„Sehr schwieriger“ Schiele

Die internationale Schiele-Expertin Jane Kallir spricht über den Moderne-Markt, ihr digitales Schiele-Verzeichnis und wechselnde Geschmäcker der Käufer.

Jane Kallir ist die wichtigste international anerkannte Schiele-Expertin und Autorin des 1990 veröffentlichten Werkverzeichnisses.
Jane Kallir ist die wichtigste international anerkannte Schiele-Expertin und Autorin des 1990 veröffentlichten Werkverzeichnisses.
Jane Kallir ist die wichtigste international anerkannte Schiele-Expertin und Autorin des 1990 veröffentlichten Werkverzeichnisses. – (c) Stanislav Jenis

Das Jahr 2018 steht ganz im Zeichen der Wiener Moderne, denn vor 100 Jahren starben vier ihrer wichtigsten Protagonisten: Gustav Klimt, Egon Schiele, Otto Wagner und Koloman Moser. Auf dem internationalen Kunstmarkt wird sich das Jubiläumsjahr auf die Verkaufspreise der Moderne-Künstler jedoch nicht auswirken, sagt Jane Kallir, wichtigste international anerkannte Schiele-Expertin, Autorin und Händlerin von österreichischem und deutschem Expressionismus in New York, in einem Gespräch mit der „Presse am Sonntag“.

Kallir ist Autorin des 1990 veröffentlichten Schiele-Werkverzeichnisses und Enkelin von Otto Kallir, Betreiber der Wiener Neuen Galerie bis zu der aufgrund der Verfolgung durch die Nationalsozialisten erzwungenen Emigration nach New York im Jahr 1938. Otto Kallir hatte 1930 die erste umfassende Monografie zu Egon Schiele verfasst. Derzeit ist Kallir dabei, das Werkverzeichnis von Schiele zu überarbeiten, zu digitalisieren und zumindest einen wesentlichen Teil davon online öffentlich zugänglich zu machen. Sie ist auf Einladung der Kunsthändler Wienerroither & Kohlbacher in Wien, um ihr Onlinewerkverzeichnis der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Als Händlerin beobachtet sie den Markt sehr genau und hat seit der Rezession 2008 für Schiele ebenso wie für die klassische Moderne im Allgemeinen eine stärkere Volatilität wahrgenommen. „Manche Objekte erzielen hohe Preise, andere enttäuschen, und manche Arbeit bleibt unverkauft.“ Natürlich sei die Rezession an sich schlecht für den Kunstmarkt gewesen, aber als sich dieser wieder erholte, habe er sich sehr selektiv erholt.

Wenig Ware. Ein gutes Beispiel sei Schieles coloriertes „Knieendes Mädchen, sich den Rock über den Kopf ziehend“, das vergangene Woche bei Christie's in London den oberen Schätzwert mehr als verdoppeln konnte und 1,6 Millionen Pfund erzielte. „Das war ein wunderschönes Blatt und hat den erzielten Preis verdient“, sagt die Expertin. Solche Arbeiten kommen immer seltener auf den Markt. „Die Käufer sind wählerischer geworden, und es gibt weniger qualitativ hochwertige Ware zur Auswahl“, subsumiert Kallir die Marktsituation. Der ausgetrocknete Markt habe zudem dazu geführt, dass mehr und mehr Sammler sich der Nachkriegskunst und der zeitgenössischen Kunst zuwenden.

Vergleicht man den Markt für Schiele und Klimt über die letzten 15 Jahre, dann habe es für Klimt immer mehr Interesse gegeben als für Schiele. „Klimt ist dekorativer und zugänglicher, Schiele kann sehr schwierig sein“, sagt Kallir. Schieles malerisches Œuvre sei ein Fall für sich. Einerseits gibt es sehr wenige Gemälde und die wirklich guten Werke seien in den Museen. Wichtige Werke kämen fast nur aufgrund von Restitutionen auf den Markt. Neben dem Mangel an Material spiele der Erhaltungszustand eine große Rolle bei Schiele. „Schiele hat seine Bilder auf Kreidegrundschichten gemalt, das ist ein sehr brüchiger Malgrund, der sich mit dem Lack oder Leim verbindet. Somit kann das Werk nicht gut restauriert werden und verliert seine Leuchtkraft“, schildert Kallir.

