Albertina: Die Idylle trügt und drückt

Eine große Ausstellung widmet sich der unvergleichlichen Brillanz des „Wiener Aquarells“, dem Schnappschuss des Biedermeiers. Ein vor allem aristokratisches Hobby.

Jakob Alts Blick aus dem Atelier gen Dornbach, 1836. Der Ausblick ist das Bild, das uns verborgen bleibt.
Jakob Alts Blick aus dem Atelier gen Dornbach, 1836. Der Ausblick ist das Bild, das uns verborgen bleibt.
Jakob Alts Blick aus dem Atelier gen Dornbach, 1836. Der Ausblick ist das Bild, das uns verborgen bleibt. – (c) © Albertina, Wien

Warum, darf man sich schon fragen, zeigt man gerade heute in einer großen Ausstellung das „Wiener Aquarell“? Gemeinhin Inbegriff des lieblichen, pastelligen Biedermeier-Idylls? Betende Kinder, Damenhüte mit glänzenden Schleifen, rosige Wangen bei glücklichen Bäuerinnen? Leicht wird es einem nicht gemacht, in diesem bittersüßen Stoff – war er doch auch in seiner Zeit, dem späten 18. und dem 19. Jahrhundert, nur Illusion – aktuelle Relevanz aufzuspüren. Interessant ist jedenfalls, wie eine historische Epoche am Ende doch durch die Bilder, die sie überdauern, charakterisiert wird, ihr „Image“ erhält. Und wie dieses täuschen kann. Bis zur Märzrevolution 1848 galt schließlich Metternichsches Spitzelwesen und Zensur. Bei den Miniatur-Porträts der schönen Wienerinnen wurden die Pockennarben schlicht weggelassen, und dass Bilder nicht riechen, ist wohl ebenfalls ein gnädiger Zustand.

Heute haben wir für derlei Schönmalerei Photoshop und Filter, wer weiß, ob die Nachwelt einmal vor dem archivierten Instagram-Accounts Kim Kardashians in Anbetung verharren wird wie wir es heute vor den makellosen Porzellan-Gesichtern eines Josef Danhausers oder Josef Kriehubers tun. Das Aquarell war der Schnappschuss seiner Zeit, kurz vor der Popularisierung der Fotografie. Es war halbwegs günstig (im Vergleich zur Malerei) und ging schnell, musste es schon der Wasserfarben-Technik wegen. So hielt man fest, was einem gehörte, bringt es Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder auf den Punkt. Also Gattinnen, Kinder, ganze Landschaften, Schlösser, Interieurs.

 

Bei Kaisers ganz privat

Denn mit einem großen Irrglauben wird hier aufgeräumt: Das Biedermeier-Aquarell war kein Medium eines erstarkenden Bürgertums. Es entstand vor allem im Auftrag des Adels und des Kaiserhauses, war auch nicht zur Verbreitung, als Vorlage für Druckserien zum Beispiel, gedacht, sondern für den Familiengebrauch. Ganz am Anfang der 170 Werke umfassenden, von Maria Luise Sternath kuratierten Schau sieht man es: Hier überreichen 1776 die Gründer der Albertina, Albert von Sachsen Teschen und Marie Christine ihrer Mutter Maria Theresia ein Aquarell, das „die Verwandten in Italien“ zeigt. Den intimen Rahmen noch gesteigert hat Peter Fendi rund 60 Jahre später bei einem Auftrag, den er von Erzherzogin Sophie erhielt: Die Kinder, darunter den kleinen späteren Kaiser Franz Joseph und sie beim „Abendgebet“ zu zeigen. Man denkt an eine schwer bürgerliche Szene. Das war damals die Mode. Und die wurde vom Adel bestimmt. Nicht vom Bürger.

Das Aquarell war also auch politisches Medium zur Selbstdarstellung: Der steirische Erzherzog Johann etwa beschäftigte mehrere Kammer-Aquarellisten, um einerseits die Schönheit der steirischen Landschaft, eingebettet in diese aber auch immer die Modernisierungen, die von ihm gegründeten Fabriken, Betriebe darzustellen.

Dass man diese Blätter, in saftig strahlendem Grün natürlich, genauso wenig kennt wie ihre Maler, ist typisch, so Schröder: Sie arbeiteten ausschließlich für den Erzherzog und die Bilder sind bis heute in Familienbesitz. Es gab aber natürlich auch einige Stars unter den Wiener Aquarellisten, wie das ganze Wiener Aquarell an sich seit jeher international unterschätzt wird, so Sternath. Schließlich unterscheidet es sich vom englischen, französischen oder deutschen Aquarell seiner Zeit durch große zeichnerische Präzision, hohen Realismus und tatsächlich teils fulminante Brillanz, also Lichthaltigkeit. Ihr Meister war Rudolf von Alt, der „Chronist“ von Wien. Er arbeitete frei, wirtschaftlich gesehen, also ohne einen ausschließlichen Mäzen. Aber auch künstlerisch: Für unser heutiges, die Brüchigkeit, die Imperfektion in der Kunst suchendes Auge sind vor allem die (absichtlich) unvollendet gelassenen Blätter beeindruckend, bei denen das rohe Blatt Papier dominiert, Alts Wasserfallkaskaden aus Gastein etwa. Aber auch die Secessionisten um 1900 schätzten diesen dann schon sehr alten Grand Seigneur noch speziell, weil er sich so „moderner“ Themen wie der Eisenfabrik im Hinterhof annahm, die er von seiner Wohnung aus sah. Auch dieses Blatt gehört der Albertina, es war in der Secession ausgestellt, deren Ehrenpräsident Alt wurde. Schon sein Vater, Jakob Alt, war Aquarellist. Sein Blick aus dem Atelierfenster 1836, eine Ikone des Biedermeiers (siehe Abbildung), wirkt steht noch wie aus einer anderen Zeit. Er geht in die Idylle, ins Grüne, nach Dornbach. Und doch weiß man hier schon – diese Aussicht ist keine Realität, sie ist ein Bild, entworfen von dem Maler, der seinen Sessel vor der Staffelei nur kurz verlassen hat.

Wiener Aquarell, bis 13. Mai, tägl. 10–18h, Mi., Fr. –21h.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.02.2018)

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