Kunsthaus Wien

Fotografie: Schuld und Schönheit im Kunsthaus Wien

Die Ausstellung „Visions of Nature“ ist ein Traum – voll melancholischer Projektionsflächen der Instagram-Generationen. Natürlich darf man ihm nicht trauen.

Für unser zögerliches Verhältnis zur Natur findet die slowenische Künstlerin Vanja Bucan in ihrer Serie „Camouflage“, 2015, wunderschöne Bilder.
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Für unser zögerliches Verhältnis zur Natur findet die slowenische Künstlerin Vanja Bucan in ihrer Serie „Camouflage“, 2015, wunderschöne Bilder.
Für unser zögerliches Verhältnis zur Natur findet die slowenische Künstlerin Vanja Bucan in ihrer Serie „Camouflage“, 2015, wunderschöne Bilder. – (c) Vanja Bucan

Das ist sicher keine Ausstellung, wie sie das Wiener Mumok zum Thema Kunst und Natur machen würde, machen wird, nämlich nächste Woche, wenn dort in „Naturgeschichten“ (so der Titel) „Spuren des Politischen“ verfolgt werden (so der Untertitel). Da geht es um Kolonialismuskritik, Widerstand und Flucht in totalitären Regimen, heißt es. Das „Kunst Haus Wien“ fängt es hintergründiger, fast möchte man sagen privater an: Die internationale Gruppenausstellung „Visions of Nature“ ist auf den ersten Blick einfach nur schön.

So schön, wie man unseren westlichen Wohlstands-Zugang zur Natur heute eben kennt, als einen wildern, endlosen Instagram-Strom von Sonnenuntergängen, Wasserfällen, Vollmondnächten, Blumenmeeren und den stolz präsentierten Erträgen des ersten selbstgezüchteten Paradeispflanzerls. Die Natur wird in den sozialen Medien als Projektionsfläche für die interpassiven – wie Robert Pfaller das delegierte Digital-Genießen bezeichnet –, antikapitalistischen DIY-Sehnsüchte der Generationen X und Y inszeniert.

Aus diesen stammt auch Kunsthaus-Kuratorin Verena Kaspar-Eisert, die es sehr persönlich genommen hat mit dieser Ausstellung. Können wir, fragt sie, die im medialen Dauergewitter aus saurem Regen, Umweltverschmutzung, Feinstaub, Klimawandel etc. aufgezogen wurden, die Schönheit der Natur überhaupt noch genießen? Ohne Schuld dabei zu empfinden? Schuld, diese zu zerstören? Mit dieser Skepsis, die uns befällt, wenn wir Fotos „heiler“ Natur betrachten – und ist sie selbst so paradiesisch aufgenommen wie von Simone Nieweg aus der deutschen Becher-Fotografie-Schule – arbeitet Kaspar-Eisert. Mit unserem zögerlichen Umgang mit der Natur, der wir uns nicht nähern können, ohne ihr zu schaden. Nach der wir uns aber vielleicht um so mehr sehnen. Nicht umsonst hat die Kuratorin, sagt sie, die Serie der slowenischen Fotografin Vanja Bucan bei ihrer Recherche begleitet: Man sieht Arme, die von hinten versuchen, das überlebensgroße Foto einer prächtigen Pflanze zu umarmen. Es dabei naturgemäß zerstören. Und giftig ist die Pflanze auch noch.

 

Pathologisches Verhältnis zur Natur

Wie nähern sich Künstler diesem fast schon pathologischen Verhältnis? Mit gesenktem Blick etwa, wie Jennifer Colten, die poetische Aufnahmen zarter Brachland-Vegetation macht. Oder mit vollem Lichtstrahl, wie Leopold Kessler, der mit 200.000-Watt-Lampen monumentale Denkmäler der mehr oder weniger ersichtlich kultivierten Natur ins Rampenlicht holt. Die Trassen des Erzbergs. Oder einen gleißend aufleuchtenden Eisberg in Grönlands Nacht, der ja, so ist es uns jedenfalls eingeimpft, durch die Klimaerwärmung erst entstanden sein könnte bzw. zumindest Mikroplastikteilchen in seiner urigen Masse umschlossen hat.

Ähnlich misstraut man dem grellen Grün der Rasenstücke, die Claudia Märzendorfer in Nahaufnahme fotografiert hat, auf einer Alm. Wir dürfen sie quadratmeterweise sogar nach Hause nehmen, als Scan. Der Südkoreaner Myoung Ho Lee hat dieses Bedürfnis zur Ästhetisierung ebenfalls: Er hinterlegt einzelne Bäume in der Landschaft mit weißen Leinwänden, um dieses surreale Bild im Bild dann zu fotografieren (das Gerüst, das er für die Aufhängung braucht, zaubert er dann digital weg). Im Obergeschoß wird die Geschichte ein wenig mythischer, dystopisch gar, wenn der Finne Ilkka Halso, ebenfalls am Computer, ganze Flusslandschaften unter riesige Glaskuppeln stellt – die ultimative „Biosphäre 2“, wie sie Anfang der 1990er-Jahre in Arizona gebaut wurde. Ein Reservat für die Natur. So wie es heute schon Reservate für Dunkelheit gibt, „Lichtschutzreservate“: Der Ire Michael John Whelan hat für uns einige dieser zertifizierten Zonen besucht und dort – ja, sehr dunkle – Aufnahmen gemacht. Bei Neumond noch dazu. Wahnsinnig schön.

Mit diesem Hang zur Schönheit packt diese Ausstellung uns bei einer sehr menschlichen Schwäche: dem Hang zur Melancholie. Denn diese hier ausgestellte Schönheit, sie ist so verdammt vergänglich, das ist jedem klar. Und schuld sind irgendwie wir. Ein Nachdenken darüber, genauer über das „Anthropozän“, das anbrechende Erdzeitalter, dessen geologische Verhältnisse erstmals die Menschen bestimmen werden, sei ihr Ziel gewesen, sagt Kaspar-Eisert. „In some cultures, reflections are holy“, ist so auch der letzte Satz, den man aus der Ausstellung mitnimmt. Der belgische Künstler Bruno V. Roels, dem man hier immer wieder einmal begegnet, hat ihn seinen doppelbelichteten, schlaff herunterhängenden Palmblätter eingeschrieben. Nur – was tun? Diese Kunst lullt uns mit all ihrer Schönheit ein – was man freilich auch den Raststätten und Müllverbrennungsanlagen von Hundertwasser vorwerfen könnte, der schon Schönheit als Allheilmittel nannte –, eines verlangt sie uns nicht ab: dass wir aus der Instagram-Passivität herausfinden.

Kunsthaus Wien, bis 18. Februar, Untere Weißgerberstraße 13, Wien 3, tägl. 10–18h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2017)

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