Galerie Charim: Ein Perlenohrring auf Zeitreise

Dorothee Golz stellt in der Galerie Charim ihre "digitalen Gemälde" aus.

Perlenohrring Zeitreise
Perlenohrring Zeitreise
Der Perlenohrring – (c) APA/Charim Galerie, Wien (Charim Galerie, Wien)

Madame Féron (1500 bis ca. 1530) war die Mätresse des französischen Königs Franz I. Was ihrem Gatten nicht behagte – der steckte sich aus Rache in einem Bordell mit Syphilis an, was seine Frau an den Herrscher weitergab, der daraufhin unfruchtbar wurde. Da Vinci porträtierte diese „Belle Ferronière“ in züchtiger Haltung hinter einer rätselhaften Ballustrade. Dorothee Golz holte sie wie eine Zeitreisende ins Heute: Madame Féron trägt jetzt Jeans und ein sexy graues Top, sie posiert aufreizend wie ein Model. Der hölzerne Balken drehte sich um 90 Grad und dient jetzt als Türstock, das dunkle Rot des Kleides prägt den Hintergrund.

Es sind diese Details, die aus den „digitalen Gemälden“ der in Deutschland geborenen, seit 1988 in Wien lebenden Künstlerin mehr machen als faszinierende Spielereien am Computer. Diese altmeisterlichen Gesichter auf neuen Körpern, in heutigen Wohnungen, Ausstellungen, auf der Straße zwischen Punks sind zauberhafte Werkzeuge der Irritation, der Hinterfragung von Rollenmodellen damals wie heute.

Madonna, Margarete, Eleonora, Anne van Cleve oder Albrecht Dürer versammeln sich unter dem Titel „Der Perlenohrring“, wie diese erste Einzelausstellung von Golz in der Galerie Charim heißt (Preise von 3400–18.000). Die Ausstellung weist aber auch darauf hin, dass die Künstlerin sich eigentlich als Bildhauerin versteht, als die sie bei der documenta X auch bekannt wurde. Die zarten Wandzeichnungen, in die sich die Wand zu wölben scheint, als Babybauch, als Tisch, sind ebenso Rauminszenierungen wie es die bearbeiteten Fotografien eigentlich sind.

Bis 10.April, Dorotheerg. 12.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.03.2010)

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