Albertina: Alles über Raffael: die Ausstellung des Jahres

Wie aus einem Strich Schönheit wird: Grandiose Schau von Raffaels Zeichnungen und Gemälden.

Kopf- und Handstudie zu Raffaels letztem Gemälde „Transfiguration“, 1519-20 (Ausschnitt Kopfstudie).
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Kopf- und Handstudie zu Raffaels letztem Gemälde „Transfiguration“, 1519-20 (Ausschnitt Kopfstudie).
Kopf- und Handstudie zu Raffaels letztem Gemälde „Transfiguration“, 1519-20 (Ausschnitt Kopfstudie). – (c) ©Ashmolean Museum,University of Oxford

Es gibt Ausstellungen, die lassen einen den Atem anhalten. Durch die geht man mit gedämpftem Schritt, die verlässt man demütig. Wenige sind das, Raffael in der Albertina ist eine davon. Sie ist nahezu perfekt, wie es der Perfektion dieses Künstlers entspricht. Nahezu, sonst wäre es Kitsch, vor allem aber, weil man bei einem derartigen Schwergewicht nie alle Leihgaben bekommt, die man im Kopf hat. Immerhin sind sie dort bestens aufgehoben, man vermisst sie nicht wirklich, weiß ja, wo man sie finden kann, wenig weiter im KHM etwa, wo der „Madonna im Grünen“ nicht einmal der Weg über den Ring zugemutet wird. Auch wenn ihre Vorzeichnungen in der Albertina warten.

Andere Gemälde sind gekommen, um sich einzuordnen in diesen in dieser Dichte nie dagewesenen Reigen, der den peniblen Arbeitsprozess dieses Renaissance-Genies sichtbar macht – 130 Zeichnungen, vor allem aus Wien und Oxford, umrahmen 18 Gemälde aus Florenz, Washington, Berlin etc. So soll nichts weniger als das Geheimnis des Raffaelschen Schönheits-Rezepts gelüftet werden. Das Konzept dieser Schau, die uns in einem graziösen, verspielten Rhythmus immer tiefer in die Albertina-Säle lockt, geht auf: vom ersten raschen Strich auf Papier bis zur letzten, glänzenden Firnis-Schicht folgen wir dem Auge dieses Künstlers, der antikes Schönheitsideal und anmutige Natürlichkeit zu einer Harmonie verschmilzt, die uns, am falschen Fuß erwischt, auch schmerzen kann. Hier mag die Wurzel all der lieblichen Madonnenantlitze und rosigen Putti-Bäckchen liegen, die uns den Geschmack so verklebt haben. Das Original aber war virtuos.

 

Der Rising Star der Renaissance

Man sieht es im Blick des blassen jungen Mannes, als den er sich mit Anfang 20 dargestellt hat, das braune, gewellte Haar fällt ihm fast bis zur Schulter, das schlichte Gewand ist schwarz wie die Kappe: Er wusste, was er kann. Raffael galt als Wunderkind, ein Star in jungen Jahren, der jüngste im fabulösen italienischen Renaissance-Dreigestirns mit Michelangelo und Da Vinci. Beide verehrte er, beider Talente, die Kraft der Körper, das Versprechen der Emotion, vermochte er derart reizvoll zu verschmelzen, dass eine Makellosigkeit entstand, die uns heute noch beim lässigen Gang durch die Museumssammlungen dieser Welt stocken lässt, jedes Mal. 1483 in Urbino geboren, war er mit elf Jahren schon Waisenkind, die Mutter starb früh, der Vater, selber Maler, unterwies ihn noch in den ersten Pinselstrichen. Dann zog der Knabe nach Perugia, lernte bei Perugino. Mit 17 schon wurde er in einem Vertrag als „Meister“ bezeichnet, der Rising Star der Renaissance war nicht mehr zu stoppen. Über Florenz ging es nach Rom, wo sich die Mächtigsten und Reichsten, die Päpste und Bankiers, um ihn rissen, auch um seine Arbeiten auf Papier, die zwar bei Raffael immer Vorzeichnungen waren, aber auch alleine ästhetisch bestanden, überzeugten, schon zu seinen Lebzeiten gesammelt wurden. Das große Geld folgt ihnen bis heute, 2012 wurde Raffaels dramatisch verschattete Kreide-Zeichnung eines Prophetenkopfes versteigert – für 36 Mio. Euro. Die bisher teuerste Zeichnung am Auktionsmarkt. Ganz am Ende der Ausstellung ist sie auch in Wien zu sehen, eine von mehreren beeindruckenden Vorzeichnungen für die „Transfiguration“, Raffaels letztes großes Gemälde, heute in den Vatikanischen Museen. An ihm arbeitete er von 1518 bis zu seinem Tod 1520, mit ungemeiner Präzision, unterstützt von seiner Werkstatt: Erst wurde die Komposition skizziert, es folgten Figurenstudien, Kopfstudien, Faltenwurf-Studien, dann ließ er die gesamte Figurenkonstellation als Akte malen. Denn er befand sich im Wettstreit mit niemand Geringerem als Michelangelo. Dieser unterstützte seinen Freund Sebastiano Piombo mit Vorzeichnungen für ein anderes Tafelbild, das für die Bischofskirche in Narbonne beauftragt worden war. Raffael konnte seines nicht vollenden, er soll sogar unter der „Verklärung Christi“ aufgebahrt worden sein, bevor er im Pantheon seine letzte Ruhe fand. Mit nur 37 Jahren, gestorben an Pest oder liederlichem Lebenswandel, der eher Legende ist.

Was für ein Spruch, der auf seinem Grab steht: „Dieser hier ist Raffael, von dem die große Mutter der Dinge (Anm. die Natur) fürchtete übertroffen zu werden, solange er lebte, und mit ihm zu sterben, als er starb.“ Kein Wunder, dass sich Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder erschüttert zeigt von diesem Leben und Werk. Er kann es auch von dieser Ausstellung sein, die Kurator Achim Gnann ihm in Kooperation mit der größten Raffael-Zeichnung-Sammlung, dem Ashmolean Museum in Oxford, nach fünf Jahren Vorbereitung hinzauberte – nach den Ausstellungen von Michelangelo und Van Gogh die bisher drittteuerste der Albertina.

 

Wände in tiefem Rot und Blau

In tiefem Blau und Rot sind die Wände gehalten, die Gemälde und Zeichnungen haben Luft, die Vermittlung ist ideal getaktet, mit Saaltexten und vertiefenden zu einzelnen Werken. Chronologisch wie thematisch taucht man ein in diese kurze Zeitspanne vor über 500 Jahren, in diese wenigen Schaffensjahre mit diesem so ungemein eleganten Output. Ein Schwergewicht liegt natürlich auf den Vorzeichnungen zu den „Stanzen“. Ein anderes auf dem Typus der Madonna mit spielendem Jesuskind, dem „Deus ludens“, den Raffael perfektionierte. Frech greift da eines der Kinder, die uns an die Menschlichkeit der Szene erinnern sollen, an den Ausschnitt der Mutter, die doch lesen will. Ein anderes Mal will es den Stab des Johannes erhaschen. Oder versucht einen Kern aus einem Granatapfel zu holen, der symbolhaften Frucht der Passion Christi. Die Zeichnung aus der Frühzeit gehört der Albertina, das Gemälde dazu ist nicht erhalten. Welche Schätze horten wir hier. Welche Gnade, sie so präsentiert ans Licht gelangen zu sehen.

Von 29. 9. bis 7. 1., tägl. 10–18h, Mi. und Fr. 10–21h

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.09.2017)

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