Arbeit, Holz, Feuer in Ottakring

Im ehemaligen Kino im Sandleitenhof denkt eine kleine Abordnung aus Künstlern und Kuratoren von Soho in Ottakring über die Anerkennung von Arbeit nach.

Wer putzt? Wer liegt auf dem Sofa? Und wer angezogen im Bett? Das Duo Honey & Bunny zeigt das Projekt „Putzen“ im Alten Kino im Sandleitenhof. Dort geht es um „Praktiken der Anerkennung in der Arbeitswelt“.
Wer putzt? Wer liegt auf dem Sofa? Und wer angezogen im Bett? Das Duo Honey & Bunny zeigt das Projekt „Putzen“ im Alten Kino im Sandleitenhof. Dort geht es um „Praktiken der Anerkennung in der Arbeitswelt“.
Wer putzt? Wer liegt auf dem Sofa? Und wer angezogen im Bett? Das Duo Honey & Bunny zeigt das Projekt „Putzen“ im Alten Kino im Sandleitenhof. Dort geht es um „Praktiken der Anerkennung in der Arbeitswelt“. – (c) Stummer, Hablesreiter, Akita

Wir befinden uns in einem Zwischenjahr, zwischen zwei großen Soho-in Ottakring-Festivals, die biennal organisiert werden: seit 2013 nicht mehr wie früher rund um den Brunnenmarkt. Man ist in den Nordwesten gewandert, ins Sandleitengebiet. Wo Wiens größter Gemeindebau steht: der Sandleitenhof, 1924 bis 1928 von mehreren Architekten errichtet, darunter einige Otto-Wagner-Schüler. Was man nicht merkt, da hier auf eine Art vorstädtische, kleinteilige, kurvige, aufgelockerte Struktur Wert gelegt wurde. Ein urbanes Dorf mit bis zu 5000 Bewohnern. Daher ist die schiere Größe hier keine Machtdemonstration des Roten Wien, sondern tatsächlich gebaute Vision eines besseren Wohnens. Sogar an die Kultur hat man gedacht, es gab ein Kino.

In diesem – genauer: in dessen Foyer, denn das Kino ist schon lange außer Betrieb – läuft nun die Soho-Ausstellung „Die Arbeit ist noch nicht zu Ende“. Immerhin drei Kuratoren haben vier Künstler bzw. Künstler-Duos ausgesucht – man könnte auch einmal die Gewichtung Kurator/Künstler bzw. die Arbeitsaufteilung in der prekären, durch Subventionen immer gerade am Leben gehaltenen Off-Szene thematisieren . . .

Jedenfalls soll es hier um Anerkennung von Arbeit gehen. Ein gewichtiges Thema, das mit vier völlig unterschiedlichen Positionen recht beliebig daherkommt. Ästhetisch mit dem meisten Bling-Bling arbeitet das eigentlich auf Food-Design spezialisierte Duo Honey & Bunny. Großformatige Fotos zeigen nachgestellte verkehrte Welten rund um das Thema Putzen. Durch ein früheres Projekt auf das Problem der unsichtbaren, unbezahlten Haushaltsarbeit der Frauen sensibilisiert, beschloss man, diese Arbeit zumindest sichtbar zu machen und durch die Umkehr symbolisch gesellschaftlich aufzuwerten: Dafür konnte man etwa im Nobelhotel Bristol die Belegschaft überreden, als Gäste in den Fauteuils Platz zu nehmen. Währenddessen putzten Honey & Bunny in Abendrobe für sie. Es folgen ähnliche Umkehrungen, auch der Geschlechter, wenn etwa die Dame im Hotelzimmer aus der Flasche trinkt, während der Mann sauber macht.

Das ist mit Witz und ästhetischer Perfektion umgesetzt. Gerade die nicht-professionelle, also tatsächlich nicht gering, sondern gar nicht bezahlte Hausfrauenarbeit bleibt hier aber auch in der Kunst unsichtbar.

 

Vom Baum zum Müllhaufen

Unsere fehlende Wertschätzung von Ressourcen, diesmal materiellen, setzt auch Fotograf Wolfgang Krammer ins Bild in einer recht lehrbuchmäßigen schwarz-weißen Fotokurzgeschichte zum Thema Holz: Erst sieht man die stolzen Baumstämme auf Lastwägen. Dann ihre Möbelwerdung. Endlich die Müllhaufen der Wegwerfgesellschaft . . .

Recht eindrücklich sind die Fotometaphern für Einsamkeit und Ausgesetztheit am Arbeitsplatz, in denen Belinda Kazeem-Kaminsky eigene Erfahrungen verarbeitet: Sie ist die einzige schwarze Lehrende an der Kunstuniversität am Schillerplatz. Sie will ihre Foto- und Audioarbeit als Einladung an andere „Lehrende of Color“ zu einem Dialog über nötige Veränderungen am Arbeitsplatz verstanden wissen.

Auch Iv Toshain und Anna Ceeh gehen von ihrer eigenen Situation aus. Sie betreiben seit 2012 das schwer aktivistische Art-Label mit dem drucktechnisch unmöglichen Namen FXXXism (das „ism“ ist durchgestrichen). Im dunklen Bauch unter dem Sandleitenkino befeuern sie eine Art schamanistisches Ritual gegen die Geringschätzung von Kunst und Kultur in und für die Gesellschaft. So jedenfalls könnte man das Feuer interpretieren, das hier unten per Videoprojektion lodert. Am Donaustrand verbrannt haben die beiden ihr Archiv aus Hunderten ihrer Plakate, die sie auf der ganzen Welt aufgehängt haben. Ähnliches haben natürlich schon einige gemacht, eine kunsthistorische Referenz gibt allerdings die humorvolle Richtung vor: die Streichholzschachtel des Fluxus-Künstlers Ben Vautier, mit dem dieser 1968 alle Kunst anzünden wollte; das letzte Streichholz ist für die Schachtel selbst reserviert.

Wer würde sich diese Arbeit aber schon machen wollen? Toshain/Ceeh haben wenigstens ein bisschen was davon für uns erledigt. Merci vielmals.

Soho in Ottakring: Liebknechtgasse 32; bis 12. November, Mi–Sa: 16–20 Uhr, So: 14–17 Uhr; Eintritt frei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2017)

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