Kulturhauptstadt Pecs: Zwischen Osmanen und Op-Art

Das geistig-kulturelle Erbe der Stadt spiegelt sich im Kulturprogramm „Pécs2010“. Schwerpunkt: Bildende Kunst von Avantgarde bis Bauhaus.

(c) EPA (Ferenc Kalmandy)

Auf der kulturellen Landkarte Europas genießt die südwestungarische Stadt Pécs (Fünfkirchen) in diesem Jahr eine privilegierte Stellung. Neben Essen und Istanbul ist sie heuer europäische Kulturhauptstadt. Das wird diejenigen, die diese Stadt kennen, kaum überraschen. Kultur und Geistigkeit prägen seit jeher den Charakter der Stadt. Schon die Römer fanden Gefallen an diesem Flecken Erde am Fuße des Mecsek-Berges und errichteten zu Beginn des zweiten Jahrhunderts die Stadt Sopianae, den urbanen Vorläufer des heutigen Pécs. Im vierten Jahrhundert stieg die Stadt sogar zu einem Zentrum des frühen Christentums auf. 1367 wurde vom ungarischen König Ludwig dem Großen in Pécs die erste Universität des Landes gegründet. Die Alma Mater der 160.000-Einwohner-Stadt gilt heute mit ihren rund 34.000 Hörern als größte Universität Ungarns.

 

Bauten der Paschas, Juden, Schwaben

Der mondäne Charakter ist im Stadtbild sichtbar, wo die Einflüsse fremder Kulturen eklatant sind. Auf dem Hauptplatz steht die ehemalige Dschami des Pascha Kassim Gasi. Einen Steinwurf weiter ragt ein Minarett in den Himmel, das einst zur Dschami des Pascha Hassan Jakovali gehörte. Beide Bauten sind Relikte aus den Zeiten der rund 150 Jahre währenden Osmanenherrschaft in Ungarn. Doch auch Juden, Schwaben und Kroaten hinterließen ihre Spuren. Die Synagoge der Stadt ist eine architektonische Perle. Einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Ungarns, László Darvasi, umschrieb Pécs einmal folgendermaßen: „Das Berückende an dieser sonnenlichten, wallenden, von Süden, Westen und Norden her gleichermaßen atmenden Stadt ist, dass die großartige Konstellation römischer, türkischer und christlicher Einflüsse im städtischen Alltag einen belebenden Niederschlag findet.”

 

Blick vom „Tor zum Balkan“ zur Türkei

In Hinblick auf das Programm der Kulturhauptstadt schimmert das vielfältige historische und geistig-kulturelle Erbe unverkennbar durch. Pécs, das aufgrund seiner südlichen Lage ein „Tor zum Balkan“ ist, will bei einer Reihe von Veranstaltungen nicht zuletzt seiner Affinität zu den südslawischen Nationen gerecht werden. Ein Programmschwerpunkt wird auch die Türkei sein, was zum einen auf die Historie der Stadt zurückzuführen ist, zum anderen darauf, dass neben Pécs und Essen dieses Jahr auch Istanbul Kulturhauptstadt ist.

Im Rahmen des Kulturprogramms „Pécs2010“ wird die bildende Kunst besonderes Gewicht haben, insbesondere Avantgarde-Malerei und Bauhaus. Viele ungarische Künstler von Weltruhm stammen aus Pécs – darunter der Begründer von Op-Art, Victor Vasarely, und einer der wichtigsten Vertreter des Bauhauses, Marcel Breuer. Im Übrigen bietet Pécs Film-, Theater-, Literatur-, Tanz- und Musikfestivals. Was die Architekturprojekte angeht, springen vor allem drei Vorhaben ins Auge: ein für Pécser Begriffe gigantisches Konzert- und Konferenzzentrum, ein neu entstandener „Museumsbezirk“ auf dem weitläufigen Gelände und in den Gebäuden der ehemaligen Porzellanmanufaktur Zsolnay sowie eine hypermoderne Bibliothek. Auch der Stadtkern wurde für das Kulturhauptstadt-Jahr aufgeputzt. Am 10.Januar fällt der Startschuss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2010)

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