Curated by: Das Material sprechen lassen

Ein Festival und eine Kunstmesse stehen zum Start des Wiener Kunstherbstes auf der Agenda der Galerien.

Schreibtischuhr. Liam Gillick untersucht das Verhältnis von Material und Sprache (Meyer Kainer).
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Schreibtischuhr. Liam Gillick untersucht das Verhältnis von Material und Sprache (Meyer Kainer).
Schreibtischuhr. Liam Gillick untersucht das Verhältnis von Material und Sprache (Meyer Kainer). – (c) Courtesy Galerie Meyer Kainer/ Tina Herzl

John Rajchmann, amerikanischer Philosoph und Kunstgeschichteprofessor an der Columbia Universität, war gerade am Weg nach Wien, als ihn vor einigen Monaten folgende Zeilen erreichten: „Lieber John! Am Telefon haben wir über die Idee diskutiert, Werke zu betrachten, die von Philosophie handeln und auf Philosophie basieren. Das könnte ein guter Zeitpunkt sein, um über die Produktion von Objekten mit eingebetteter Sprache nachzudenken.“ Verfasst hatte das Schreiben der britische Konzeptkünstler Liam Gillick. Mit präzisen Objekten und Rauminstallationen im Grenzbereich von Skulptur, Architektur, Design und institutioneller Kritik lotet er in seiner Arbeit seit den 1990er-Jahren die Grenzen der Kunst punkto Intellektualität und Sinnlichkeit, Kunst und Gesellschaft aus.

Neben Formen, Farbe und Geometrie sind dem Briten Schrift, Sprache und Text wichtige Transfermedien. Gillick schließt mit dem Vorschlag: „Ein Material zum Sprechen zu zwingen ist eine andere Möglichkeit, das konkreter zu vermitteln.“ Gesagt, getan. Die philosophische Ausgangsidee wurde zur Grundlage einer ganzen Gruppenausstellung.

Körpersprache. Gesten stehen im Mittelpunkt der Schau „Live End Dream No“ in der Galerie Steinek.
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Körpersprache. Gesten stehen im Mittelpunkt der Schau „Live End Dream No“ in der Galerie Steinek.
Körpersprache. Gesten stehen im Mittelpunkt der Schau „Live End Dream No“ in der Galerie Steinek. – (c) Beigestellt

In Liam Gillicks Wiener Stammgalerie Meyer Kainer machen die beiden nun im Kontext des Galerienfestivals „curated by“ gemeinsame Sache. Vor dem Hintergrund der Entmaterialisierung von Schrift durch die Digitalisierung haben sie dem Ausstellungsprojekt den anachronistischen Titel „Schreibtischuhr“ verpasst, die Einladungskarte ist passend als Telegramm gestaltet. Gillick zeichnet für die Künstlerauswahl verantwortlich, Rajchmann firmiert als Kurator. Am Beispiel von elf Positionen aus unterschiedlichen Generationen untersucht die Ausstellung die Relation zwischen Schreiben, Zeit, Text und Objekt. Die US-Fotografin Louise Lawler, Grande Dame der Kontextkunst, ist ebenso vertreten wie Lawrence Weiner, Konzeptkünstler der ersten Stunde, mit seinen Textskulpturen oder Biennale-Künstler Heimo Zobernig.

„Schreibtischuhr“ ist eine von insgesamt 21 kuratierten Galerieausstellungen, die für die neunte Auflage des Wiener Galerienfestivals „curated by“ von einer Jury ausgewählt wurden. „image/reads/text“ lautet das diesjährige Motto.

