Ewig modern: der Steirische Herbst

Zum 50. Mal findet in diesem Jahr ein Kulturfestival in Graz und Umgebung statt, das jedes Mal Neuestes verspricht. In einem Band zum Jubiläum werden seine Phasen liebevoll analysiert.

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Themenbild: Steirischer Herbst 2017 – (c) Jubiläumslogo / Steirischer Herbst

Das Plakat, ein schlichtes Sujet in Schwarz-Weiß, provoziert Passanten im ganzen Steirerland: Auf dem Foto wendet ein dicker Mann in Lederjacke dem Betrachter den Rücken zu, er scheint sich die Hose hochzuziehen. Oder runter. Darüber steht: „Auf, zum steirischen herbst!“ Wir befinden uns im Jahre 1972, mitten im Kalten Krieg und kurz vor der großen Erdölkrise. Zum fünften Mal wird dieses Festival der modernsten Kunst in Graz und manchmal auch in der steirischen Umgebung stattfinden, 1972 vom 7. bis zum 26. Oktober. Die Aufregung über die Künstler in der Landeshauptstadt hat sich seit 1968 noch immer nicht gelegt. Sie wird auch in den Jahren danach verlässlich wiederkommen. Man fragt sich: Wie machen die das denn in Graz, dass sich honorige Bürger weit hinten in der Provinz über ein absurdes Bild derart aufregen können?

In der Retrospektive erstaunt beim Blättern im „herbstbuch 1968−2017“, das zum 50. Jubiläum erscheint, etwas anderes: Wie kann es sein, dass all die Plakate vergangener Jahrzehnte noch immer so präsent sind, obwohl die meisten seither längst aus dem Blickfeld verschwunden sind? Beim Betrachten der Bilder wird man für Momente in die Ära Kreisky, die smarten Achtzigerjahre oder noch näher liegende Wendezeiten versetzt. Erinnerungen kommen hoch. Was bewirkt dieses sinnliche Scheinen provokanter Ideen? Es muss wohl doch was wie Kunst sein.

Ein wahrscheinlich noch stärkerer Eindruck wird vom Fernsehen vermittelt: Der ORF überträgt 1975 „Gespenster“, ein reifes Drama Wolfgang Bauers. Man erlebt Exzesse aller Art. Sie werden nicht nur drastisch beschrieben, sondern auch ungeniert vorgespielt. Dass es um die Schreibhemmung eines Dichters geht, dass Bauer vielleicht eine persönliche Misere verarbeitet hat, dürfte bei den meisten Zusehern damals untergegangen sein. Skandal! Nach der Sendung greifen die Erziehungsberechtigten zum Telefon und beschweren sich beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk über die „Sauerei“. Tausende. Das Abendland muss vor Schmutz und Schund gerettet werden! Es gibt die Anzeige eines Pornojägers, wüste Beschimpfungen lokaler Kulturredakteure, Klagen vor Gericht. Graz ist wieder einmal berühmt.


Solch wilde Erregungen sind inzwischen zwar seltener. Den Steirischen Herbst gibt es erstaunlicherweise noch immer, weil sich die Avantgarde offenbar stets erneuern konnte. Was aber war das ursprüngliche Konzept, das solche Haltbarkeit ermöglichte? Hanns Koren war vom „Gedanken des Friedens“ beseelt, als er die treibende Kraft für die Schaffung dieses Festival wurde: Der Steirische Herbst sollte „eine repräsentative Zusammenfassung der künstlerischen und wissenschaftlichen Kräfte des Landes Steiermark in einer zusammenhängenden Veranstaltungsreihe in den Monaten September und Oktober jeden Jahres sein“, sagte dieser maßgebliche Politiker der ÖVP in seiner programmatischen Eröffnungsrede 1968. Nach ihm prägte ab 1970 in der Nachfolge als Kulturlandesrat Kurt Jungwirth für Jahrzehnte das Festival. Auch seine größte Tugend: Offenheit fürs Neue.

Die steirische Breite reichte von Ausstellungen bei Trigon über die Steirische Akademie und die zeitgenössischen Musikprotokolle des ORF bis zu Malerwochen in Retzhof – alles sollte international sein, vor allem Nachbarländer wurden eingebunden. Und die Kultur der Stadt hatte eine Hochzeit. Oper, Schauspielhaus und Neue Galerie waren stets beteiligt, es kooperierten mit der Zeit auch noch das Kunsthaus, der Medienturm, Camera Austria, Pool, Theater im Bahnhof, das Literaturhaus und viele weitere lokale und regionale Institutionen.

