Leopold Museum: Provinienz-Dossiers veröffentlicht

Der Herkunft von 23 strittigen Kunstwerken aus der Sammlung Leopold sind Provenienzforscher nachgegangen. Auf Bais der Ergebnisse soll nun ein Gremium feststellen, ob es sich um Raubkunst handelt.

Egger-Lienz: Die Bergmäher in der ORF-'Matinee': 'Albin Egger-Lienz - Ich male keine Bauern, ich male Formen', ORF2, SO, 02.03.2008, 09:30 UHR
Egger-Lienz: Die Bergmäher in der ORF-'Matinee': 'Albin Egger-Lienz - Ich male keine Bauern, ich male Formen', ORF2, SO, 02.03.2008, 09:30 UHR
(c) ORF (Leopold Museum)

Elf Dossiers der unabhängigen Provenienzforscher, die die Herkunft von 23 Kunstwerken im Leopold Museum beleuchten, sollen im Laufe des heutigen Mittwochs auf der Homepage des Kulturministeriums veröffentlicht werden. Nun wird ein zehnköpfiges Gremiums eingesetzt, das die Dossiers bewerten soll. Die Forschungsergebnisse über die Vorgeschichte des Erwerbs durch Sammler Rudolf Leopold dienen als Entscheidungsbasis darüber, ob diese Kunstwerke als restitutionswürdig angesehen werden müssten, wenn das Leopold Museum ein Bundesmuseum wäre und damit unter das Restitutionsgesetz fiele. Das Leopold Museum fällt als Nicht-Bundesmuseum nicht unter das Kunstgüterrückgabe-Gesetz.

Das Gremium unter dem Vorsitz des ehemaligen Justizministers Nikolaus Michalek soll die Dossiers bewerten und u.a. feststellen, ob "in den vorliegenden Fällen unter den Gesichtspunkten des - wenn auch hier nicht anwendbaren - Kunstgüterrückgabegesetzes der Tatbestand der Entziehung vorliegt und Handlungsbedarf für den Vorstand der Leopold Museum-Privatstiftung besteht". Dies teilte das Kulturministerium am Mittwoch in einer Aussendung mit.

Leopold Museum: "Faire Lösung"

Bis zum Sommer 2010 sollen erste Bewertungen vorliegen. Sollte das Gremium Werke als restitutionswürdig ansehen, so werde die Leopold Stiftung diese Empfehlungen "umsetzen" und mit den Anspruchsberechtigten Vergleichsverhandlungen für eine "faire Lösung" aufnehmen, sagte der kaufmännische Direktor Peter Weinhäupl.Von einer Rückgabe der beanstandeten Werke wollte er nicht sprechen: Es gehe um "eine faire Lösung im Sinne des Washingtoner Abkommens", so Weinhäupl. "Das wird sicher keine Abspeisung."

Sechs Dossiers wurden bereits auf der Homepage des Kulturministeriums veröffentlicht, die restlichen fünf sollen „in Kürze" publiziert werden. Darin finden sich detaillierte Angaben unte anderem über Beschlagnahmungen durch NS-Machthaber, nachfolgende Auktionen und Zwischenhändler, aber erwartbarerweise keine expliziten Empfehlungen für oder gegen die Rückgabe.

Schiele und Egger-Lienz

Die Berichte der Provenienzforscher Michael Hans Wladika und Sonja Niederacher sind Ende Dezember dem Leopold Museum übergeben worden - mit deutlicher Verzögerung gegenüber der ursprünglichen Planung. Die Dossiers behandeln die Provenienz von 23 Werken. Zu den unstersuchten Bildern gehören Egon Schieles „Entschwebung", „Offenbarung", „Stilisierte Blumen vor dekorativem Hintergrund" und "Häuser am Meer" sowie „Nach dem Friedensschluß", „Die Bergmäher" (I. Fassung) und „Waldinneres" von Albin Egger-Lienz.

Bei "Häuser am Meer" halten die Provenienzforscher fest: "Am 3. Oktober 1938 wurde das Bild 'Häuser am Meer' aus der Wohnung Jenny Steiners zusammen mit anderen Bildern beschlagnahmt." Im Dossier werden Parallelen zum ebenfalls später im Dorotheum versteigerten Klimt-Gemälde "Landhaus am Attersee" gezogen, dessen Rückgabe aus dem Belvedere der Restitutionsbeirat empfohlen hat. Die Provenienzforscher haben auch ein Glied in der Provenienz-Kette entdeckt, das "in den Provenienzangaben sämtlicher Werkverzeichnisse und anderer Publikationen nicht erwähnt worden" ist: Josefine Ernst hat das Bild nach der Beschlagnahmung in einer Dorotheums-Auktion ersteigert und es dann ihrem Sohn Johann Ernst geschenkt, der es Leopold verkauft hat.

Das zehnköpfige Gremium soll sich nun mit der Bewertung der Dossier-Ergebnisse beschäftigen. "Diese Bewertungen wird das Gremium dem Vorstand der Leopold Museum-Privatstiftung übermitteln. Das Kulturministerium und die Öffentlichkeit werden ebenfalls über diese Bewertungen informiert", so Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ). Auf diese Art sollen "gemeinsam klare Fakten und Grundlagen für verantwortungsvolle Entscheidungen des Vorstandes" geschaffen werden.

"Die komplexe rechtliche und historische Situation hat jahrelang ein gemeinsames lösungsorientiertes Vorgehen im Interesse aller Beteiligten erschwert", so Schmied, die auf eine "nicht bestehende zivilrechtliche Verpflichtung" für die Leopold-Stiftung zur Rückgabe verwies.

Grüne: "Und wieder ein Arbeitskreis"

ÖVP-Kultursprecherin Silvia Fuhrmann sieht in der Einsetzung des Gremiums einen "nächsten und wichtigen Schritt in der Frage der Provenienzforschung der Leopold Stiftung gesetzt". Der Kultursprecher der Grünen, Wolfgang Zinggl, kritisierte, dass weder der Zeithorizont bekannt sei, den das Gremium für seine Bewertung in Anspruch nehmen wird, noch "welche Konsequenzen seine Berichte nach sich ziehen". Zinggl: "Und wieder ein Arbeitskreis. Ich kann es kaum fassen."

 

Das Gremium

Vorsitzender:

Ex- Justizminister Nikolaus Michalek

Mitglieder:

Harald Dossi
Clemens Jabloner
Manfred Kremser
Franz Stefan Meissel
Eva Novotny
Helmut Ofner
Theo Öhlinger
Peter Rummel
Ferdinand Trauttmansdorff

(APA/Red.)

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