Wo bleibt die Subversion der Hexenkünste?

Kunstraum NÖ. Die Schau „Magic Circle“ zeigt Arbeiten aus der „queer-feministischen Widerstandskultur“.

Roxanne Jackson gestaltet trashige Hexenkrallen aus Keramik: „Metal Goddess“, 2017.
Roxanne Jackson gestaltet trashige Hexenkrallen aus Keramik: „Metal Goddess“, 2017.
Roxanne Jackson gestaltet trashige Hexenkrallen aus Keramik: „Metal Goddess“, 2017. – (c) JSP Art Photography

Seit der Präsidentschaft Donald Trumps hat die US-amerikanisch geprägte Hexenwissenschaft wieder Fahrt aufgenommen. Nicht nur, dass von Popstars wie Lana Del Rey zu rituellen Flüchen gegen ihn aufgerufen wurde, es wurden auch vor dem Weißen Haus Fotos verbrannt. Wobei auch Trump selbst, bei anderer Gelegenheit, eine „Hexenjagd“ gegen sich gerichtet sah, was dementsprechend verwirrend ist.

Die Reklamation des Begriffs „Hexe“ ist also so viel- wie wechselseitig, von rechter wie linker politischer Seite, von Mainstream-Medien wie der „Vogue“, die Frauen dazu aufgerufen hat, die „Hexe in sich“ wiederzuentdecken bis zu touristischen Esoterik-Zentren wie der „Hexenstadt“ Salem. Und von radikalen Feministinnen weltweit, die sich auf Wissenschaftlerinnen wie die marxistische US-Italienerin Silvia Federici und ihr Buch „Caliban und die Hexe“ berufen. Darin legt sie dar, wie die Hexenverfolgung im späten 16. Jahrhundert neben dem Kolonialismus wesentlich zum Wechsel von Feudalismus zu Kapitalismus beitrug: Es ging um die „Domestizierung“ und „Disziplinierung“ der Frauen sowie der Arbeiterklasse und jeglichen Rebellentums an sich.

Federicis Buch dient auch als eine der Grundlagen für die Ausstellung „Magic Circle“, die im Kunstraum NÖ läuft, bei der allerdings weder zur Bannung der Regierung aufgerufen wird, noch Fotos von Sebastian Kurz oder H.-C. Strache rituell verbrannt werden. Das ginge im feudalen Hof des Palais Niederösterreich wohl doch zu weit. Aber auch sonst kommt diese von Katharina Brandl und Daniela Brugger kuratierte Ausstellung von „beeindruckenden Arbeiten aus der queer-feministischen Widerstandskultur“ auffällig zahm daher.

Fürchten muss man sich wirklich nicht. Gleich zu Beginn wird es sogar humoristisch, wenn die US-Künstlerin Roxanne Jackson die als Frauenkunstgewerbe verschriene Keramik dafür nutzt, trashige Hexenkrallen-Kerzenhalter herzustellen, mit langen, exaltiert manikürten Nägeln, fleckig-bunter Murano-Optik und schrillem Kunstpelz. Sozusagen das Gmundner Geschirr des heutigen Hexenhaushalts. Was nur, eingedenk Federicis Frauendomestizierungstheorie, auf die erneute Domestizierung des Hexenrepertoires durch die Popkultur seit den 1970er-Jahren hinweist.

Dieses Dilemma bestätigt die Analyse bzw. das „okkulte Close-Reading“ von Katy Perrys Musikvideo „Dark Horse“ durch die in Wien lebende Künstlerin Karin Ferrari: Die superglatte, pseudo-ägyptische Historieninszenierung wird in diesem Video auf versteckte verschwörungstheoretische Botschaften untersucht wie dem Symbol der „Augen“ für die „Sehenden“ oder der Erkenntnis, dass der Blickkontakt der „Sonnengöttin“ Katy Perry mit einem der Diener auf dem Kahn die so wesentliche Beziehung der Pop-Stars mit ihren Fans symbolisiere.

Die junge südafrikanische Künstlerin Tabita Rezaire druckt Neo-Hippie-Plakate ihrer selbst aus, für die sie eine eigene Ikonografie als Göttin der Google-Esoterik entwickelt. Eine ähnliche Ästhetik hat die New Yorkerin Robin Kang für ihre Wandteppiche gewählt, in denen digital verarbeitete magische Symbole handgewebt werden.

 

Mehr Geheimnis, bitte

Eine vergleichsweise verschlüsselte Arbeit ist das an Franz West erinnernde Gipsungetüm, in das zwei Künstlerinnen ihre Gedanken zum Begriffspaar „Hexe/Hecke“ hineingeheimnissen. Was gar nicht schlecht passt, ein wenig Geheimnis würde dem Thema guttun. Das Video „9 is 1 and 10 is none“ von Veronika Eberhart ist in diesem Sinn das schwarze Herz dieser Ausstellung: In einer leer stehenden, staubigen Fabrikshalle (Kapitalismus!) wird eine geheimnisvolle Zusammenkunft (Hexen!) geheimnisvoller Gestalten (Queer!) in Catsuits (Pop) inszeniert.

Ein bisschen Markus-Schinwald-Unheimlichkeit schwingt hier mit, aber das könnte bei den Jahrgängen der meisten hier vertretenen Künstlerinnen durchaus schon als historische Referenz interpretiert werden. Wer sich dann doch noch ein bisschen fürchten will, dem sei der Katalog empfohlen, in den man anscheinend den Großteil der Subversivität versteckt hat, hex-hex: Hier darf man ein Blatt mit Geheimschrift über eine Kerze halten. Und kann den Zauberspruch nachlesen, mit dem sich queer-feministische Kunstschaffende vor ästhetischer Ausbeutung durch „weiße cis-männliche Künstler“ schützen können. Oder Künstlerinnen vor der Gefahr, von einem männlichen Künstler ermordet zu werden. Und umgekehrt wahrscheinlich.

Magic Circle, bis 15. Mai, Herrengasse 13, Wien 1, Di.–Fr., 11–19h, Sa., 11–15h, Eintritt frei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2018)

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