Das Festival war von Anfang an viel mehr als eine steirische Leistungsschau. In Graz hatte sich in den Jahren zuvor als Antwort auf reaktionäre Verhältnisse eine lebhafte neue Kulturszene entwickelt. Ihr Zentrum: das Forum Stadtpark. Ihr literarisches Zentralorgan: die „Manuskripte“. Dort publizierten Autoren, die rasch berühmt wurden. Und wenn auch Peter Handke Graz längst entwachsen schien, Bauer seine stärkste Zeit bereits hinter sich hatte, Elfriede Jelinek mit ihrem Frühwerk, Gerhard Roth mit seinen Dramen nicht reüssieren konnte, Graz war durch diese Dichter ein Theater-Hotspot geworden. An die 500 Produktionen hat es in 49 Jahren gegeben. Eine besonders wichtige gelang 1969, als Gerald Szyszkowitz einen Text des längst verstorbenen Ödön von Horváth ausgrub und inszenierte: „Zur schönen Aussicht“ gehört seither zum Standardrepertoire, nicht nur hierzulande. Heiner Müller schrieb für Graz ein Auftragswerk, sogar Samuel Beckett ließ sich einmal dafür gewinnen. Da war die Stadt für einen Abend weltberühmt.

So viel Glorie wäre auch jüngeren Generationen zu wünschen – dem früh verstorbenen Werner Schwab, Händl Klaus, oder im Musikbereich Olga Neuwirth, Beat Furrer. Wie stark die einzelnen Genres vertreten sind, hängt auch von den Intendanten ab, die es nach einer ersten Phase mit größeren Gremien gab. Peter Vujica leitete das Festival 1983 bis 1989, ein großzügiger, feinsinniger Intendant. Ihm folgte der Kunsthistoriker Horst Gerhard Haberl. Er wurde 1996 durch Christine Frisinghelli abgelöst, die ebenfalls eher auf die Bildende Kunst als aufs Theater setzte. Ausgesprochen förderlich für die Musik war Peter Oswald 2000 bis 2005. Seit 2006 leitet Veronica Kaup-Hasler das Festival im Bestreben, die Künste zeitgemäß diskursiv zu verweben. Bei ihr waren Grenzen zwischen Genres kaum je auszumachen. Auch das passt zur Entwicklung. Kaup-Hasler hat ihre letzte Herbst-Saison. Ist von ihrer Nachfolgerin Ekaterina Degot eine radikale Neuerung zu erwarten? Hoffentlich. Das ist man in Graz nämlich seit fünf Jahrzehnten gewohnt.

Steckbrief

Hanns Koren, 1906 in Köflach geboren, war Professor für Volkskunde an der Uni Graz und Politiker der ÖVP – Abgeordneter zum Nationalrat, Landesrat und steirischer Landtagspräsident. Er starb 1985 in Graz.

1968 hat Koren, der damals das Kulturreferat des Landes leitete, den Steirischen Herbst gegründet. Es ist inzwischen Europas ältestes Festival für die neue Kunst. ?Archiv

Lauter kleine Liebesbriefe

Das „herbstbuch“ zieht Bilanz: 50 Festival-Saisonen von 1968−2017.

Man kann das Ding mit rotem Einband und in schwarzer Schrift oder auch umgekehrt haben. Das ist eine Geschmacksfrage. Drin ist in diesem dual gestalteten, umfangreichen Band jedoch das Gleiche – Liebeserklärungen und andere Subjektivitäten, von Machern und Beobachtern des Steirischen Herbstes, reich bebildert und in kleinen Portionen, mit ein paar ausführlicheren Essays. Die Gründer und die Intendanten kommen zu Wort, Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek hat einen kurzen Prolog beigesteuert, Clemens Setz Gedichte. Wer einen Überblick zum Theater braucht, sollte den Kritiker Wolfgang Kralicek lesen, der das Beste aus 51 Nächten gefunden zu haben glaubt. Jede Nische wird erfasst. Ganz schön üppig ist er, dieser Herbst!
Das „herbstbuch 1968−2017“ erscheint bei Styria (35 Euro). Hrsg. v. M. Behr, M. Gasser, J. Hierzegger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2017)

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