Kunst in Wien

Die Bürokratie des Kunstsammelns

Das städtische Zeitgenossen-Museum „MUSA“ feiert mit einer sehr schönen Ausstellung sein zehnjähriges Bestehen – und auch ein „Baba“ – es wird in Zukunft vom Wien Museum betrieben. Eine ästhetische Strukturbereinigung.

Abstrakte Malerei, zusammengesetzt aus den Bildrändern von Ölbildern von Dejan Dukic (2011).
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Abstrakte Malerei, zusammengesetzt aus den Bildrändern von Ölbildern von Dejan Dukic (2011).
Abstrakte Malerei, zusammengesetzt aus den Bildrändern von Ölbildern von Dejan Dukic (2011). – (c) Musa

Der Gang zur Kulturabteilung der Stadt, noch mehr der Postweg, ist den Künstlern (inklusive Künstlerinnen zu verstehen, bitte) in Wien nur allzu vertraut, vorbei an den hübschen glänzenden Keramiken von Franz Barwig dem Älteren von 1916 in dem historischen Amtsgebäude hinter dem Rathaus. Denn hier wartet Bares. Hier beantragt man und bittet um Förderungen für Ausstellungen, Vereine, Publikationen, Druckkosten, es gibt ein Ankaufsbudget (314.000 Euro etwa 2016) und natürlich Stipendien bzw. Preise. Darüber walten selbstverständlich Jurys. Die verwaltet der sogenannte Referatsleiter. Seit 15 Jahren ist das Berthold Ecker, seit 1991 arbeitet er in der Abteilung. Man kann sich vorstellen, was dieser Mann schon alles gesehen und erlebt hat. Es gibt wenige in Wien, die sich so gut auskennen mit den Künstlern und ihren Verhältnissen in dieser Stadt wie er.

Genug Aura erzeugt? Nicht umsonst hängt im Kapitel „Auratismus“ der morgen eröffnenden Jubiläumsausstellung vom „MUSA“ (Museum Startgalerie Artothek), das Ecker vor zehn Jahren gegründet hat, eine Art Ikone aus dem Epizentrum dieser sich so bescheiden gebenden Macht: Ein Bild, das sonst (als Leihgabe der Sammlung der Stadt natürlich) im Büro des Referatsleiters hängt – „L'Aura“, die Art-Brut-mäßige Kopie von Giorgiones berühmt-mythischer „Laura“ aus dem Kunsthistorischen Museum, zur Karikatur unserer Kunstverehrung zugespitzt vom jungen Künstler Peter Fritzenwallner.

 

Über aller Köpfe hängt die Kunst-Aura

Noch dazu hat sie Kurator Franz Thalmair weit über unsere Köpfe gehängt. Wie sie sonst auch in Eckers Büro hängt. Allerdings nur, weil dort Petersburger Hängung so vielen Lieblingen wie möglich Platz machen muss. Unter „L'Aura“ hängt dadurch sonst ein expressiver roter Pinselwischer von Joseph Marsteurer, der ebenfalls, allerdings diesmal um die Ecke, in der Ausstellung vertreten ist: Zur Bedingung des Ankaufes seines Werks „10 Rollen Farbstriche“ durch die Stadt machte der Konzeptkünstler, dass die Mitglieder der Ankaufs-Jury alle eines der Fragmente als Leihgabe erhielten, u. a. also Ecker. Das funktioniert allerdings auch nur einmal (zumindest bei der Jury).

„Bürokratie“ heißt dieses besonders unterhaltsame Kapitel der aus den Ankäufen der Stadt in den vergangenen zehn Jahren bestückten Ausstellung, womit man sozusagen in der erfolgreichen Reihe der Jahrzehnte-Ausstellungen die Nuller-Jahre vor die demnächst folgenden Neunziger Jahre schiebt. Der Titel „ba # b+a“ ist allerdings erst im Nachhinein doppeldeutig geworden. Er entstand eigentlich als Aristoteles-Zitat (das Ganze ist mehr als die Summe). Wollte Kurator Thalmair doch mit seiner Auswahl zeigen, wie Künstler in ihren Werken auf das System von Sammlungen und Institutionen, also auf das Entstehen von Kunstgeschichte, reagieren. Was oft ironisch ausfällt – etwa wenn Ulrike Königshofer die Auswahl von Archiven aufs Korn nimmt, indem sie „zufällige Prozesse“, die sie beim Wachsziehen gewinnt, nummeriert und in Vitrinen sammelt. Wenn Maria Anwander und Ruben Aubrecht ihren Förderungs-Absagebrief des Kulturamtes einrahmen – und dem Kulturamt für seine Sammlung schenken (auch das geht nur einmal). Oder wenn Johanna Braun eines der berühmtesten Fotos von Valie Export nachmalt, die „Genitalpanik“. Die Protagonistin, die mit Schlitz im Schritt und Maschinenpistole posiert, allerdings weglässt – und nur Bank und Mauer zeigt: „Valie Export (left not lost)“. Daneben – genau das sollte eine gute Sammlung können – zeigt man das Original.

 

Kunst-Ankauf bleibt beim Magistrat

Es ist eine intelligent gemachte, aufgeräumte Schau, die vor allem zeigt, wie hier / nicht nur zuletzt) mit gutem Blick u. a. auch auf historische Referenzen gesammelt wurde. Nur 36 Werke sind zu sehen, was bei insgesamt 40.000, die sich in der Sammlung der Kulturabteilung befinden, durchaus mutig ist. Diese Sammlung, inklusive des Standorts „Musa“ inklusive ihres Leiters Ecker und den Mitarbeitern, begeben sich mit 1. Jänner übrigens in die Arme des „Wien Museums“. (So kann man jetzt durchaus auch ein „Baba“ aus dem Titel lesen.) Eine Strukturbereinigung, so Ecker. Er werde im „Wien Museum“ den von Ralph Gleis Richtung Alte Nationalgalerie Berlin verlassenen Posten des Zeitgenossen-Kurators übernehmen und die Sammlung weiter betreuen. Es wäre nur ein logischer Schluss, dass Ecker zumindest auch in der Ankaufs-Jury vertreten bleibt; wenn das Sammlungsbudget weiterhin vom MA7-Referat verwaltet wird. Geregelt sei das aber noch nicht, sagt Ecker. Sein Posten als Referatsleiter jedenfalls werde demnächst intern ausgeschrieben.

Apropos Struktur und Kunstförderung der Stadt. Als eher historische Skurrilität bleibt hier noch die „Kleine Galerie“ in Wien Erdberg, die direkt nach dem Krieg, 1947 unter Stadtrat Viktor Matejka gegründet wurde und so wohl die älteste Wiener Galerie für zeitgenössische Kunst darstellt. Mittlerweile ist sie eine Tochtergesellschaft der Volkshochschulen. Rund 35 Künstler, generationenübergreifend, werden hier gelistet, darunter Adolf Frohner und Sula Zimmerberger. Man finanziere sich vor allem vom Verkauf, so ihr Leiter, Faek Rasul, habe aber keinen Gewinndruck. „Es läuft super.“ Auch auf der Homepage gibt er selbstbewusst an, „eine der schönsten und erfolgreichsten Galerien in Wien“ zu leiten – die „aus der Kunstszene in Wien nicht mehr wegzudenken ist“. Stimmt irgendwie ja auch.

Eröffnung der Ausstellung: 7. September, 18 Uhr, Felderstraße 6–8, Wien 1.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.09.2017)

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