Otto Wagner, Weltstadtarchitekt

Seine Ideen für das Wien seiner Zeit erstaunen heute noch: Das Wien-Museum präsentiert Otto Wagner als visionären Wegbereiter der Architektur des 20. Jahrhunderts.

Die Stadtbahnstation Schwedenplatz (mittlerweile zerstört) um 1902.
Die Stadtbahnstation Schwedenplatz (mittlerweile zerstört) um 1902.
Die Stadtbahnstation Schwedenplatz (mittlerweile zerstört) um 1902. – (c) Wien Museum

Wer durch Wien spaziert, begegnet Otto Wagner. Kein Architekt übt eine derartige Faszination aus. Wiederentdeckt wurde der vor 100 Jahren verstorbene Wagner im Zuge der „Wien um 1900“-Welle vor 30 Jahren, die bis heute Ströme von Besuchern, darunter viele Architekturtouristen, in die Stadt lockt. Wagner wird hier oft als leicht konsumierbarer Jugendstil-Architekt vermarktet, mit der Radikalität seiner künstlerischen Ideen hat das wenig zu tun.

Erstaunlich, wie rasch sein Name nach 1918 in Vergessenheit geriet, hatte er doch bis dahin den „Kommandostab“ in der Architekturszene (nach eigener Formulierung) fest in der Hand. Das Wissen um ihn ist abgesehen von vielen Klischees lückenhaft geblieben. Nun wird alles wiedergutgemacht. Das Wien-Museum zeigt die bisher größte Ausstellung zu Wagners Gesamtwerk, kuratiert wird sie von Andreas Nierhaus und Eva-Maria Orosz. Ein Untertitel ist schlicht nicht nötig: Die Ausstellung heißt „Otto Wagner“. Man kennt ihn ohnehin. Das ganze Obergeschoß hat das Museum dafür freigemacht, rund 1000 Quadratmeter. Direkt aus dem Nachlass des Verstorbenen hat das Museum vor 100 Jahren mehr als 500 Objekte erhalten. Man schöpft also aus dem Vollen.

 

Seiner Zeit weit voraus

Was wenig bekannt war, wird besonders betont, zum Beispiel das Frühwerk Wagners, das noch vom Historismus der Ringstraßenära geprägt war. Schritt für Schritt kann man anhand der Planskizzen nachvollziehen, wie sich Wagner von diesem Stil abwandte. Sein Interesse an Zweck, Material und Konstruktion nahm zu. Überhaupt sind die kostbaren Zeichnungen die eigentliche Sensation. Wagner zeigt hier eine Radikalität, mit der er seiner Zeit weit voraus war. Viele dieser Blätter waren noch nie zu sehen.

So wie das Wien um 1900 ein „Palimpsest von Epochen und Stilen“ war (Matti Bunzl), so verlief auch die künstlerische Laufbahn Wagners nicht linear, sondern mit erstaunlicher Wandelbarkeit. Nach der Abwendung vom Historismus kam seine relativ kurze „secessionistische“ Zeit des Jugendstils, die schließlich in der nüchternen Funktionalität des Spätwerks endete. Seine bekanntesten Bauten – die Wohnhäuser an der Linken Wienzeile, die Stadtbahn, die Kirche am Steinhof, die Postsparkasse – werden begleitet von einer Unzahl nicht ausgeführter Projekte. Adolf Loos sagte im Todesjahr Wagners, er selbst hätte die Ablehnung der kleingeistigen Zeitgenossen, wie sie Wagner erlebt hat, als Architekt nicht ausgehalten.

Monat für Monat legte Wagner Entwürfe und Projekte vor. Und rannte oft gegen Mauern der Provinzialität an. Verständlich, dass während des Ersten Weltkriegs mehr entworfen als gebaut wurde, aber schon vorher hatte sich der kompromisslose Otto Wagner, dem es auch nicht an Selbstbewusstsein mangelte, viele Gegner geschaffen. Ein Mann, der sich die Biedermeier- und Barockstadt als moderne Metropole imaginierte, musste mit Gegnerschaft rechnen. Das ist zugleich die Geschichte eines destruktiven Kulturkampfs zwischen Traditionalisten und Modernisten, mit Ränkespielen, Bürgerinitiativen und Unterschriftensammlungen. Darin hat sich Wien nicht geändert.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf Wagners Großstadtvisionen, seinen städteplanerischen Konzepten. Sie zeigen ihn als großen visionären Optimisten. Wien wuchs damals rasant wie heute. Das ruft Angst hervor. Nicht aber bei Wagner. Er hat Wachstum als Chance gesehen und Visionen einer Moderne entworfen, die funktioniert. Die Konfrontation mit den technischen Anforderungen des modernen Großstadtverkehrs spornte ihn an, der Bau der Wiener Stadtbahn wurde der größte Auftrag, den Wien damals zu vergeben hatte. Wagner meisterte das mit seinem Atelier von 70 Mitarbeitern. Sein Glaube an die Möglichkeiten eines urbanen Wien sind das eigentlich Faszinierende an Wagner.

Letztlich geht es also in der Ausstellung nicht nur um eine faszinierende Künstlerpersönlichkeit und ihr Werk, sondern auch um die brennend aktuelle Frage des kulturellen Stellenwerts von Architektur. Schwer vorstellbar heute, dass Wagners Bauten zu Beginn der Zweiten Republik vom Abriss bedroht waren und erst in den 1960er-Jahren ein langsames Umdenken begann.

Unglaublich auch, dass die letzte große Otto-Wagner-Ausstellung in Wien 55Jahre her ist. Das spornt an, ins Wien-Museum zu gehen und auch den sensationell schönen Katalog zu lesen. Es ist vielleicht für viele die letzte Chance in ihrem Leben, Otto Wagners Werk derart fundiert präsentiert zu bekommen. Man sollte sie nützen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2018)

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