Im Fluss. Die Portugiesin Ana Santos entwickelt ihre Kunst aus dem Alltag heraus (Galerie Quadro Azul).
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Im Fluss. Die Portugiesin Ana Santos entwickelt ihre Kunst aus dem Alltag heraus (Galerie Quadro Azul).
Im Fluss. Die Portugiesin Ana Santos entwickelt ihre Kunst aus dem Alltag heraus (Galerie Quadro Azul). – (c) Courtesy Galerie Quadrado Azul

Wortskulptur. „Gerade im Zeitalter der digitalen Kommunikation ist das Thema Sprache und Kunst hochaktuell“, sagt Elisabeth Noever-Ginthör. Sie ist Leiterin des Kreativzentrums departure der Wirtschaftsagentur Wien, die das Festival im Sinn einer Standortförderung der Kreativwirtschaft von Beginn an unterstützt. Im Unterschied zu früheren Ausgaben, für die jeweils prominente Theoretiker eingeladen wurden, Themen vorzuschlagen, kommt „der Input diesmal ausschließlich von den Galerien selbst“, sagt Noever-Ginthör.

Für den Claim „image/reads/text“ wurde der Künstler Heinrich Dunst eingeladen, eine Wortskulptur zu gestalten. Für die Galerien galt die Vorgabe, nicht nur ihre Stammkünstlerinnen und –künstler zu präsentieren, sondern auch galeriefremde Positionen zu zeigen. Durch die Sprachorientiertheit des vorgegebenen Themas transportiert jeder Ausstellungstitel eine Message, die bald poppig ausfällt, bald literarisch. So kündigt Krobath „The happy fainting of painting“ an. Nathalie Halgand konstatiert bei ihrem „curated by“-Debüt: „Home is so fucking complicated“.

Machtspiel. Kay Walkowiak kombiniert poetische Verdichtung und Reduktion (Zeller van Almsick/Zone 1).
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Machtspiel. Kay Walkowiak kombiniert poetische Verdichtung und Reduktion (Zeller van Almsick/Zone 1).
Machtspiel. Kay Walkowiak kombiniert poetische Verdichtung und Reduktion (Zeller van Almsick/Zone 1). – (c) Kay Walkowiak / Zeller van Almsick, Wien

Und die Galerie Knoll beschäftigt sich unter dem Titel „Während Herr Schulze liest, fährt der Balkanzug über die Brücke bei Nisch, ein Schwein jammert im Keller des Schlächters Nuttke“ mit der Produktion von Wissen durch Erzählung. Ein vierwöchiges Begleit- und Vermittlungsprogramm erweitert das Festival mit Lesungen, Talks, Lectures, Filmscreenings, Performances und Konzerten sowie Führungen.

Mit seiner zeitgenössischen Orientiertheit und Internationalität sowie seinem kontinuierlichen Programmangebot stellt „curated by“ auch eine spannende Schnittstelle zur viennacontemporary dar. Österreichs führende Kunstmesse startet eine Woche nach „curated by“in der Marx Halle im dritten Bezirk und eröffnet damit den Herbstreigen der internationalen Kunstmessen. 110 Galerien aus 27 Ländern hat Christina Steinbrecher-Pfandt als künstlerische Leiterin diesmal mit ihrem Team ausgewählt. Schwerpunktland ist Ungarn.

Verzahnte Events. Die „Open Galleries Night“ von „curated by“ sowie die Satellitenmesse „Parallel Vienna“ verzahnen die viennacontemporary gleichsam mit der Stadt. In diesem Zusammenspiel sieht Steinbrecher-Pfandt auch ein Erfolgsgeheimnis der viennacontemporary. „Wir sind Teil der lokalen Gemeinschaft und verstehen uns zusammen mit den Ausstellern als funktionierende Messe“, sagt sie. „Wien entspricht zu hundert Prozent den Ansprüchen der internationalen Zeitgenossinnen. Zeit ist das rarste Gut der Menschen und alle wollen diese bestmöglich investieren, ohne Zeit zu verlieren, und ein Maximum an Positivem mitnehmen.“ Mit so viel inhaltlicher Dichte gelingt es Wien jedenfalls im September allemal, sich als internationaler Kunst-Hotspot zu behaupten.

Tipp

„curated by“ findet vom 15. 9. bis 14. 10. in 21 Wiener Galerien statt, die viennacontemporary vom 21. bis 24. 9. in der Marxhalle in Wien 3. www.curatedby.at

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