Zoran Mušič: Die Schärfung des Blicks

Eine Ausstellung, die zur wesentlichen Erfahrung wird: Zoran Mušičs Bilder vom Verschwinden des Lebens. Aus dem KZ. Aus dem eigenen Körper.

Nur noch die Erinnerung an sich selbst. Selbstbildnis, 1990, aus der Sammlung Essl.
Nur noch die Erinnerung an sich selbst. Selbstbildnis, 1990, aus der Sammlung Essl.
Nur noch die Erinnerung an sich selbst. Selbstbildnis, 1990, aus der Sammlung Essl. – (C) Albertina/Sammlung Essl/Bildrecht 2018

Man ist letztendlich dankbar. Auch dafür, nicht sofort hineingeworfen worden zu sein ins stille Grauen, nicht sofort konfrontiert zu werden mit den Bildern, die als zentral gelten im Werk des slowenisch-italienisch-altösterreichisch-Pariser, ach was: mitteleuropäischen Malers und Zeichners Zoran Mušič (1909–2005). Bevor man im kleinen, grauen Raum steht und die 1944/45 im KZ Dachau entstandenen Zeichnungen betrachtet, betrachten muss, betritt man erst einmal sattes, volles Leben.

Als Sohn einer Lehrerfamilie 1909 in Bukovica bei Görz geboren, geht der junge Mušič nach Zagreb auf die Kunstakademie, ist aktiv, vernetzt sich, reist nach Wien, gut zehn Jahre nach dem Tod von Klimt und Schiele. Doch das beeindruckt ihn weniger als seine Spanienreise, als Velázquez und Goya im Prado 1935. Mušič wird bekannter, hat erste Einzelausstellungen in Triest, in Venedig, wohin er schließlich zieht. 1944 wird er dort wegen Kontakten zum antideutschen Widerstand verhaftet. Er weigert sich zu kollaborieren. Und eine Biografie wendet sich. Er wird nach Dachau verschickt. Mušičs Erfahrungen während seiner 200 Tage dort waren persönlich tragisch. Aus dem davor sichtlich noch so suchenden Maler aber wird ein Zeitzeuge und ein Jahrhundertkünstler.

 

Ein ganzes Jahrhundert hat er erlebt

Dass man diesen in Wien zu wenig kennt, mag den geringen Anknüpfungspunkten geschuldet sein, die Mušič hierher hatte, trotz Bekanntschaften zu Kokoschka, zu Hundertwasser. Die Ausstellungen sind spärlich, die letzten liegen über 20 Jahre zurück, in der Albertina, in der Sammlung Essl. Damals lebte der Maler noch, zurückgezogen in Venedig, des Augenlichts schon großteils verlustig. Fast 100 Jahre alt wurde er, die letzten Jahre vor seinem Tod 2005 verbrachte er umnachtet. Hinter ihm lag eine große Karriere, 1948 nahm er an der ersten Biennale Venedig nach dem Krieg teil, dann nochmals 1950, 1954, 1956, 1982 und 1985, ebenso bei den Documenta-Ausgaben 1955, 1959, 1977. Er hatte große Ausstellungen in Venedig, Rom, Paris. Im Leopold-Museum ist ihm jetzt die bisher größte Retrospektive in Österreich gewidmet, mit 170 Gemälden und Zeichnungen, kuratiert von Ivan Ristic und Direktor Hans-Peter Wipplinger. Man darf sie nicht ungesehen vergehen lassen.

Das Vergehen zieht sich durch dieses Werk, das nicht umsonst mit dem frühen des im selben Jahr geborenen Francis Bacon verglichen wird. In Mušičs später Serie seines teils nackten, entschwindenden Körpers, in diesen fahlen, bitteren Selbstporträts eines Augenmenschen, der sich selbst nur noch schemenhaft wahrnimmt, übertrifft er ihn sogar. Platziert in einem ebenfalls düsteren Raum, verlassen einen hier angesichts dieses gebückten Wesens, das in „Der gelbe Sessel“ nur mühsam noch seine Form zu halten scheint, selbst fast die Kräfte. Alles hinter Schleiern. Nur noch Erinnerung. Wie diese rothaarige Frau, die immer wieder aus schwarzen Schatten taucht. Man nimmt nur sie und ihn mit aus dieser Ausstellung, nur zwei Menschen konnte er je wirklich porträtieren, sagt auch Mušič – sich selbst und seine Frau, Ida (die diese Ausstellung um nur drei Monate nicht mehr erlebt hat). Alle anderen schienen ihm Masken, sagte er.

Wie die vom Schmerz verzerrten Masken des Menschlichen, die er in Dachau gezeichnet hat. Teils verborgen, auf unter dem Hemd geschmuggelten Blättern. Von 100 dieser skizzenhaften Bilder konnte er 20 retten, den Rest vernichtete er selbst aus Angst vor Entdeckung, berichtete er. Kohle, Kreide, Tinte hatte er zur Verfügung, sein Talent war nicht unbemerkt geblieben, auf SS-Befehl zeichnete er Ansichtskarten. Wochenlang nach der Befreiung aber nur noch Leichen, Leichen, Leichen.

 

Nach dem KZ musste er verdrängen

Das musste Mušič verdrängen. In den Jahren nach 1945 entstanden die heitersten Bilder seines Lebens, das er wieder in Venedig, bald auch in Paris verbrachte. Für seine naiven Pferdebilder wurde er schließlich bekannt, dann versuchte er sich im Umkreis der neuen Pariser Abstrakten an immer reduzierteren Landschaften, bis nur noch Striche und Flecken blieben. Seine Bilder wurden schlichter, die Farben bräunlich, die Formen verschwammen. Doch die erneuten Kriege, Vietnam, Korea, ließen bei Mušič 1070 die Toten wieder auftauchen. Mit dem Zyklus „Wir sind nicht die Letzten“ malte und zeichnete er sich ein Vierteljahrhundert nach dem Erlebten in die Kunstgeschichte ein; solche Bilder kann nur malen, der das erlebt hat. Wie Albträume, die sich auf der Leinwand nur notdürftig materialisieren, aufgerissene Münder, verkrampfte Finger, leere Augen, übereinandergeworfene Glieder.

Man sollte noch einmal durch die Ausstellung gehen, in welche Richtung auch immer, diese Bilder werden einen verfolgen, überall wird man sie sehen. Und dann setzt man sich wieder, vor den „Gelben Sessel“, und blickt zurück zu diesem Mann, dessen Augen man nicht mehr sieht, der hier vor einem verschwimmt und verschwindet, auf dessen Gegenwart man sich konzentrieren muss. Und ja, das schärft den Blick.

Zoran Mušič, Poesie der Stille, bis 6. August, tägl. 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2018)

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