen Putsch-Generals Francisco Franco.

Die Ruinen von Guernica
Schließen
Die Ruinen von Guernica
Die Ruinen von Guernica – (c) imago/United Archives Internatio (imago stock&people)

Die spanische Republik gab dem damals schon weltbekannten Gründer des Kubismus den Auftrag, für die Pariser Weltausstellung ein Propagandabild zu schaffen, um international gegen Franco Stimmung zu machen.

Eine neue Dimension der Kriegsführung

Der Angriff auf Guernica führte zu internationalem Protest. Es war zwar eine unbedeutende Stadt, auch kamen "nur" wenige Hunderte Menschen zu Tode. Es war aber eine ganz neue Dimension der Kriegsführung: Ein gezielter Schlag gegen die Zivilbevölkerung, um diese im Kampf gegen Franco zu demoralisieren.

Die 27 Quadratmeter große Kriegs-Darstellung in Schwarz-Weiß-Grau war aber weit mehr als nur eine künstlerische Reaktion auf das Blutbad. "Es war das Ergebnis einer tiefen persönlichen und kreativen Krise sowie einer künstlerischen Entwicklung, die bereits in den späten 20er Jahren begann", sagte der britische Kunsthistoriker und Ausstellungskurator Timothy J. Clark. Auf seinen neuen Forschungen beruht die Ausstellung.

Die Stadt Guernica auf einer Aufnahme von 2007
Schließen
Die Stadt Guernica auf einer Aufnahme von 2007
Die Stadt Guernica auf einer Aufnahme von 2007 – (c) REUTERS (Vincent West / Reuters)

"Picasso war kein politischer Künstler"

Der Erste Weltkrieg, das Erstarken faschistischer Regime, der spanische Bürgerkrieg. "Die Welt, wie Picasso sie kannte, geriet aus den Fugen, und er fand keine neue künstlerische Ausdrucksform, um darauf zu reagieren. Picasso war kein politischer Künstler und sein optimistischer Kubismus konnte keine Antworten auf diese Zeit geben", so Clark. Der Künstler öffnete seine kubistischen Räume nach und nach. Er malte immer theatralischer.

Die Madrider Ausstellung zeigt, wie bei Picasso langsam Sexualität, Frauen und Innenräume Monstern, Leid und Schrecken wichen. Dennoch hatte Picasso das Gefühl, künstlerisch auf der Stelle zu treten. Monatelang stand er vor seiner gigantischen Auftragsarbeit und wusste nicht, was er machen sollte. Er war am Boden - dann wurde Guernica ausgelöscht und zu Picassos Initialzündung.

Griff auf christliche Passionsikonografie zurück

Er vermischte seinen neuen Kubismus mit surrealistischen und theatralischen Elementen. Sogar auf die christliche Passionsikonografie griff er zurück. Peter Paul Rubens Gemälde "Die Folgen des Krieges" (1637) entlehnte er die Komposition, Goyas Kriegsgemälde "Der 3. Mai 1808" inspirierte ihn zum Lichtspiel. Museumsdirektor Borja-Villel nennt "Guernica" ein "ultramodernes Historienbild".

Für Jose Lebrero Stals, Direktor des Picasso-Museums Malaga, liegt die Stärke des Gemäldes jedoch in der Verallgemeinerung von Tod, Verzweiflung und endlosem Leid. Es gibt keine anzuklagenden Täter, nur Opfer, verstümmelte Körper, die um ihr totes Kind weinende Mutter, Menschen, die ihre Hände zum Himmel strecken, als würden sie beten, der Bombenhagel möge endlich aufhören. Picasso ging es aber nie um die Bomben, die auf Guernica fielen. Sie waren nur ein Symbol.

Das ikonische Gemälde
Schließen
Das ikonische Gemälde
Das ikonische Gemälde – (c) imago/United Archives Internatio (imago stock&people)

Vielleicht war es gerade diese Verallgemeinerung, welche "Guernica" neben der künstlerischen Raffinesse schon bald zum universalen Anti-Kriegssymbol machte. So wurde es im Laufe der Geschichte auch fast bei jedem Konflikt als Aufruf zum Frieden benutzt - vom Zweiten Weltkrieg bis hin zum heutigen Syrien-Krieg.

Politischer Missbrauch

Doch auch der politische Missbrauch stärkte den "Mythos Guernica", so Kurator Clark. Nazi-Deutschland redete vernichtend über Picassos Werk. Danach auch die Amerikaner, als Picasso 1944 der Kommunistischen Partei beitrat. In fast jeder der 40 internationalen Ausstellungen in mehr als elf Ländern wurde "Guernica" auf eine andere, teils gegensätzlich politische Lesart interpretiert.

Es ging so weit, dass sich das New Yorker Museum of Modern Art, wo "Guernica" von 1958 bis 1981 ausgestellt wurde, nahezu gezwungen sah, das Gemälde zu entpolitisieren. Doch der "Mythos Guernica" war geboren. Franco-Spanien, wo selbst Nachdrucke des Gemäldes bis zum Tod des Diktators 1976 verboten waren, hielt ihn aufrecht.

Picasso verfügte, dass "Guernica" erst nach dem Tode Francos und nach der Wiedereinführung der Demokratie an Spanien, dem rechtmäßigen Besitzer der Auftragsarbeit, übergeben werden dürfe. Es sollte noch bis 1981 dauern. Fast zehn Jahre hatte es der Prado. Seit 1992 hängt "Guernica" nun im Reina Sofia Museum und darf wegen seines delikaten Zustands nicht mehr ausgeliehen werden.

 

(APA)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft
      Kommentar zu Artikel:

      Picassos "Guernica" wird 80: Ein Blutbad in Schwarz-Weiß

      Schließen

      Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
      Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.