Restitution hilft Preisen. Anders sieht es bei Klimt aus. Preise für Klimt seien mit den Restitutionsfällen gestiegen. Zu den spektakulärsten Rückgaben gehörten die fünf von der Galerie im Belvedere restituierten Klimt-Gemälde an die Erben von Ferdinand Bloch-Bauer im Jahr 2006. Der Verkauf der „Goldenen Adele“ an den Kosmetikmagnaten Ronald Lauder um kolportierte 135 Millionen Dollar schrieb Geschichte. Neben dem Verkauf der „Goldenen Adele“ wurden die vier verbleibenden Werke aus dem Belvedere im Auktionshaus Christie's versteigert. Das Porträt von „Adele Bloch-Bauer II“ erzielte knapp 89 Millionen Dollar, die restlichen drei Klimts kamen insgesamt auf 104 Millionen. Das führte zu einer steigenden Nachfrage.

„Klimt fertigte Dutzende Studien zu Adele Bloch-Bauer an. Bevor Ronald Lauder die „Goldene Adele“ erwarb, waren diese Zeichnungen nichts wert. Danach gehörten sie zu den teuersten Zeichnungen Klimts“, sagt Kallir. Inzwischen seien die Preise für Klimtzeichnungen mit der Rezession wieder im Sinken begriffen. Heute sind die späteren, erotischen Zeichnung Klimts am gesuchtesten. „Besonders wertvoll sind die Zeichnungen, wenn sie in blauer oder roter Farbe oder im Idealfall in blauer, roter und grauer Farbe sind und einen dekorativen Stoff beinhalten“, so die Expertin.

Ein Blick in die Preisdatenbank Artprice bestätigt, dass unter den höchsten erzielten Auktionspreisen für Zeichnungen von Klimt nur wenige nach dem Jahr 2008 zu finden sind. Unter den zehn höchsten Preisen ist ein „Stehender Halbakt. Mit Verdecktem Gesicht von Vorne“ aus dem Jahr 1908/09, der 2015 bei Sotheby's 338.846 Euro erzielte.

Eine weitere für Kallir unverständliche Entwicklung unter den Wiener Künstlern der Moderne betrifft Oskar Kokoschka. „Kokoschka ist ein Problemfall, selbst in Österreich. Die Preise für seine Arbeiten gehen zurück, und seine Werke sind sehr schwer zu verkaufen. Und niemand unter uns Händlern hat eine Erklärung dafür“, sagt die Expertin. Käufer interessierten sich nur für Arbeiten, die vor dem Zweiten Weltkrieg entstanden sind und selbst aus der Periode verkaufe sich nicht alles. „Es ergibt keinen Sinn. Denn tatsächlich gibt es viele Gemeinsamkeiten von Kokoschkas Arbeit und der von zeitgenössischen Künstlern, insbesondere jenen aus den 1920er- und 1930er-Jahren“, rätselt Kallir.

Einzige US-Händlerin. Heute ist Kallir die einzige Händlerin in den USA, die auf Schiele, Klimt und die Künstler der Wiener Moderne spezialisiert ist. „Schiele etablierte sich international in den USA und Großbritannien mit den Flüchtlingen des Nationalsozialismus. Sie nahmen die Werke mit. Wenn sie es weggeschafft hatten, war es kein Problem, die Kunst auszuführen, und so nahmen die Flüchtlinge viel Kunst ins Exil mit“, sagt Kallir. In den 1960er-Jahren habe es sicherlich drei bis vier Händler in New York und zumindest einen an der Westküste in Los Angeles gegeben, die auf Schiele und Klimt spezialisiert waren. Doch diese Händler seien inzwischen gestorben, und der Markt sei internationaler geworden. „Der Markt ist gleichzeitig größer und kleiner geworden. Einerseits ist der Markt globaler geworden, aber gleichzeitig werden immer weniger Arbeiten angeboten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.07.2018)

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